Im Herbst 1943 erfolgte am östlichen Rand des Lagers der Baubeginn der Lagererweiterung um einen „Krankenbau“ und vier Steinbaracken als Quarantänelager. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die KZ-Häftlinge in den jeweiligen Quarantänestationen der abgebenden Konzentrationslager - meist Dachau - eingepfercht. Das Quarantänelager war nach Aussage von Michael Rauch bereits zur Osterzeit 1944 in Betrieb. Hermann Riemer berichtet dazu: Die Neuzugänge im Lager mussten „zunächst in die Quarantäne, einen Komplex von fünf aus Beton erbauten Baracken, die vom übrigen Lager durch den üblichen elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun getrennt waren. Nebenan befand sich das Judenlager (...). 1) Ab der Jahreswende 1944/45 „fielen zunehmend die Russen zusammen, um die sich kein internationales Rotes Kreuz kümmerte“. Die nicht mehr Arbeitsfähigen wurden „aussortiert“ und ins Hauptlager nach Dachau gebracht, wo sie in Invalidenblocks ihren Tod erwarteten. Und: „die Sterblichkeitskurve im Lager stieg steil an.“ 2) „Jeden Tag lag eine Reihe unbekleideter Toter am Revier“, die auf Lastwagen zur Einäscherung nach Dachau gebracht wurden. 3) Der strenge Winter 1944/45 tat sein Übriges. Die steinernen Baracken des Judenlagers hatten keinen Ofen. Die gegen Kriegsende zunehmend schlechter werdende Versorgungslage begünstigte Krankheit und Tod. Ab Mitte März 1945 trafen zunehmend Evakuierungstransporte aus anderen Lagern in Dachau-Allach ein. Sie erweckten selbst bei abgestumpften Häftlingen das Grauen. So berichtet Riemer u. a. über einen Transport aus dem KZ-Buchenwald nach Allach: „Am Ende ihrer Kräfte angelangt, wankten und schwankten sie daher, einzeln, zu zweien oder dreien aneinander gelehnt, Gerippe, deren Knochen mit Pergament überspannt schienen. Schemen des Hungers, gegen welche die Darstellungen einer Käte Kollwitz harmlose Karikaturen waren, Todgeweihte, die kaum noch die Kraft besaßen, Fuß vor Fuß zu setzen. (...) Und diese armen, an der Grenze des Lebens taumelnden Geschöpfe wurden noch mit Kolbenhieben von ihren Begleitmannschaften angetrieben! Wir waren so empört, dass wir darüber unsere eigene Situation vergaßen und ihnen über den Zaun zuriefen, dass wir sie alle aufhängen würden, sollten wir noch einmal frei werden. Ein Hohngelächter antwortete uns ... aber es ist vierzehn Tage später in den Wäldern am Tegernsee im Blut erstickt.“ Die für diesen Transport berichteten 300 Toten, die in den Waggons auf dem Bahnhof Karlsfeld verblieben, wurden nach Häftlingsberichten zwar offiziell registriert, weitere Unterlagen dazu sind jedoch nicht erhalten geblieben. Der Typhusepidemie ab Mitte April 1945 fielen etwa 240 KZ-Häftlinge zum Opfer. Der von der 7. US-Army eingesetzte Lagerkommandeur 1st. Ltd. Charles C. Snyder stellte deshalb das gesamte Außenlager bis 28. Mai 1945 unter Quarantäne. Bereits vorher gab es immer wieder Fleckfieber, Ruhr und TBC sowie andere Krankheiten im Lager. Die in den Totenmeldungen am häufigsten angegebene Todesursache Herz- und Kreislaufversagen war Folge dieser Krankheiten.
Die Behandlung der Epidemien gegen Kriegsende fand praktisch ohne Medikamente statt. Schwerkranke mussten nach Dachau überstellt werden, die von dort in der Regel nicht mehr zurückkehrten. 1) Als Schwerkrank galt ein Häftling, der länger als 3 Monate krank war. War dies festgestellt, wurde er nach Dachau überstellt, um dort in der „Sterbebaracke“ auf seinen Tod zu warten oder für den „Transport“ nach Hartheim oder Auschwitz selektiert. Dies war der wesentliche Grund, warum viele Häftlinge trotz schwerer Krankheit weiterarbeiteten.
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1) Vgl. dazu den Bericht von Johannes Drost vom 2.11.1946 in: Nederlands Institut voor Oorlogsdocumentatie, archiv 250d, Kampen en Gefangenissen, inv. no. 503. Vgl. ITS 1.1.6.7\PRI-PZ\1225.
2) Karl Babor, SS-Hauptsturmführer, * 23.8.1918 in Wien; † 21.1.1964 bei Addis Abeba (Äthiopien), Arzt, Deutscher. SS-Hauptsturmführer, ab 1943 SS-Lagerarzt in Allach.
3) Schreiben des SS-Obersturmbannführers Liebehenschel vom 25.2.1943 an die KZ-Kommandanten von Flossenbürg, Natzweiler, BuchenwaId und Dachau in: BArch NSA-FL 390, Blatt 183. Wann genau die Entscheidung zum Bau eines eigenen Kranken- und Quarantänelagers erfolgte, konnte bisher nicht ermittelt werden. Diese dürfte vermutlich unter dem Eindruck der Typhusepidemie bereits im Sommer 1943 gefallen sein.
4) Nach den Unterlagen der Lokalbaukommission München hatte die Firma Eckardt im Auftrag von BMW am 23.11.1944 mit den Installationsarbeiten für Wasser und Abwasser für diese Erweiterung begonnen.
