Zum 88. Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. November 1938
Der Todesmarsch der jüdischen Frauen von Calw, Geisenheim und Geislingen
nach Allach und weiter in das Ötztal
von Klaus Mai, München 2026
Als am 11. April 1945 aus dem KZ-Außenlager Geisenheim, Calw und Geislingen über 1.027 KZ-Frauenhäftlinge [1] im Lager Dachau-Allach eintrafen, war das für 945 Frauen nicht die letzte Station ihres Leidens. Die jüdischen KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiterinnen stammten überwiegend aus Ungarn und Polen und waren vorher aus den Ghettos in ihren Ländern in das Lager Auschwitz deportiert worden. Nachdem sie an der „Rampe“ von Birkenau als „arbeitsfähig“ selektiert worden waren, wurden sie kurze Zeit später in die Lager Bergen-Belsen, Ravensbrück und andere Lager transportiert und von dort zur Zwangsarbeit in die KZ-Außenlager u.a. nach Geisenheim, Calw und Geislingen überstellt.
In Deutschland hatten der NS-Terror, die Demütigungen und Leiden mit der Übernahme der NS-Herrschaft 1933 begonnen und mit der Reichspogromnacht („Reichskristallnacht“) am 9. November 1938 und dem nachfolgenden Holocaust für die europäischen Juden ihren Höhepunkt erreicht. Da Facharbeitskräfte immer knapper wurden, hatte die NS-Führung im Frühjahr 1944 beschlossen, auch ungarische Jüdinnen innerhalb des Reiches in Rüstungsbetrieben einzusetzen. [2] In den Rüstungsfirmen wie WMF, Krupp, Johannisberg, Lufag, Adler und andere wurden dazu eigene Frauenkonzentrationslager wie z.B. in Geisenheim, Calw und Geislingen eingerichtet. Die Ausbildung der (sieben bei WMF in Geislingen) als SS-KZ-Aufseherinnen angeworbenen Zivilarbeiterinnen erfolgte in bis zu dreimonatigen Lehrgängen im KZ-Frauenlager Ravensbrück. [3]
Um eine Vorstellung vom Ende dieser Lager und über den Todesmarsch der KZ-Häftlingsfrauen zu erlangen habe ich diesen Aufsatz verfasst.
Inhalt
Das KZ-Außenlager Geisenheim (Rhein)
Das KZ-Außenlager Geislingen (an der Steige)
Der Evakuierungszug nach Allach
Das KZ-Außenlager Geisenheim (Rhein)
Lager Geisenheim (Rhein) am 12.1.1945
Das KZ Geisenheim bestand vom 14. September 1944 bis 6. April 1945 und gehörte als Außenlager zum KZ Natzweiler-Struthof. Es wurde eingerichtet, um die kriegswichtige Rüstungsproduktion in der Maschinenfabrik Johannisberg GmbH und Krupp AG aufrechtzuerhalten. Das KZ-Frauenlager wurde im Juni 1944 errichtet und bestand aus sechs Wohnbaracken. [4]
Am 12. Dezember 1944 trafen 200 jüdische Frauen in Geisenheim zur Zwangsarbeit ein. Sie waren aus ihren jüdischen Ghettos u.a. aus Lodz [Polen] und ab 1944 aus u.a. aus Sziget [Ungarn] in das Konzentrationslager „nach Auschwitz gebracht und an der Rampe als ‚arbeitsfähig‘ selektiert worden.“ [5] Etwa 20 von Ihnen stammten aus Polen und waren schon im März 1941 in Ghettos eingeliefert und von dort in verschiedene andere Arbeitslager zur Zwangsarbeit verteilt worden. [6] Im Falle ihrer Weigerung war die Alternative der Frauen in der „Rückkehr“ in das Lager Auschwitz und damit in ihren sicheren Tod. Allen Frauen war diese „Rückkehrperspektive“ bewusst.
Maschinenfabrik Johannisberg - Alte Werkshalle in Geisenheim
Von Mitte Dezember 1943 bis Mitte März 1944 arbeiteten sie für die Firma Krupp und die Maschinenfabrik Johannisberg GmbH. Sie stellten u.a. Teile für Verschlüsse von Flakgeschützen [Flak = Flugabwehrkanone] und Seitenleitwerke für Flugzeuge her. Die Produktion lief Tag und Nacht in jeweils zwei 12-Stündigen Schichten. Die Arbeit war so hart, dass eine Frau an der Maschine zusammenbrach und vor Erschöpfung starb, [7] insgesamt aber waren die Bedingungen im Vergleich zu Auschwitz und Bergen-Belsen besser: „Im Lager wurde keine von uns getötet, auch Prügelstrafen wurden nicht angewandt.“ [8]
Mit dem Herannahen der Alliierten wurde das Lager geräumt, 199 Häftlingsfrauen Mitte März 1945 Richtung Süden auf den Evakuierungsmarsch nach Dachau-Allach geschickt. [9] Alma Klein erinnerte sich dazu: „Was vom 16. März bis 30. April kam, war schwerer zu ertragen als alles Frühere. In dieser kurzen Zeit wurden wir durch 14 Lager getrieben (…). Es gab welche, da blieben wir nur einen halben Tag, dann ging es schon weiter. (…) Unauslöschlich eingeprägt [haben sich] Calw, im Schwarzwald und Neckargerach. (…) In Calw gab es Tische und Bänke für die Häftlinge. [Zum] ersten Mal [saß] ich wieder wie ein Mensch an einem Tisch.“ [10]
Ester Gerszt [11] berichtete darüber: „Wir marschierten bei Nacht und ruhten tagsüber in Scheunen.“ Hela Ozanjska [Hela Obarzanska, * 18.6.1909, # 39010, Sch-J, Jüdin, Polin] aus Lodz brach zusammen und konnte nicht mehr. Sie blieb liegen und wurde vor den Augen der Frauen von einem SS-Mann erschossen. [12]
Über diesen Mord schreibt Zelma Klein: „Hela Ozanjska, eine Kameradin aus Lodz, brach zusammen [...] Ruzko und ich schleppten sie noch eine Zeitlang mit uns mit. Doch auch unsere Kräfte ließen nach. [...] Eine SS-Frau [...] stieß sie brutal vorwärts. Hela fiel aufs Gesicht und blieb liegen. [Sie wurde nicht] auf den Wagen gelegt. [...] Unser Scharführer zog seine Pistole und erschoss sie vor unseren Augen.“ [13]
Die ungarische Häftlingsfrau kam nach Angaben von Zelma Klein in Neckargerach um. [14] Danach ging es weiter in das Lager Geislingen, von dort in das KZ-Außenlager nach Allach, wo der Transport am 12. April 1945 registriert wurde. [15] Von den 199 Geisenheimer Frauen kamen 197 in Allach an. Auf der Transportliste der Geisenheimer Frauen sind in Allach sieben Namen handschriftlich ohne weitere Vermerke durchgestrichen. Die nachfolgend genannten sieben Frauen des Geislinger Transportes verblieben mit weiteren 75 Frauen im Lager Allach-Karlsfeld und erlebten dort ihre Befreiung: [16]
Carola Roth, * 3.8.1892 in Kemesse, # 39026, # 152468, Näherin, Sch-J, Ungarin. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0133; ITS 1.1.6.7\ROSG-RUDI\0504.
