Die ab März 1943 zunehmenden alliierten Bombenangriffe führten ab dem Frühjahr 1944 dazu, die „kriegsentscheidende Rüstungsproduktion“ zu verbunkern, d.h. in bestehende und geeignete Höhlen oder in ausgebaute Eisenbahntunnel „unter Tage“ zu verlagern. 1) Neben dem Bau der „BMW-Bunkerhalle“ bedeutete dies auch für BMW umfangreiche Verlagerungen der Allacher Produktion. Am 22. Mai 1944 begann der Umzug eines Teils der BMW-Flugmotorenproduktion von München-Allach in den etwa 7 km langen, stillgelegten Eisenbahntunnel nach Markirch im Elsass (Frankreich), der zuvor von KZ-Häftlingen umgebaut worden war. 2) Die Auswahl der Häftlinge für dieses Arbeitskommando erfolgte gemeinsam durch BMW, SS und der am Tunnelbau beteiligten Baufirmen u. a. im KZ-Dachau und Außenlager Allach. Der Zeichner und Grafiker Georg Tauber (Häftlingsnummer: 101408) hat eine solche Szene im KZ-Dachau miterlebt und zeichnerisch dokumentiert. 3) Sein Bild oben trägt den Titel: „Häftlinge werden ausgesucht für den berüchtigten Tunnelbau Markirch.“ Nicolai Choprenko - BMW-Hallenkapo und KZ-Häftling - schildert in seinen Aufzeichnungen: „Schließlich wurde unser Block von einer Gruppe von SS-Soldaten mit einem Inspektor besucht. Aufgestellt in Reih und Glied begannen sie die Häftlinge für BMW
auszuwählen. Es war wie auf einem Sklavenmarkt. Sie haben sogar unsere Münder betrachtet.“ 4)
Zwischen 30.6.1944 und 31.8.1944 sind aus dem KZ-Außenlager Dachau-Allach zehn Transporte mit insgesamt 1.370 Häftlingen nach Markirch im Elsass (Frankreich) nachweisbar. 5) Bereits Anfang März 1944 waren aus dem KZ-Dachau Häftlinge nach Natzweiler überstellt worden, um den 1937 fertiggestellten 7,60 m breiten und ca. 7 km langen Eisenbahntunnel für die Serienfertigung von Motorteilen für den BMW-Flugmotor 801 vorzubereiten. Der Eisenbahntunnel war ab März 1943 vom RLM beschlagnahmt und der Bahnbetrieb eingestellt worden. Trotz mangelhafter Vorbereitung - u. a. funktionierte die Be- und Entlüftung sowie die Stromversorgung nur unzureichend - wurde diese Verlagerung durchgeführt. Der „Jägerstab“ unter der Führung von Karl Saur sowie Eduard Milch vom RLM hatten für den 20.5.1944 die teilweise Verlagerung der BMW-Flugmotorenfabrikation nach Markirch verfügt. 6) Zuvor waren die Häftlinge von einer gemeinsamen „Kommission“, bestehend aus BMW-Fachleuten, der SS und anderen Firmenvertretern, im KZ-Außenlager Allach und KZ-Hauptlager Dachau „besichtigt“ und ausgewählt worden. Vor ihrem Abtransport nach Markirch waren sie bei BMW-Allach in einzelnen Gewerken geschult worden. Von den 1.370 nach Markirch überstellten KZ-Häftlingen waren insgesamt 580 sowjetische KZ-Häftlinge, davon 538 sowjetische „Zivilarbeiter“ und 42 Kriegsgefangene. Das heißt: Etwa 45% aller aus dem KZ-Außenlager Dachau-Allach nach Markirch überstellten KZ-Häftlinge waren sowjetische Staatsbürger. 7)

