Klaus Mai

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Aus dem KZ-Außenlager Dachau-Allach zu fliehen war schwierig, aber nicht unmöglich. Von etwa 70 bekannten Fluchten sind nur zwei gelungene bekannt. Betrachtet man diese Fluchtversuche genauer, fällt der hohe Anteil russischer und deutscher Häftlinge auf. Vierzig KZ-Häftlinge, also über die Hälfte der nachweislich Geflüchteten, stammten aus der Sowjetunion, weitere neun Häftlinge aus dem Deutschen Reich. Der Rest setzte sich aus Polen, Franzosen, Italienern, einem Griechen und zwei tschechischen „Zigeunern“ zusammen. Auch fällt auf, dass sich darunter kein einziger Jude befand.

Wie hoch an den sowjetischen Flüchtigen der Anteil der Kriegsgefangenen war, lässt sich nicht mehr eindeutig bestimmen. Ein Teil der geflüchteten sowjetischen KZ-Häftlinge war als „Zivilarbeiter“ deklariert. Wir wissen, dass im KZ-Außenlager Dachau-Allach mindestens acht sowjetische Kriegsgefangene darunter waren.

Schon die Fluchtvorbereitungen mussten sehr vorsichtig geschehen. Im Lager gab es Spitzel, die der SS schon gegen kleine Vergünstigungen die Pläne verrieten.  

Eine Flucht ohne Hilfe der Mitgefangenen oder von außen durchzuführen war nahezu unmöglich. Der „Zebraanzug“ [Häftlingskleidung] musste gegen Zivilkleider getauscht werden. Selbst wenn dies gelang, verriet sie der „Lagerstraßenhaarschnitt“, [über den Scheitel kahlgeschorener Streifen] ihr übriges Erscheinungsbild oder ihre Sprache. Auch konnten sie nicht oder nur mit wenig Unterstützung aus der Bevölkerung rechnen. Die Bevölkerung war meist auf der Seite des NS-Regimes. Viele Flüchtige KZ-Häftlinge wurden mit ihrer Hilfe gefasst. Auch das Problem des Essensbeschaffung war außerhalb des Lagers nur mit Hilfe oder durch „Diebstahl“ zu lösen. „Schwachstellen“ für eine Flucht waren der Weg zum Arbeitseinsatz sowie der Arbeitseinsatz selbst. So berichtete der ukrainische Häftling Nicolai Choprenko von zwei russischen Mitgefangenen, denen die Flucht durch den Abwasserkanal aus dem BMW-Werk Allach zunächst gelungen war, die allerdings später wieder gefasst wurden. Wiederergriffene Häftlinge mussten in das KZ-Dachau überstellt werden. Auf dem Rückenteil ihres „Zebraanzugs“ wurde ein „Fluchtpunkt“ aufgenäht und die Haftart änderte sich in NA oder NAL. Dies war die Abkürzung für „Nicht Außenkommando“ und „Nicht Außenlager“. Lediglich zwei „Zigeunerhäftlingen“ aus einem landwirtschaftlichen Arbeitskommando in Feldmoching gelang erfolgreich die Flucht. Zuvor hatten russische Fremdarbeiter auf dem Feldmochinger Friedhof für beide Häftlinge Kleidung und Essen deponiert. War eine Flucht entdeckt, rückte sofort ein SS-Suchtrupp aus. Bei der Suche und Ergreifung der Flüchtigen war immer die Zivilbevölkerung beteiligt.

Nach ihrer Wiederergreifung wurde die Geflüchteten oft schwer misshandelt. Ihre Bestrafung endete vielfach mit ihrem Tod. Mit dem Schild „Ich bin wieder da!“ wurden sie zur Abschreckung vor das Eingangstor gestellt und/oder durch ein schlagendes Spalier von Kapos und SS-Männern durch das Lager getrieben. Das aufnähen eines Fluchtpunktes auf dem Rücken des Zebraanzugs und an den Hosenseiten war obligatorisch, ebenso der „verschärfte“ Aufenthalt im „Bunker“ bis zum Strafvollzug. „Verschärft“ hieß die ersten 3 Tage ohne Essen, dann „Wasser und Brot“.