Frania Bialek, * 12.6.1920 in Laak, # 38897, # 152509, Schneiderin, Sch-J, Polin. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0134; ITS 1.1.6.7\BERGES-BIEDK\1365.
Szajndlo Gertel, * 2.2.1914 in Litzmannstadt, # 38944, # 152519, Köchin, Sch-J, Polin. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0134; ITS 1.1.6.7\GEIS-GK\0862.
Sara Baron-Kolin, * 1.1.1924 in Litzmannstadt, # 38890, # 152540, Pflegerin, Sch-J, Polin. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0134.
Ilona Mike, * 3.9.1903 in Koloszvar, # 103556, # 152577, Ärztin, Sch-J, Ungarin. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0135; ITS 1.1.6.7\MERO-MILC\1504.
Rosalia Abramovits, * 3.6.1900 in Zdvola, # 38886, # 152581, Pflegerin, Sch-J, Ungarin. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0135; ITS 1.1.6.7\A-ALLD\0241.
Margot Caspary, * 9.3.1907 in Berlin, # 38904, 152582, Häuslich, Sch-J, Deutsche. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0135; ITS 1.1.6.7\BURGET-CD\1425.
Das KZ-Außenlager Calw
Das Arbeitslager Calw bestand von 14. September 1944 bis 6. April 1945, das sich darin befindliche „KZ-Außenkommando Calw“ von Mitte Januar bis Anfang April 1945.
Ein Teil der 199 ungarischen und polnischen „arbeitsfähigen“ Jüdinnen wurde am 14. September 1944 von Auschwitz in das Arbeitslager Rochlitz [17] in Sachsen überstellt - ein Außenkommando des KZ-Flossenbürg -, um dort bei der Mechanik GmbH zu arbeiten. Sie wurden dort an Drehbänken, Bohr-, Fräs- und Schleifmaschinen in feinmechanischen Arbeiten angelernt und im Januar 1945 zur Rüstungsproduktion nach Calw überstellt. Einige polnische Frauen kamen über das Arbeitslager Plaszów bei Krakau nach Calw. [18] Sie lebten bereits seit 1941 in Ghettos und Lagern. Am 13. Januar 1945 wurden die Frauen aus Rochlitz in das Außenlager nach Calw überstellt, um dort weiter für die „Luftfahrtgeräte GmbH“ (LUFAG) zu arbeiten. Bewacht von 15 SS-Männern lebten und arbeiteten sie dort in abgedunkelten Räumen der Fabrik, in denen sie auch schliefen. Die Frauen sahen so gut wie kein Tageslicht. [19]
Luftfahrtgeräte GmbH Calw, Aufnahme von 1944
Als die Alliierten im April 1945 wenige Kilometer von Calw entfernt standen, wurden 23 kranke ungarische Frauen per Zug Richtung Allach in Marsch gesetzt. Ihr Weg führte ebenfalls über Geislingen. [20]
„Um zu ermessen, was dies für die ohnehin schon geschwächten Frauen und jungen Mädchen bedeutete, muss man sich vor Augen halten, daß sie für einen solchen Marsch mitten im April weder vorbereitet noch mit den entsprechenden Kleidern und Schuhen ausgerüstet waren. Als Schutz gegen die Kälte durften sie zwar eine Schlafdecke aus Calw mitnehmen und als Umhang benutzen, bei Regen saugten sich jedoch die Decken voll und waren sehr schwer zu tragen. Ebenso ungeeignet waren die Holzpantinen, die den Frauen die Füße wundscheuerten, so daß es viele vorzogen barfuß zu gehen. Dazu kam, daß sie während der ganzen Zeit nicht genügend zu essen erhielten. Obwohl der verantwortliche SS-Oberscharführer an den jeweiligen Quartierorten die Bereitstellung von Lebensmitteln anordnete, reichten gekochte Kartoffeln und Magermilch auf die Dauer nicht aus, den Hunger der Frauen zu stillen. Sie aßen daher gelbe Rüben, Zwiebeln, rohe Kartoffeln und Kuhrüben, die sie in den Scheunen fanden, aber auch Sauerampfer, Gras und Schnecken. Gelegentlich trafen sie mitleidige Menschen, die ihnen trotz des Verbots der SS und ungeachtet der eigenen Notlage etwas Brot und Äpfel zusteckten. Von den Lebensmitteln, die sie auf einem Leiterwagen für ihre Bewacher mitführten, erhielten sie nichts.“ [21]
Unterwegs hielten sich die Frauen zwei Tage in einer Kusterdinger Scheuer auf. Mit mitgebrachten Bleistiften schrieben sie am 18. März 1945 ihre Namen, Herkunftsorte und die Daten 5.IV.1945 und 6.IV.1945 auf Balken in der Scheuer. Dazu noch folgende Nachricht:
„Hier halten wir uns 2 Tage auf, wir sind zu Fuß gekommen Sprei Anci und Manyi aus Mezöcsat. Gott kann uns helfen, daß wir unsere Familien wiedersehen. Gott weiß, wo wir Ungarn sind. Wir leiden viel, wir haben großen Hunger, schlechte Schuhe, wir sind sehr verzagt.“ [22]
Auf einem anderen Balken sind die Namen festgehalten: „Gärtner Ferencne, Gärtner Jenöne, Heisler Margit.“ [23]
Freda Zolty berichtet dazu: „Wir kamen sehr müde und mit wunden Füssen in Geislingen an, wo wir einige Tage bleiben mussten. Dort fanden wir 800 Jüdinnen an, mit denen wir zuvor in Bergen-Belsen gewesen waren.“ Und Piri Soor: „Etwa eine Woche wurden wir dortbehalten.“ Und Miriam Weinberg Szampanier ergänzt: „Unser schlimmster Aufenthalt war in Geislingen. Wir wurden von den dortigen SS-Angehörigen und Aufseherinnen unbarmherzig mit Faustschlägen traktiert.“ Tiborne Koritschoner: „Für uns, die wir nach Geislingen kamen, war kein Essen vorhanden.“ [24] Das Lager Geislingen war ab Anfang April 1945 völlig überfüllt. [25]
Das KZ-Außenlager Geislingen (an der Steige)
Das KZ-Geislingen bestand von Ende Juli 1944 bis 11. April 1945 und war das Zwangsarbeiterlager und Frauen-KZ der Firma Württembergischen Metallwarenfabrik, abgekürzt: WMF.
