Olena Bergmanova

„Ich wurde in Kabiz geboren, das ist ein kleines Dörfchen in Böhmen, im Gebirge im Nordosten Böhmens, an der Grenze nach Polen. Mein Vater war ein Staatsbeamter und wir mussten dorthin übersiedeln, wo sein Amt war. Wir wohnten in Jelowa, in Brünn, in Trebic, dann wieder in Brünn und in Trebic. In Trebic habe ich das Realgymnasium besucht. Im Jahre 1943 machte ich die Matura, die Hochschulen waren gesperrt. 1944 fuhr ich nach München. Das war ein Totaleinsatz für alle, die in diesem Jahr 24 Jahre alt geworden waren. Ich wurde in diesem Jahr 24 Jahre alt. In München war ich nur fünf Monate, unsere Baracken wurden total zerstört, uns blieb nur, was wir auf dem Leib hatten. Ich bin dann mit vier Freundinnen nach Hause gefahren. Dann blieb ich hier, im Protektorat Böhmen und Mähren und hatte dann wieder einen Totaleinsatz bei der Firma BMW, die ihren Hauptsitz in Brünn hatte. Danach war ich in Kuschima, wieder bei der Firma BMW. Zwei Tage vor dem Luftangriff auf Kuschima ging ich nach Usti nad Orlici, wieder zu derselben Firma, BMW, und dort blieb ich bis Februar 1945. Dann blieb ich in Trebic. In München war ich in der Kanzlei beschäftigt. Es war eine Kanzleiarbeit, es kamen Änderungen von Plänen, es wurde umregistriert, umgeschrieben, Zahlen wurden dazugegeben.

Haben Sie Pläne von Motoren geändert?
Ja, aber ich habe sie nicht gezeichnet, ich arbeitete in der Kanzlei. Es gab dort eine große Halle, wo die Maschinen standen. Viele Leute arbeiteten dort. Es gab auch junge Deutsche dort, die von der Front geflohen waren und als Sträflinge dort gearbeitet haben.

Arbeiteten diese Sträflinge auch in dieser Kanzlei?
Nein, sie arbeiteten nur in der Fabrik mit den Maschinen. Sie kamen auch in die Kanzlei. Diese Männer waren 18, 19 Jahre alt. Da ich von meinen Eltern einige Sachen bekommen hatte, habe ich z.B. zwei jungen Männern, die zu mir kamen, ein paar Süßigkeiten gegeben.

Sie haben den deutschen Soldaten etwas Essen gegeben?
Ja, aber das war streng verboten.

Haben Sie in Allach auch KZ-Häftlinge gesehen?
Ja, viele. Sie kamen jeden Tag aus Dachau mit dem Zug zum Arbeiten. Haben Sie dort auch russische Kriegsgefangene gesehen? Ja, viele.

Wurden sie anders behandelt als Sie?
Ja, sie wurden schlechter als wir behandelt. Es gab ein sogenanntes Außenlager bei BMW. Es befanden sich Häftlinge in Dachau, die in diesem Außenlager arbeiteten. Sie wurden täglich durch eine Art Korridor aus Stacheldraht geführt und mit Pistolen und Gewehren bedroht. Falls sie Anstalten machten zu fliehen, wurden sie sofort erschossen.

Es gab dort also sowjetische Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge in dem Lager?
Ja, gegenüber unserer Baracke. Wir waren in der Baracke 10. Gegenüber von uns waren die SS-Häftlinge. Was die dort gemacht haben, war mir nicht klar. Es war dort immer beleuchtet. Das war in Karlsfeld. Auch die SS war wohl manchmal nicht zuverlässig. Wir haben gesehen, wie sie im Winter geübt haben, im Schnee. Nur leicht gekleidet mussten sie in den Schnee fallen und solche Sachen.

Die Menschen, denen Sie geholfen haben, waren das SS-Leute oder Soldaten?
Die Wehrmacht meinte ich, aber ich weiß es nicht, ob es nicht doch SS-Strafgefangene waren.

