„Ich kam nach St.-Marie-aux-Mines. Aber hier war der Empfang unter Lagerführer Fritsche, 1) Obersturmführer, grausam. Tag um Tag gab es „Bock“ (Prügelstrafe). Wir wurden in der Teinturie Diehl (Textilfabrik) eingesperrt und morgens in den Tunnel getrieben (ca. drei km Fußmarsch). In der Teinturie Diehl waren fast keine Betten und 250 Mann lagen zwischen Maschinen und dergleichen. Jule Boschen 2) (alter Genosse, Lagerältester), Nicolas Birtz 3) (Schreiber), Mathias Freppert 4), Roger Ewert, 5) Pierre Heck 6) und ich waren als Luxemburger in St. Marie. Die SS-Leute unter Führung von Hauptsturmführer Fritsche wussten nicht was anfangen: 250 Polen, Russen, 1 Deutscher, 5 Luxemburger. Anderntags kam Lossacker 7) zu mir, ein Bauführer (der Organisation Todt), mir bekannt von Obernai. Er teilte mir mit: Vorsicht, die Organisation Todt kommt morgen an. Er bot mir Schiebereien an. Aber meine List und Ehre wollten diese nicht. Die Organisation Todt war streng und die Häft- linge waren nicht stark genug, um dieses Pensum durchzustehen. Wir hatten am Anfang Tote und Tote. Und dann Ruhr, wegen der Hygiene. Jeden Tag mussten 250 Mann an die Arbeit im Tunnel. Welch ein Chaos. Die ersten Tage waren ganz klar Folterei. Die Leute wurden getreten wie das Vieh. Keine Schaufeln, nur mit den Händen arbeiten, nichts als Steine. Fazit: an einem Tag 6 Tote. Die mangelnde Hygiene brachte die Ruhr, Flecktyphus, 14 bis 100 Tote. Dann hieß es, 8 Leute fehlen, abgehauen über Lusse (Westportal des Tunnels) ins Freie. Es waren 8 Russen. [Die] Bauern wurden verfolgt. Wegen meinem Französisch war ich als Dolmetscher eingesetzt. Ja, das war Folter. Es wurde anders. Die Führung wurde abgelöst. Kommandant wurde SS-Untersturmführer Eugen Wurth 8) aus Mahlberg. Kommandant Wurth kam mit seiner Mannschaft. Frischer Wind. Nur drei Wochen später wurden Baracken gebaut für 500 Mann. Es ging besser. Fünf Luxemburgern wurde eine bessere Arbeit zugeteilt: Jule Böschen (Jules Boulanger), ein alter Genosse, war eingeteilt als Lagerältester, Mathias Freppert als Arbeitseinteiler, Nicolas Birtz als Schreiber, Pierre Heck als Metzger, Roger Ewert als Sanitäter und ich kam in die Großbäckerei nach Colmar und hatte Kontakt mit der Bevölkerung. Unterdessen waren Charles Toussaint 9) mit 8 Mann nach Fraise (Ort in den Vogesen, in der Nähe von St.-Marie-aux-Mines) abgehauen. (Die) Unternehmer Schroth 10) und Gugelwein 11) wurden gedemütigt und bedachten sich schon mit Schiebereien. Die Bevölkerung war Klasse für alle Häftlinge. Fritsche wurde mit seiner Mannschaft nach der Front abgeschoben. Freppert starb. Dann kam ich wieder in den Tunnel, wo ich Beziehungen mit vielen Elsässern hatte und bekannt wurde. Ich musste auch wieder nach Colmar, jeden Morgen von 2 Uhr bis 8 Uhr abends - Wurth nahm Kenntnis von meinen Beziehungen. Weil ich einige Sprachen beherrschte, suchte er mich auf und ich musste mit großem Schweigen Dienst für ihn nebenbei leisten. Er „bat“ mich seinen Aufgaben zu folgen, „Oder“. Er bereicherte sich mit Unterschlagungen und dergleichen und oftmals musste ich mit Lastwagen nach Lahr und Mahlberg fahren, wo ich bei seiner Familie viele Lasten ablud. Halt gemacht wurde auch in Haslach und Villingen bei Mauser. Er war ein Egoist und Materialist. Mein Leben stand jeden Tag auf „Heute oder Morgen.“ 12)
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2) Boulanger, Jule, * 2.10.1898 in Malaga, + 15.2.1945 in Dachau, # 15327, Sch., Wälzer, verh., 3 Kinder, kath., Belgier. Am 6.9.1944 in Natzweiler eingeliefert. Vgl. ITS 1.1.6.7\BOM-BRAC\1377.