Am 28.7.1944 waren im Geislinger Lager 699 jüdische Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren als Arbeiterinnen registriert worden. Auch sie waren zuvor aus ihren Ghettos u.a. aus Lodz nach Auschwitz-Birkenau gebracht und dort als arbeitsfähig selektiert worden. Danach wurden sie über das Lager Bergen-Belsen nach Geislingen überstellt. Nach Ankunft im Lager und etwa 4 Wochen Quarantäne wurden sie ab 16.8.1944 bei WMF zur Zwangsarbeit eingesetzt. Sieben Arbeiterinnen des WMF-Werkes waren im Herbst 1944 im KZ-Ravensbrück zur Schulung auf ihre KZ-Aufsicht vorbereitet worden. [26]
Mit dem Herannahen der Alliierten wurden auch für die Frauen die Bedingungen im Lager schwieriger.
Frauenlager Geislingen am 14.3.1945
[27] Im Lager war man nicht auf das Eintreffen der 198 Frauen aus Geisenheim und der 23 Frauen aus Calw vorbereitet. Die Betriebsleitung der WMF versuchte die Häftlinge abzuschieben und das Lager aufzulösen. In den Augen des Betriebsführers Burkhardt zählte das Leben eines KZ-Häftlings nichts. Bei der Besetzung der Fabrik durch die Amerikaner sollte nichts mehr auf die kriegswichtige Produktion und Nutzung der Fabrik hinweisen. Schließlich wurden 10 Tage vor dem Einrücken der Amerikaner die Häftlingsfrauen nach Allach in Marsch gesetzt. Für die Auflösung des Lagers blieb keine Zeit mehr. Die Firma WMF leistete bis zur Besetzung durch die US-Armee örtlichen Nazigrößen Fluchthilfe, indem sie für sie Personen- und Lastkraftwagen für ihre Flucht zur Verfügung stellte. [28]
Der Evakuierungszug nach Allach
1.027 Frauen (davon 813 polnische und jüdische Häftlingsfrauen aus Geislingen, 23 jüdische Ungarinnen aus Calw [29] und 191 jüdische Polinnen und Ungarinnen aus Geisenheim) wurden am 10. April 1945 von der SS zum Geislinger Bahnhof getrieben, wo sie nach etwa einen halben Tag Zugfahrt am Bahnhof in Karlsfeld ausgeladen wurden und von dort den etwa 2 Kilometer langen Weg zu Fuß in das Lager Allach antraten. Noch auf dem Weg dorthin wurden sie von einem „amerikanischen Luftangriff“ überrascht, die Frauen in Bunker gebracht. [30] Danach wurden sie in das KZ-Außenlager Allach im „Quarantänelager“ untergebracht, das an der Südseite des Lagers lag und durch einem Stacheldrahtzaun vom nördlich angrenzenden O.T.-Lager Allach-Karlsfeld sowie westlich gelegenen KZ-Arbeitslager getrennt war. Das „Frauenlager“ war erst Anfang Januar 1945 fertiggestellt und als „Quarantänelager“ eingerichtet worden. [31] Die mit ihnen evakuierten 12 SS-Aufseherinnen waren nicht im Lager untergebracht sondern schliefen im benachbarten im SS-Wachbereich. [32]
Mala Karp berichtete darüber: „Im Lager Allach war ich vom ersten bis zum letzten Tag an im Krankenrevier. In diesem Lager, das in seiner Besetzung ja das gleiche war wie das Lager Geislingen, kamen die bekannten und üblichen Schlägereien und Grausamkeiten vor. (…) Die kranken und arbeitsunfähigen Häftlinge wurden nicht etwa erschossen, sondern ihrem eigenen Schicksal überlassen; die Todesrate im Krankenrevier war dementsprechend hoch. Im Lager Allach haben die Häftlinge keine Arbeiten mehr ausgeführt. Vielmehr wurden wir dort zusammengefasst und warteten auf irgendetwas.“ [33]
„Todesfälle wurden verursacht durch Unterernährung und Krankheiten. Es kam für unseren allgemeinen schlechten Zustand hinzu, daß wir aus nichtigsten Anlässen von der LageräItesten [Klara Pförtsch] oder auf deren Veranlassung von Kapos mit Knüppeln und Peitschen blutig zusammengeschlagen wurden.“ [34]
45 Waggons der Deutschen Reichsbahn standen am 23. April 1945 auf dem Bahnhof Karlsfeld, um die noch arbeitsfähigen jüdischen Männer und die aus Geisenheim, Geislingen und Calw stammenden Frauen aus dem KZ-Außenlager Dachau-Allach in das Ötztal zu evakuieren. Am 24. April 1945 bestiegen über 94 Frauen und etwa 1.700 Männer aus dem O.T.-Lager Allach-Karlsfeld den Zug in Richtung Ötztal. 82 ungarische jüdische Frauen blieben im Lager zurück und wurden am 30. April 1945 dort von den Amerikanern befreit. [35] Der Zug bestand sowohl aus Personenwagen als auch aus nach oben offenen mit Stacheldraht umkränzten Güterwagen, in denen pro Waggon 50 - 60 männliche Häftlinge stehend während der Fahrt Wind und Wetter ausgesetzt waren. [36] Der Zug stand zunächst drei Tage am Bahnhof Karlsfeld. Vor Abfahrt des Zuges wurden drei Tote Häftlinge aus dem Zug geborgen. Zur Bewachung fuhren pro Waggon 2 SS-Männer mit. [37]
Am 26.4.1945 fuhr dieser Zug vom Bahnhof Karlsfeld über Emmering nach München, Schäftlarn, Icking, Wolfratshausen, Beuerberg, Bad Heilbrunn, Bichl, Penzberg, Staltach nach Iffeldorf.“ Immer wieder wurde die Fahrt des Zuges durch Tieffliegerangriffe der Amerikaner z. B. in Beuerberg sowie durch Kampfhandlungen zwischen deutschen wie amerikanischen Truppen unterbrochen. [38]
Die Erlebnisse dieses „letzten“ Transportes in Richtung Ötztal sind von einigen Frauen in Zeugenaussagen vor Gericht sowie in ihren Erinnerungen aufgeschrieben oder in Zeitzeugeninterviews wiedergegeben worden. Die hier nachfolgend zusammengefassten Erlebnisse sollen von diesem Transport und der Befreiung der Frauen ein Bild vermitteln.