Wie haben Sie in München gewohnt?
In München wohnten wir in Baracken. Ich habe in Ludwigsfeld gewohnt. In Karlsfeld bei München war die Firma, in Allach. Zwölf Frauen waren in einem Zimmer. Es gab dort warmes Wasser, eine Zentralheizung und viele Wanzen, das war schrecklich. Ja, die Wanzen waren überall. In der Kantine waren Kundgebungen und auch unter diesen Papieren waren Wanzen. Sie mussten in den Baracken die Wanzen mit Gas vernichten. Wir mussten für zwei Tage übersiedeln wegen der Vergasung der Wanzen. Zwölf Stunden pro Tag haben wir gearbeitet. Wenn wir dafür Zeit hatten, gab es einen Tag in der Woche frei, und wir haben Ausflüge gemacht. Entweder Samstag oder Sonntag war frei. Ja, wir waren in der Partnachklamm in Garmisch-Partenkirchen, haben auch den Starnberger See und die Umgebung gesehen, es ist eine schöne Umgebung. Auch am Ammersee, Kochelsee und am Herzogstand waren wir. In dem Lager, in dem wir wohnten, waren tschechische Mädchen und viele Französinnen.

Wohnten auch polnische und ukrainische Mädchen dort?
Nein, die polnischen Mädchen waren an einem ganz anderen Ort.

Und was haben diese Frauen gearbeitet?
Sie arbeiteten auch in der Kanzlei, aber wenn die Tschechen kamen, mussten die Polen weg sein.

Also haben die Polinen eine schlechtere Arbeit bekommen.
Ja, genau.

Wo haben Sie gegessen?
Ich habe nicht in der Kantine gegessen, meine Eltern und die Eltern von Mira Vankova, einem Mädchen, schickten uns Pakete mit Nahrungsmitteln. Es gab ja dort Elektrizität und die nutzten wir und haben dort gekocht. Kaffee, Tee und so hatten wir leider nicht. Das Essen in der Kantine war schrecklich. Wir haben das nicht gegessen. Mira Vankova, meine Freundin, war beim Werkschutz beschäftigt. Und dann sind Sie nach fünf Monaten zurückgekommen, im September? Nein, im Juli bin ich zurückgekommen. Mir hatte die Gestapo damals ein Telegramm geschickt, dass ich sofort nach München zurückfahren müsste, sonst würde ich eingesperrt. Aber ich habe das bei BMW gemeldet und so blieb ich hier. Ich war drei Wochen in Weidenpflug beschäftigt, dann war es ruhig diesbezüglich. Ich war wohl ein Glückspilz, dass alles so passierte, wie es kam. Vielleicht war es nicht so streng, weil ich ein Mädchen war. Sie sind regelrecht geflohen, einfach gegangen? Es war nicht einfach. Meine Freundin war ja beim Werkschutz beschäftigt. Ich war in der Kanzlei und so hatten wir den Briefkopf der Firma. Wir nahmen den und haben darauf geschrieben, dass wir sehr bombengeschädigt wären und bis auf Weiteres Urlaub hätten. Sie haben sich also selber einen Urlaubsschein ausgestellt und sind nach Brünn zurückgekehrt? Ja, wir hatten ja den Werkschutzstempel. Das war eine große Ausnahme.

Sie haben das nach einem Fliegerangriff gemacht - danach waren Sie in Brünn oder wohin gingen Sie dann?
Nach Kuschima und Gurein. Also sind Sie im Juli nach Gurein gegangen? Das ist eine tschechische Stadt, der Name ist erst im Krieg entstanden, da wurden alle Orte umbenannt. Zuerst war ich in Brünn beim Arbeitsamt, sie wiesen mich der Firma Klöckner-Deutz zu. In Brünn war das Direktorium und in Kukuzin - in Gurein gab es eine Fabrik, in der man dieselben Motoren wie in München baute, wie den BMW 801.

Sie sind dann einfach in das Direktorium in Brünn gegangen und sagten: Hier bin ich?
In Kuschima war ich 14 Tage lang. Zwei Tage vor dem Angriff ging ich nach Usti nad Orlici, das war bei der Fa. Klöckner. Orlici ist ein Fluss.