„Die erste Hälfte des Tunnels war feucht und die andere Hälfte trocken. (...) Dort wo ich war, waren auch Maschinen und alles, aber die Wände waren feucht und das Wasser lief an ihnen her unter. Wenn man die Maschinen einstecken wollte, gab es einen Kurzschluss. Es gab also keine Produktion dort, aber zwölf Stunden lang stand ich dort im Wasser. Den ganzen Juli, August und September lang war ich zwölf Stunden täglich im Wasser. Draußen herrschten tropische Wärme und Sonnenschein und dort drinnen waren Nebel und Wasser (...) Wir spazierten dort rum, im Wasser, der Meister auch. Ich war durch und durch nass. (...) Weil es so eine lange Strecke war, brachte uns eine Draisine Material und auch Personen. Die französischen Partisanen haben sehr oft die Hochspannungsleitung kaputt gemacht und der ganze Tunnel lag im Dunkeln. (...) Manchmal dauerte es ein bis zwei Tage, bis die Schäden repariert worden waren. (...) Weit schlechter waren die Unterbringung und Behandlung der 500 bis 700 KZ-Häftlinge. Fluchtversuche wurden brutal und grausam bestraft und offenbar kam es dabei auch zu Exekutionen. An Ruhr erkrankte Häftlinge wurden in Hundezwinger eingesperrt, wo man sie verhungern ließ.“ 8 Die Produktion in Markirch war allerdings nur von kurzer Dauer. Neben technischen Problemen waren es vor allem äußere Umstände (Wasser und Feuchtigkeit in Teilen des Eisenbahntunnels, Strom- und Frischluftversorgung, eine aktive Widerstandsbewegung und die herannahenden Alliierten), die BMW zur Rückverlagerung zwangen. Am 4.9.1944 trafen von den ehemals 1.370 Häftlingen des Allacher Kommandos 745 Häftlinge aus Markirch im KZ-Außenlager Dachau-Allach ein. 9)
__________________________
1) Vgl. BArch R3 / 1752, Planung und Ausbau der Werksanlagen des BMW-Konzerns und der im Ring angeschlossenen Werke, Blatt 16 ff.
2) Vgl. BArch R3 / 1757 / 11, Jägerstab, Schnellbericht vom 25.5.1944.
3) Ulrich Friedrich Georg Tauber, * 11.5.1901 in Rosenheim; † 21.10.1950 in Kempfenhausen/Starnberg, Vgl. KZGSD Archiv, Georg Tauber war vom 8.9.1944 bis 2.3.1945 im KZ-Außenlager Dachau-Allach inhaftiert und leistete dort Zwangsarbeit für BMW.
4) George Hope, Hope, a true story told by Nick Hope, 26.4.2015, unveröffentlichtes Typoscript, S. 16. Choprenko schildert hier die „positive Selektion“, d.h. die Auswahl arbeitsfähiger und geeigneter Facharbeiterhäftlinge durch die Firmenvertreter von BMW, die auch in anderen Konzentrationslagern erfolgte (z. B. Natzweiler-Struthof). Von den Mitte des Jahres 1944 von Allach nach Markirch überstellten 1316 Häftlingen kamen am 4. Oktober 745 Häftlinge nach Allach zurück. Der Verbleib von 561 Häftlingen ist ungeklärt.
5) Vgl. dazu die nachfolgende Tabelle mit Nachweisen. Die Angaben von Constanze Werner in Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit bei BMW auf S. 332 sind nicht mehr aktuell. Die Quelle aus KZGSD Archiv A 83/5475 berücksichtigt nicht die Verlagerungen nach Markirch und nicht alle Häftlingstransporte in die „Verlagerungsorte“. Allein aus Kaufbeuren wurden gegen Kriegsende 620 Häftlinge in das Außenlager Allach rücküberstellt. Vgl dazu ITS 1.1.6.1\0189A-0352\0271\. Siehe auch die Aussage des Lagerältesten Otto Brenner.
6) Vgl. BA MA RL 3/7 Bl. 3678 f. und BA MA RL 3/8, Bl. 4432.
7) Überstellungen vom Natzweiler nach Markirch wurden hier nicht ausgewertet.
8) Vgl. dazu ITS1.1.6.1\0001-0189\0142.
9) Foto: Gemeindearchiv St.-Marie-aux-Mines (Markirch). Das berüchtigte „Hundehüttenlager“ lag in St. Croix aux Mines, einem Nachbarort.