Der Todesmarsch in das Ötztal [39]
Die Fahrt im Zug Richtung Ötztal führte über die Isartalbahnstrecke. Mehrere Halte, Schießereien, Luftangriffe sowie die Vor- und Rückwärtsfahrt des Zuges ließen die Häftlinge wahrscheinlich ahnen, dass „der Weg überallhin versperrt“ war. Minia Wasilkowska erinnerte sich: „Wir befürchteten, dass sie uns erschießen würden, aber etwa einen Tag vor der Befreiung erschien das Rote Kreuz“ [40] und verteilte an die Frauen „Liebesgabenpakete“, das waren Lebensmittelpakete, in denen u.a. Milchpulver, Käse und Kekse, sogar Zigaretten, Schokolade, Sardinen und Dörrzwetschgen enthalten waren. [41] Rachela Ejzman [42] berichtete über einen Halt des Zuges in Beuerberg: „Wir stiegen aus, um ein Feuer [auf dem Bahnsteig] zu machen und das Milchpulver in Wasser aufzulösen und zu erwärmen. Das gab uns Hoffnung, weil wir sehen konnten, dass etwas in Bewegung kam. (…) Und dann gab es den [für uns entscheidenden] Luftangriff der Amerikaner. Die Deutschen kämpften noch und einige Leute kamen auch um.“ Ein Bewacher schickte uns „zu einem kleinen Haus, (...) das sich nicht weit von der Stelle befand, an der unser Zug hielt, um dort etwas zu essen zu holen. Ich ging zusammen mit einem anderen Mädchen hin und wir waren schon beinahe am Haus, als ein Deutscher mit einer Totenkopfmütze [SS-Mann] aus dem Haus trat. Wir liefen so schnell, wie wir in unserem unterernährten Zustand nur konnten, (...) zum Zug zurück. Er kam (...) [ebenfalls zum Zug] und verlangte zu wissen, wer die zwei Mädchen gewesen wären, aber niemand wollte etwas sagen. Schließlich wurde Hanka von einem Mädchen aus Angst verraten und sie bekam von einer Aufseherin solche Schläge, dass Blut aus ihrer Nase floss. Auf der anderen Seite wurden die Wachleute des Zuges netter, je mehr Bomben fielen“. [43]
Die Befreiung
Sala Rozenberg [44] erzählte dazu, wie eine Frau den Amerikanern signalisieren wollte, dass sich Häftlinge und keine Soldaten im Zug befanden. „Sie nahm ein Stück ihrer Häftlingskleidung und drückte es durch die Öffnung nach außen. Pattons Armee kam und sah dieses Kleidungsstück.“ Der Befreiungstag 30.4.1945 war ein kalter Tag. Schnee lag auf dem Boden. Gegen 11:30 Uhr mittags sahen sie das Herannahen ihrer Befreier. Esther Schwarzbaum [45] schilderte, wie ein Wachmann sie dazu ermunterte, aus der kleinen Öffnung ihres Waggons zu schauen und erklärte, sie alle bräuchten keine Angst zu haben, der Krieg sei so gut wie vorbei. Sie zögerte, hielt seine Ermutigung zunächst für einen Trick, stieg dann doch, weil sie so klein war, auf einen Vorsprung und schaute hinaus: „Ich sah jemand winken, dass wir dorthin kommen sollten, Wir hatten Angst ... Ich hatte keine Ahnung, wie ein amerikanischer Soldat aussieht, und das waren amerikanische Soldaten - General Patton und die 3. Armee! Sie winkten, (...) kamen immer näher und wir sahen viele Panzer! Wir dachten, mein Gott, was ist hier los? Sie werden uns umbringen. Endlich öffnete der Wachmann die Tür mit seinem Gewehr. Wir rannten hinaus und die Amerikaner rannten uns entgegen und umarmten uns. Manche sprachen jiddisch, manche polnisch oder russisch. Daraus könnte man einen Film machen, es war wie der Himmel auf Erden, diese Befreiung an diesem kleinen Ort (...) Staltach!“ [46] Sarah Nirenberg [47] ergänzte dazu: „Die Amerikaner kamen zu unserem Zug (...) Wir wussten nicht, was vor sich ging. Niemand sprach englisch, nur eine Frau. Wir sahen die Amerikaner kommen, konnten aber ihre Gesichter nicht sehen, sie waren ganz verdreckt, wir sahen nur die Augen und die Münder (...) Sie gaben uns zu verstehen, dass wir wegbleiben sollten, weil wir nicht sauber waren, voller Läuse. Sie hatten Angst vor uns. Dann sagte einer - ich glaube, er war Oberst oder hatte einen anderen hohen Rang - dass seine Eltern polnisch gesprochen haben, wenn er etwas nicht mitbekommen sollte. Er hat ein wenig polnisch gesprochen und sagte uns, dass der Krieg noch nicht aus sei und es viele Scharfschützen gäbe, dass wir in den Zug zurücksollten, am [nächsten] Morgen würden wir dann sehen. Also gingen wir in den Zug zurück und die Amerikaner haben auf uns aufgepasst.“ [48]
Zelma Klein [49] erzählte: Als die Amerikaner ankamen „sprang [die SS] vom Zug. In Sekundenschnelle warfen sie ihre Gewehre samt der Munition auf einen Haufen. Mit erhobenen Armen standen sie da, umringt von amerikanischem Militär. Es war ein unglaublicher, großartiger Anblick! Die Häftlinge schrien, lachten, weinten. (…) Einer unserer Männer, der fließend englisch sprach, zeigte auf den ehemaligen Führer des Lagers Allach [Jarolin].“ Und Esther Pelmann [50] schilderte: „Ich habe einen amerikanischen Soldaten an der Hand genommen und wollte ihn zu unseren Bewachern, auch den Frauen, führen. Ich wollte eine davon verprügeln Aber ich habe es doch nicht getan und sie nur angespuckt.“ Und Minia Wasilkowska ergänzte dazu: Die Ankunft der Amerikaner „gab uns so ein Hochgefühl, auch wenn wir vor Schwäche kaum laufen konnten. Wir hätten auch gern die Nazis gepackt, aber die Schwäche ließ es nicht zu. Wir schafften es nicht einmal, uns aufzusetzen oder zu sprechen. Ich weiß noch, dass die Soldaten bei unserem Anblick weinen mussten.