Das ist der Ort, von dem Sie ursprünglich herkamen?
Ich habe in Kuschima gearbeitet, nicht in der Kanzlei, aber in Kuschima und Usti nad Orlici, jeweils zwölf Stunden am Tag.

In Usti nad Orlici gab es auch die Firma Klöckner?
Ja die Fabrik hieß Klöckner. Ich hatte dort eine Bekannte und wohnte bei ihr. Bis zum Ende des Krieges war ich dann dort. Zwei Monate später war ich dann zu Hause.

Haben Sie denn das Gefühl, dass diese Fabriken auch richtig gearbeitet haben? Es war ja schon zum Ende des Krieges - wurde dort noch richtig produziert?
Es war schon zum Ende des Krieges, wir hatten kaum noch Arbeit.

In München wollte man zunächst, dass Sie dorthin zurückkehren - aber in dem Werk hier wurden Sie weiter beschäftigt?
Ja, sie wollten das. Aber ich bin nicht zurückgekehrt, ich blieb hier. Ich habe mich sofort beim Arbeitsamt gemeldet, das war es wahrscheinlich. Es war möglich, dass einige ihre Situation dadurch verbessern konnten, dass sie hierher flohen, in das Protektorat, dann über die Grenze gingen und in einer kleineren Stadt, also in Wien, bei einem Bäcker beispielsweise gearbeitet haben. Weil sie nicht im Protektorat zu finden waren, hat man sie nicht gefunden, das heißt, sie hatten keine Probleme. Man musste wissen, wie man es ,klug anzustellen‘ hatte. Die meisten sind aber dann doch wieder eher in Richtung Heimat gegangen? Ja, aber zu Hause zu bleiben, war fast unmöglich.

In Gurein waren Sie ja nur einige Tage, sagten Sie? Können Sie dazu noch etwas erzählen, beispielsweise wie viele Leute dort gearbeitet haben und was?
Die Fabrik dort war sehr groß. Dort war ich mit meiner Freundin, mit der ich nach Trebic gefahren war. Wir bekamen Urlaub und sind nach Neumarkt gefahren, dort hatte ich Verwandte und blieb über Nacht. Morgens sind wir dann früh über die Grenze - über Genion(?) - dann fuhren wir mit dem Zug nach Trebic. Beim Zurückfahren haben wir dem Kontrolleur Zigaretten gegeben, so wurde uns das ermöglicht. Aber wir hatten Verspätung - ich kam einen halben Tag zu spät in die Arbeit. Mein Chef hat mich durch das Fenster gesehen und er rief mich und sagte mir, dass ich nicht zu ihm gekommen bin. Ich musste dann eine Strafe über fünfzig Mark zahlen und mich entschuldigen.

Waren die Meister in Gurein und Usti nad Orlici Deutsche?
Ja, es waren Deutsche. Wurden in beiden Werken Teile für den BMW-801-Motor hergestellt? Ja, das war in allen Werken. Es gab in Deutschland mehrere Werke, in Eisenach, in Berlin-Basdorf, Spandau und Zühlsdorf. In Österreich gab es Betriebe, die zwar nicht den Namen BMW trugen, aber doch für BMW tätig waren.

In Österreich auch?
Ja, in Österreich auch. Es gab auch Werke in Kempten, in Immenstadt, in Zusammenarbeit mit der Firma Nüral, das steht für Nürnberg Aluminiumwerke. Dann gab es die neuen Werke am Ende des Krieges, wie zum Beispiel in Waldkirch und im Elsass. Wir bekamen von der Firma Nüral auch Pläne über die Aluminiumbestandteile des Motors.

Und hier in Tschechien waren es also unter dem Namen Klöckner Gurein, Kuschima?
Ja, Gurein, Brodeck und Iglau. In Brünn war das Direktorium und in Kuschima war die Fabrik. BMW selbst war in Altenberg. Das weiß ich darum, weil wir die Pläne aus der Fabrik bekommen haben.“ 1)
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1) Olena Bergmanova, * 1925 in Kabiz, Trebic (Tschechische Republik), 17.9.-21.9.2001, Interview Constanze Werner, Dolmetscher: Milos Uher, abgedruckt in: Constanze Werner, Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit bei BMW. München 2006, S. 404 ff.

 

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