Tibor Kraus

KZ-Häftling im O.T.-Lager Allach-Karlsfeld

„Ich wohnte bis Mai 1944 in meiner Geburtsstadt Marosvásárhely in Transilvanien, zu dieser Zeit Ungarn. Im Mai 1944 wurde ich ins Ghetto genommen, wo ich einige Wochen blieb und dann in einem Transport von einer großen Zahl Menschen nach Auschwitz abtransportiert [wurde]. In Auschwitz war ich einige Wochen und wurde danach in ein kleines Lager Rothschwaige geschickt‚ woher ich nach kurzer Zeit ins Lager Allach kam. Das Lager Allach, wo ich war, war ein Arbeitslager, wo Juden aus verschiedenen Ländern inhaftiert waren, ein Großteil Juden aus Ungarn. Die Kapos waren deutsche Häftlinge - politische und auch kriminelle. Im Lager Allach war ich eine Zeit lang als Elektriker beschäftigt und dann wurde ich ins Arbeitskommando Sägewerk-Kirsch 2) überstellt. Dort arbeitete ich eine Zeit lang und dann nicht lange im sog. ‚Knoll-Kommando‘ d.h. im Arbeitskommando Karlsfeld, wo der deutsche Kapo Knoll der Kommandoführer war. Mein Vater Martin Kraus, 3) welcher nicht [mehr] am Leben ist, arbeitete die ganze Zeit im Arbeitskommando Karlsfeld. Die Arbeit bei diesem Kommando fand bei der Bahnstation Karlsfeld statt, wo wir Zement und Baumaterialen aus den Waggons ausluden. Es scheint mir auch, daß ein Teil des Kommandos beim Geleiselegen tätig war. Ich erinnere mich schon nicht [mehr], wie wir jeden Tag aus dem Lager Allach zur Arbeitsstelle in Karlsfeld gelangten. Ich weiß schon nicht mehr, ob wir mit Autos transportiert wurden oder zu Fuß gingen.

Die Arbeit aber wurde durch OT geleitet. Die OT-Leute behandelten uns verhältnismäßig gut, es waren meist ältere Leute. Ich erinnere mich an manche von ihnen, aber die Namen sind mir schon entfallen. Die Arbeit in diesem Kommando war schwer, der Kapo Knoll war sehr grausam, er schlug die Häftlinge. Häftlingstötungen sind mir aber in diesem Kommando unbekannt. 

Ich erinnere mich, in diesem Moment, daß wir zur Arbeit auch durch SS-Männer begleitet wurden. Es begleitete uns ein SS-Mann mit einem Hund, welcher die Häftlinge schmerzlich gebissen hat, unter anderem auch meinen Vater. Wie gesagt, war nur meine Arbeitsstelle eine Zeit in Karlsfeld. Mein Inhaftierungsort war das Lager Allach. Auch dort habe ich keine Häftlingstötungen gesehen. Die Lebensbedingungen waren schwer, es war eine große Sterblichkeit infolge
verschiedener Infektionskrankheiten.

Was die SS-Besetzung des Lagers Allach anbetrifft, so erinnere ich mich an den Funktionär Meyer. (...) Was seine Tätigkeit und sein Verhältnis zu uns [Häftlingen] anbetrifft, so kann ich nicht sagen, daß er besonders grausam war. Im Gegenteil, verhältnismäßig war er nicht schlecht. Aus Allach kam ich ins Lager Mittelgars 3) (...).“ 

Wie die nebenstehende Unfallmeldung vom 25.11.1944 zeigt, gab es nicht nur auf der BMW-Baustelle, sondern auch im Werks-Verkehr tödliche Unfälle. 4)

In diesem Falle verunglückte der O.T.-Fahrer eines Lastwagens tödlich, als das Fahrzeug von der Straße abkam. Bei dem verunglückten Fahrer handelte es sich den „Zivilfranzosen“ Leon Messmer, geboren am 4.7.1909 in Mühlhausen. Von den 47 jüdischen Häftlingen und den 3 SS-Posten des Kommandos waren dabei nur zwei Häftlinge leicht verletzt worden. Einer davon war Tibor Kraus. Er musste schriftlich auf Entschädigungsansprüche an die O.T. verzichten. Aus der Unfallmeldung geht weiter hervor, dass sich Tibor Kraus entgegen seiner Annahme im O.T.-Lager Allach-Karlsfeld befand.
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1) Schreibstubenkarte: ITS 1.1.6.7\KRAUR-KRT\0110.
2) Sägewerk Kirsch. Nicht ermittelt.
3) Martin Kraus, * 31.2.1897 in Erzsebeth Varos, # 70864, Kaufmann, Sch.-J, verh., 2 Kinder, isr., Ungar. Vgl. ITS 1.1.6.7\KRAUR-KRT\0089.

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4) Häftlings-Personalkarte: ITS 1.1.6.2\KRAU-KRET\00051195\.

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