“ Wie Minia hätten auch andere Zeitzeuginnen gerne an den Tätern Rache genommen, die ihnen so unsagbares Leid angetan hatten. Den Opfern ging es zu rasch, wie die Befreier ihre Peiniger aus ihrem Blickfeld entfernten. Sie hätten sie gern ein wenig leiden sehen. Miriam Sznajdermann [51] erklärte: „Man trieb die Deutschen alle zusammen an einen Ort, da ... saßen sie alle zusammen, vielleicht waren auch schon einige weg ... [Dann hat man] die Deutschen abgeführt. ... Wir konnten uns nicht vorstellen, dass wir ihnen nicht wenigstens einen Schlag versetzen konnten, wenigstens einmal sie auf den Kopf schlagen, wie sie es uns dauernd angetan haben. Wir haben nichts gemacht und das kann ich mir immer noch nicht verzeihen!“ Tauba Grosman [52] hätte sich gern für ihre ausgeschlagenen Zähne gerächt, aber sie hatte keine Kraft mehr. Und Rachela Eizman‘s erste Eindrücke nach der Befreiung waren zwiespältig: „Die ersten Amerikaner kamen uns vor wie Götter“, die, wie Rivkale Frant [53] hinzusetzte, „imstande waren, das [deutsche] Ungeheuer [zu] schlagen.“ Doch als sie die Nazis abführten, war Rachela über deren maßvolle Behandlung durch die Amerikaner enttäuscht: „Ich war wütend, weil ich mehr an Bestrafung sehen wollte.“ Mary Warszawska [54] schilderte, dass die Häftlinge die Waggons erst verließen, als die SS-Bewachung, unter ihnen der stellvertretende Geislinger Lagerführer Stojan, [55] abgeführt wurde. Erstmals sahen wir, „dass in anderen Waggons Männer waren. Wir hatten keine Ahnung, dass auch Männer dabei waren.“ Zu ihnen gehörte der aus Hailfingen mit seinen Leidensgenossen nach Allach deportierte Adam Billauer. [56] Er und seine Kameraden stiegen aus Waggons, die „oben offen und mit Stacheldraht versehen“ waren. Das war fatal, denn „nachts schneite es und tagsüber war es sonnig. So waren die Häftlinge die meiste Zeit nass.“ Als sich die Häftlinge ein wenig umsahen, entdeckten sie einen Waggon mit Lebensmittelvorräten. Mary berichtet: „Da haben sich alle auf diesen Waggon gestürzt, es war ein furchtbarer Anblick. Viele starben bald danach, weil sie zu viel gegessen hatten.“ Auch Hanka Goldberg [57] erinnerte sich dazu: „Da war ein Waggon mit Brot und wir wurden ganz wild; wir liefen hin und nahmen uns ganze Laibe Brot und die ... ‚die nicht in diesen Waggon gelangen konnten, die schnappten [den anderen das Brot weg. Auch mir, schnappte] jemand ... das Brot weg. Das wollten sie [die Nazis], dass wir zu Tieren würden ...“ Mary Warszawska ergänzte: „Es lag noch Schnee, aber das Gras fing an zu wachsen und die Männer stürzten sich auf das Gras und fingen an, das Gras zu essen. [Der Hunger] war ganz schlimm für die Männer, sie konnten [ihn] nicht mehr ertragen.“
Hanka [58] erzählt noch, dass die Amerikaner den Häftlingen gaben, was sie bei sich hatten, darunter sehr Fettes, das die Ausgehungerten nicht vertragen konnten. Sie bekamen Durchfall und manche starben. Der Anführer der Kampftruppe, ein Major, sagte mir: „Hier gibt es ein kleines Dorf namens Iffeldorf. Ihr könnt in jedes Haus gehen und Essen und Kleidung fordern! Es gibt auch leere Häuser und Wohnungen, die den Naziführern gehörten, die jetzt alle weg sind. Da könnt ihr es euch bequem machen. Eine kleine Gruppe Soldaten bleibt hier, wir müssen weiter. Die Besatzungstruppen werden morgen kommen, euch verpflegen und ärztlich versorgen.“ Mary erinnert sich, dass eine der couragiertesten Frauen ins Dorf ging und mit einem lebenden Huhn aus dem kleinen Weiler namens Staltach zurückkam. „Diese Frau ... hat es geschlachtet und gerupft.“ Dann haben sie es in einem von den Deutschen zurückgelassenen Topf gekocht. „Eine andere Frau kam mit Nudeln [aus dem Dorf]. zurück.” Auch Mary machte sich schließlich in das „vollständig leere“ Dorf auf: „Zuerst brachen wir in eine Bank ein und nahmen Geld.“ Jedoch nicht, um irgendwo einmal etwas einzukaufen, sondern um ein Feuer anzünden zu können. „Das [Geld] haben wir verbrannt, weil es kalt war. ... Und dann brachen wir in eine Schuhfabrik ein und haben uns Schuhe genommen. ... Fünf von uns, darunter auch Männer; sind in eine [verlassene] Villa eingezogen. [Sie] ... war vollgestopft mit Brennmaterial, Kartoffeln und allen möglichen Vorräten. Die waren natürlich nicht für uns gedacht ... Jeder [hat] zuerst [einmal] gebadet. Dann haben wir die gestreiften Sachen verbrannt - sie waren voller Läuse. Kopfläuse hatten wir nicht, weil wir kein Haar hatten. Wir haben in der Villa Sachen [zum Anziehen] gefunden.“
Sala Rozenberg [59] schilderte ihre erste Nacht in Iffeldorf: „Als der Abend kam, wussten wir nicht, was wir tun sollten. Wir hatten Angst und klopften an den deutschen Häusern, dass sie uns hereinlassen sollten. (...) Ich konnte [in einem Haus] auf zwei Stühlen schlafen, ebenso meine Freundin. Am nächsten Morgen gingen wir zu den Bauern im Dorf und bettelten. Wir bekamen ein bisschen Brot und etwas Milch. [Dann wurde] eine [Feld-]Küche eingerichtet und so bekamen wir unsere Suppe.“ Molly Maroko [60] ergänzte dazu, dass sie mehrere Wochen zusammen mit ihrer Mutter Sala, ihrer Grundschullehrerin und drei Jungs in diesem Wohnzimmer im Haus der Deutschen hausen mussten, bis sie ins DP-Lager Feldafing gebracht wurden. Und Libby Domb [61] erzählte, dass sie auf einem Hof Milch bekam und Suppe aus der Feldküche. An Kleidung bekam sie nur einen Schlafanzug, den sie auch tagsüber trug. Untergebracht in einem deutschen Haus erhielten sie die Anweisung, nachts die Türen zu schließen und kein Licht zu machen. Nach einer Woche wurde sie schon nach Feldafing gebracht. Rachela Ejzman und ihre Mutter hatten weniger Glück. Die Amerikaner wollten dafür sorgen, dass die befreiten Häftlinge den Zug verlassen könnten und mit Bussen auf die umliegenden Dörfer verteilt würden. Rachela berichtete: „Plötzlich wurden an den Häusern Schilder angebracht, dass sie schon mit so und so viel Leuten belegt waren. Ich und meine Mutter und einige andere mussten immer noch im Zug übernachten. Das fand ich unfair, aber meine Mutter und ich waren nicht so aggressiv, dass wir in ein Haus eingedrungen wären und ein Zimmer beansprucht hätten. Die Amerikaner taten es auch nicht für uns.“
Ein paar Tage, während derer sie von den Amerikanern mit ungewohntem Weißbrot beköstigt wurden, mussten sie noch im Zug bleiben, bevor sie in ein DP-Camp gebracht wurden. Auch Mary Warszawa und ihre Kameradinnen blieben nicht lange in der Villa: „Ein paar Tage später kamen die Amerikaner und fuhren uns weg nach Landsberg“, wohin auch Minia Wasilkowska, Tauba Grosman und Miriam Sznajdermann gebracht wurden. Ilona Bartos-Kohn [62] gab an, dass sie eine Woche auf einem Bauernhof in Staltach untergebracht und dann nach Landsberg kam, wo sie fünf Wochen in einer Kaserne blieb. Der Heimatforscher Hans Hoche [63] aus Iffeldorf erklärte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung am 29.4.2015: „Die Amerikaner waren mit der Situation überfordert, den Häftlingen haben sie gesagt, geht und nehmt euch, was ihr braucht, und den Anwohnern links und rechts der Hofmark erteilten sie den Befehl, innerhalb einer halben Stunde ihre Häuser zu räumen.“ Die Anzahl der betroffenen Häuser gibt er mit einem guten Dutzend an. Im Hof der Familie Seidenschwand waren etwa 200 Häftlinge einquartiert. „Alle waren krank, alle hatten Durchfall und es gab nur eine Toilette. Einige sind an Typhus gestorben. In einer Scheune hatten die US-Soldaten eine Feldküche eingerichtet. Aber jeden Tag Essen für knapp 2.000 Leute zu beschaffen, das war Chaos. Nach 8 Wochen war der Spuk vorbei. Alle Iffeldorfer [Das Dorf hatte damals knapp 1.000 Einwohner] konnten in ihre Häuser zurückkehren, die in einem erbärmlichen Zustand waren.“ [64] Hinter den Zuggleisen zwischen Staltach und Iffeldorf wurden 17 KZ-Häftlinge begraben, die ihre Befreiung nicht mehr erlebt hatten. Sie wurden später auf den KZ-Friedhof nach Dachau-Leitenberg umgebettet. Die schwächsten Häftlinge wurden von ihren Befreiern sofort in das Militärkrankenhaus nach Landsberg gebracht. Manche Befreite wurden - wie erwähnt - auch ins DP-Lager Feldafing überführt, das die Amerikaner in der ehemaligen Reichsschule der NSDAP einrichteten.
Auch der Lagerführer und Kommandant des KZ-Außenlagers Dachau-Allach Josef Jarolin und der Lagerführer des O.T.-Lager Allach-Karlsfeld wurden in Staltach von der US-Army am 1.5.1945 verhaftet. [65]
Literaturverzeichnis
Eberhardt, S. (2018). Als das „Boot” zur Galeere wurde …. Göppingen: Manuela Kinzel Verlag.
Huth, A. (2013). Das doppelte Ende des „K.L. Natzweiler” auf beiden Seiten des Rheins. Neckarelz: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.
Klein, Z. (2006). Mein Zeugnis als Warnung. Konstanz: Harre-Gorre Verlag.
Laffitte, H. (1982). Allach Kommando de Dachau. (A. d. Dachau, Hrsg.) Paris.
Mai, K. (2020). Das vergessene KZ. München.
Müller, G. (2004). Gertrud Müller, Die erste Hälfte meines Lebens, Erinnerungen 1915-1950, hrsg. Lagergemeinschaft Ravensbrück, Essen 2004. Essen: Lagergemeinschaft Ravensbrück.
Schwaderer, S. (29. April 2015). Erinnerung an den Todeszug: „Das hat mir keine Ruhe gelassen“. Süddeutsche Zeitung.
Seubert, J. (2017). Von Auschwitz nach Calw. Norderstedt: Forum lokale Zeitgeschichte.
Fotos: Bundesarchiv, NARA Washington, Yad Vashem, NCAP Edinburgh, Archiv KZ-Gedenkstätte Dachau, Privatarchiv Klaus Mai.
Besonderer Dank an Sybille Eberhardt, die mit ihrer fundierten Arbeit die Erlebnisse der Frauen eindrücklich und nachvollziehbar geschildert hat und hier umfassend ab dem Kapitel „Der Todesmarsch in das Ötztal“ ausgewertet und zitiert ist. Dank auch an Gerlinde Dunzinger für die Korrekturlesungen und Anregungen.
Anmerkungen
[1] 813 Frauen aus Geislingen, 191 Frauen aus Geisenheim und 23 Frauen aus Calw.
[2] Die Entscheidung fiel in der Führerbesprechung vom 6./7. April 1944. Vgl. dazu: BArch R3/1509. Anfang Juni 1944 teilte Milch dem Jägerstab mit, dass 10 bis 20-Tausend Jüdinnen zum Einsatz in der Rüstungsindustrie bereitstehen würden. Jägerstab-Besprechung vom 9.6.1944, BArch MA, RL 3/7, Blatt 3209.
[3] Ravensbrück war „SS-Ausbildungszentrum“ für KZ-Aufseherinnen. In bis zu dreimonatigen Lehrgängen wurden dort u.a. das Bewachungspersonal für KZ-Frauenlager ausgebildet. Vgl. dazu u.a. die [„in Teilen geschönte“] Biografie von Gertrud Müller, Die erste Hälfte meines Lebens, Erinnerungen 1915-1950, hrsg. Lagergemeinschaft Ravensbrück, Essen 2004. Lagerälteste in Ravensbrück war u.a. Klara Pförtsch, die später in Geislingen und zuletzt in Dachau-Allach ihr „Handwerk“ verrichtete.
[4] Klein Zelma, Mein Zeugnis als Warnung, Harre-Gorre Verlag, Konstanz 2006, S. 70. Zelma Klein schreibt, dass nach Ankunft in Geisenheim die 200 Frauen in „sechs Holzbaracken zu je ca. 33 Frauen untergebracht“ wurden.
[5] Klein, a.a.O., S. 72; Vgl. Huth, Arno, Das doppelte Ende des „K.L. Natzweiler” auf beiden Seiten des Rheins, S. 1.
[6] Josef Seubert, Von Auschwitz nach Calw, Forum lokale Zeitgeschichte, Norderstedt 2017, S. 25.
[7] Sara Jakabowits, * 28.5.1924 in Satoralja, # 86955 [Natzweiler], häuslich, Sch-J, led., Jüdin, Ungarin. Vgl. ITS 1.1.6.7\ISR-JAK\1146. War am 1.8.1944 von Auschwitz nach Dachau und von dort am 17.12.1944 nach Bergen-Belsen überstellt worden. Von dort wurde sie mit 199 anderen Frauen nach Geisenheim überstellt.
[8] Zelma Klein berichtet den Tod eines 19-jährigen Mädchens, „einer Kameradin aus Balatonfüred“, die bei dem Bombenangriff auf das Werk am 15.3.1945 starb. Klein, a.a.O., S. 77.
[9] Alma Klein, geb. Schlesinger, * 24.8.1912 in Zlate Moravce, # 153478 [Dachau-Allach], #38964 [Natzweiler], häuslich, Sch-J, verh. Ungarin. Vgl. Klein, S. 80 f. Nach Erinnerung von Zelma Klein wurden die Frauen am 16. März 1945 zu Fuß evakuiert und erreichten als erstes das Lager Neckargerach, von wo sie 10 Tage später - am 27. März 1945 - von der SS ca. 350 km zu Fuß und Bahn nach Calw und dann nach Geislingen weitergetrieben wurden. Zelma Klein gibt an, im Jahr 1910 geboren zu sein. Sowohl auf der Allacher Transportliste ITS 1.1.6.1\0001-0189\0134\0092 als auch auf der Schreibstubenkarte ITS 1.1.6.7\KES-KLEIN-E\1464 ist als Geburtsdatum der 28.8.1912 eingetragen.
[10] Klein, a.a.O., S. 78.
[11] Esther Gerszt, New Jersey, 8.8.1996, USC-Videodatei, Code 18309. Schreibstubenkarte: Estusia Gerszt, * 5.5.1926 in Pabjanice, # 153528 [Dachau-Allach], # 38943 [Natzweiler], Schülerin, Sch-J, led., Polin. Vgl. ITS 1.1.6.7\GEIS-GK\0856.
[12] Eberhardt, Sybille, Als das „Boot” zur Galeere wurde …, Manuela Kinzel Verlag, 2. Auflage, Göppingen 2018, S. 384, SS-Oberscharführer Josef Emil Lendzian „war brutal, beim Evakuierungsmarsch hat er in Frauen hineingehauen und erschoss persönlich zwei erschöpfte Frauen aus Polen.“, Vgl. auch Klein, a.a.O. S. 83. Die Allacher Transportliste registriert die Ankunft von 53 polnischen Jüdinnen aus Geisenheim. Die übrigen 146 Frauen stammten aus dem ungarischen Gebiet. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0134\0092.
[13] Klein, a.a.O., S. 83.
[14] Vgl. Huth, S. 170. Nachweise zur Person waren nicht auffindbar.
[15] Transportliste vom 12.4.1945 in ITS 1.1.6.1\0001-0189\0134\0092.
[16] Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0147\0201. Liste der 82 nichtevakuierten Frauen vom 23.4.1945.
[17] Das Lager Rochlitz bei Chemnitz bestand von 16. September 1944 bis Ende Januar 1945. Vgl. dazu: Fritz, Ulrich: Rochlitz, in: Benz, Wolfgang / Distel, Barbara: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 4, S. 246.
[18] Dem Arbeitslager Plaszow bei Krakau wurde von SS-Sturmbannführer Amon Leopolt Göth kommandiert. Das Arbeitslager Krakau-Plaszow wurde im Januar 1944 SS-Konzentrationslager. Vgl. https://collections.arolsen-archives.org/de/document/82115261
[19] Seubert, a.a.O., S. 38: „Die Rollläden des Raumes [mussten] ständig geschlossen [bleiben], so daß die Frauen wochenlang kein Tageslicht erblickten und nur durch Ritzen etwas in der Umgebung wahrnehmen konnten. (…) Der Arbeitsraum der Häftlinge befand sich im ersten Stock.“ Eine Frau soll in Geislingen an Typhus verstorben sein.
[20] Vgl. Transportliste von Calw nach Allach: ITS 1.1.6.1\0001-0189\0134\0025.
[21] Seubert, a.a.O., S. 47. Vgl. auch: Wolfgang Benz, Barbara Distel: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 6: Natzweiler, Groß-Rosen, Stutthof, S. 64.
[22] Seubert, a.a.O., S. 49 ff. Inschriften auf einem Balken aus der Kusterdinger Scheuer.
[23] Ebd.
[24] Vgl. Gertrud Müller, Die erste Hälfte meines Lebens, Erinnerungen 1915-1950, hrsg. Lagergemeinschaft Ravensbrück, Essen 2004, S. 50.
[25] Huth, a.a.O., S. 154.
[26] Zur Problematik der Brutalität der weiblichen Funktionshäftlinge im Konzentrationslager. Vgl. Eberhardt, Sybille, Als das “Boot” zur Galeere wurde …, Manuela Kinzel Verlag, 2018, S. 304 ff. Für Geislingen das Urteil übereinstimmend: Die Männer waren „nicht so schrecklich wie die Frauen“ oder: „Im Lager waren die Frauen die schlimmsten.“
[27] NCAP, Luftaufnahme des Lagers von BASF-Geislingen 1945.
[28] Vgl. Eberhardt, S. 386 ff.
[29] Offenbar starb im Lager Allach die Häftlingsfrau Gertrude Braun, * 25.5.1923 in Wien, # 57960. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0134\0025. Sie ist auf der Liste unter der Nummer 8 durchgestrichen, handschriftlich darauf als „tot“ bezeichnet. Vermutlich kam sie während der Befreiungskämpfe des Lagers in der Nacht vom 29. auf den 30. April 1945 ums Leben. Die Liste selbst war bei Ankunft der Frauen im Lager Allach gefertigt worden.
[30] Vgl. Gertrud Müller, a.a.O., S. 50.
[31] Vgl. Lagerplan vom 30. Januar 1945 von Henry Gayot (# 102435) in: Henry Laffitte, Allach Kommando de Dachau, hrsg. Amicale des Anciens de Dachau, Mai 1982, S. 230.
[32] Insgesamt 12 Funktionshäftlinge, darunter: Klara Pförtsch, * 29.8.1906 in Hof, # 29120, 154477, Deutsche, Spitzname „Leo“ oder „Lea“; Helga Waschlowski, * 14.6.1916 in Buttken, # 154469, 100065, verh., Deutsche; Gertrud Müller, * 29.11.1915 in Feuerbach, # 29125, Deutsche und andere.
[33] Bericht von Mala Karp in: Klaus Mai, Das vergessene KZ, München 2020, S. 162.
[34] Bericht von Anna Hoffnung in: Mai, a.a.O., S. 129 f.
[35] Liste der Zurückgebliebenen in Allach: ITS 1.1.6.1\0001-0189\0147\0201.
[36] Juden-Häftlings-Transporte, in: Klaus Mai, a.a.O., S. 358: „Der Transport ist nur nachts gefahren, so dass die Häftlinge über die Fahrt nicht orientiert waren. ln jedem Waggon waren zwei Posten bei 50 bis 60 Häftlingen. Die tägliche Verpflegung war ca. 300 bis 350 Gramm Brot und 40 bis 50 Gramm Wurst. Am 28. April bekamen die Häftlinge vom Internationalen Roten Kreuz Liebesgabenpakete, wodurch das Leben vieler gerettet wurde.“
[37] Vgl. Evakuierungsbericht vom 3. Mai 1945, KZGSD Archiv, Abgedruckt in Klaus Mai, Das vergessene KZ, 3. Auflage München 2020, S. 360 ff.
[38] Routenverlauf in Dok. -Nr.: 84618931, ITS Bad Arolsen.
[39] Teile des Textes wurden aus dem Buch: Eberhardt, Sybille, Als das “Boot” zur Galeere wurde …, Manuela Kinzel Verlag, 2018, S. 403 bis 410 übernommen.
[40] Minia Wasilkowska, New York, 28.11.1995, USC Videodatei, Code 9318.
[41] Vgl ebd.
[42] Rachela Ejzman, * 10.2.1923 in Litzmannstadt [Lodz], # 154369 [Allach], # 38786 [Natzweiler], Schneiderin, Polin, Vgl. ITS 1.1.6.7/DYLY-END/1373.
[43] Rose Ejzman, Los Angeles, 24.1.1996, USC Videodatei, Code 11184.
[44] Sara Rozenberg, * 14.11.1924 in Litzmannstadt [Lodz], # 154441 [Allach], # 38859 [Natzweiler], Sch-J, Polin, Vgl. ITS 1.1.6.7\ROSG-RUDI\1124.
[45] Ester Szwarzbaum, * 3.3.1924 in Wostawa, # 154451 [Allach], # 38869 [Natzweiler], Sch-J, Polin. Vgl. ITS 1.1.6.7\SZCZ-SZZ\1335.
[46] Ester Schwarzbaum, New York, 19.6.1997, USC-Videodatei, Code 30146.
[47] Sarah Nirenberg, * 23.2.1915 in Lublin, # 153588 [Dachau-Allach], # 39006 [Natzweiler], Näherin, Sch-J, led., Polin. Vgl. ITS\1.1.6.7\NI-NOWN\0664.
[48] Sara Nirenberg, Kalifornien, 19.3.1996, Videodatei USC, Code 39984.
[49] Zelma Klein, Mein Zeugnis als Warnung, bearb. von Harald Roth, Hartung-Gorre Verlag Konstanz 2006, S. 88.
[50] Esther Pelmann, * 20.3.1924 in Litzmannstadt, # 38850 [Dachau-Allach], # 154433 [Natzweiler], Sch-J, led., Polin. Vgl. ITS 1.1.6.7\PAV-PERST\0800.
[51] Miriam Sznajdermann, New York, 17.8.1995, USC Videodatei Code 5579.
[52] Mary Warszawska, New York, 18.1.1996, USC Videodatei Code 11034.
[53] Rivkale Fant, New York, 9.2.1997, USC Videodatei Code 25846.
[54] Mary Warszawska, New York, 19.6.1997, USC Videodatei Code 11034.
[55] SS-Hauptscharführer Karl Stojan, * 1889 in Annahütte/Niederlausitz, Glasarbeiter, von 1. Oktober 1944 bis 30.4.1945 Mitglied des SS-Totenkopfwachbataillions. Vgl. dazu. BArch B162/4346.
[56] Adam Billauer, * 1.1.1927 in Warschau, # 156560 [Allach], # 40513 [Natzweiler], Tischler, Sch-J, Pole. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0134\0028. Billauer war von Hailfingen über das Lager Dautmergen evakuiert worden und in einem Transport von 160 meist polnischen Juden am 12.4.1945 in Dachau-Allach angekommen.
[57] Hanka Goldberg, Florida, 5.12.1995, USC Videodatei Code 9639.
[58] Vgl. ebd.
[59] Sala Rozenberg, Florida, 23.1.1996, USC Videodatei Code 11281.
[60] Molly Maroco, 18.4.1996, USC Videodatei Code 14127.
[61] Libby Domb, Florida 23.1.1996, USC Videodatei Code 11280.
[62] Ilona Bartos-Kohn
[63] Süddeutsche Zeitung vom 29. April 2015, Erinnerung an den Todeszug: „Das hat mir keine Ruhe gelassen“, Interview von Stephanie Schwaderer.
[64] Vgl. ebd.
[65] Der Hinweis auf die Verhaftung von Jarolin in Staltach ist bei Zelma Klein zu finden. Klein, a.a.O., S. 88. Vgl. auch dazu: Mai, Klaus, Das vergessene KZ, München 2020, S. 140 ff.
