„Zum Zeitpunkt meiner Verhaftung warich allein. Ich wurde im Arrestlokal der Gestapo in Lowicz festgesetzt. Während der Verhöre wurden allgemeine Vorwürfe über die Zugehörigkeit zu einer illegalen Organisation erhoben. Man schlug mir Mitarbeit bei der Gestapo vor, was ich ablehnte. Nach zwei Tagen Aufenthalt im Arrest der Gestapo in Lowicz wurde ich zusammen mit anderen Häftlingen nach Warschau abtransportiert. Diejenigen, die mit mir fuhren, wurden in das Pawlak-Gefängnis überstellt und mich brachte man in das Gestapo-Gefängnis in der Schucha-Allee (Aleja Szucha). Dort wies man mich darauf hin, daß ich mich hinter einem falschen Namen verstecke und ich gestand diese Tatsache, daß ich mich mit einem falschen Namen tarne. Von dieser Zeit ab begann ich unter meinem richtigen Namen aufzutreten. Das Verhör bei der Gestapo in Warschau war mit Folterungen verbunden, die drei Tage dauerten. Mir wurden zwei Rippen gebrochen und die Zähne ausgeschlagen, und ich erlitt einen Bluterguss in die Lungen. Außerdem schnitt man mir einen Teil des vom rechten Gesäßteil abgeschlagenen Fleisches heraus. Ich blieb im Pawlak Gefängnis ungefähr vier Monate. Anschließend wurde ich ohne irgendein Gerichtsverfahren nach dem Konzentrationslager Groß-Rosen [1] abtransportiert. Dort bekam ich die Lagernummer 16257. In Groß-Rosen arbeitete ich in der Lagerküche. Ich blieb in Groß-Rosen bis Anfang Februar 1944. Dann wurde ich mit einem Transport innerhalb einer Gruppe von mehreren hundert Häftlingen aus den Reihen der polnischen Intelligenz - Vertreter verschiedener Berufe - nach dem Konzentrationslager Dachau gebracht, wo ich die Lagernummer 63281 erhielt. [2]
Ich wurde in den BMW-Waffenherstellungsbetrieben beschäftigt. Dort war ich ein normaler Häftling ohne irgendeine Lagerfunktion. In Dachau war ich in verschiedenen Blocks untergebracht. Ich erinnere mich daran, dass ich zu Anfang im Quarantäne-Block und anschließend im Block Nr. 18 wohnte. An die anderen Blocknummern erinnere ich mich nicht. Die Namen der Blockführer weiß ich nicht mehr. Unter den Häftlingsfunktionären erinnere ich mich an den Blockältesten Wojcik, [3] aber ich erinnere mich nicht, in weichem Block er Blockältester gewesen ist. An die Namen der übrigen Häftlingsfunktionäre erinnere ich mich nicht.
Im Stammlager Dachau bin ich ungefähr zwei Monate gewesen. Dann wurde ich nach dem Kommando Allach überstellt, das ungefähr zwei Kilometer vom Lager Dachau entfernt liegt. Ich wurde wieder in den BMW-Werken beschäftigt. In Allach blieb ich bis zum Zeitpunkt der Befreiung durch die amerikanische Armee im Frühjahr 1945. Im Kommando Allach befanden sich ungefähr 3.000 Häftlinge verschiedener Nationalitäten, insbesondere Vertreter der Intelligenz. Ich wurde als politischer Häftling qualifiziert. Über die Erschießungen von sowjetischen Häftlingen in Dachau bin ich nicht in der Lage etwas Konkretes auszusagen. Ich erinnere mich daran, dass alte Häftlinge in Dachau erzählten, SS-Männer hätten in einem Bunker sowjetische Häftlinge erschossen. Es wurde auch berichtet, dass man ebenfalls sowjetische Häftlinge auf dem SS-Schießplatz füsilierte. Ebenfalls von älteren Dachauer Häftlingen hörte ich, dass vor meiner Ankunft im Konzentrationslager Dachau kranke Häftlinge aus Dachau abtransportiert und ermordet wurden. An diesbezügliche Einzelheiten erinnere ich mich nicht. Während meines Aufenthaltes im Lager Dachau - Kommando Allach wog ich 38,5 kg. Ich war am Ende meiner Kräfte. Kollegen sagten mir jedoch, ich solle mich nicht in das Revier begeben, denn ich könnte dort ermordet werden. Aus den Erzählungen anderer Häftlinge erfuhr ich, dass Häftlinge im Revier durch Injektionen von Leicht-Benzin und Phenol getötet werden - diesbezüglich kenne ich weder die Namen der Opfer noch irgendwelche Einzelheiten. Unter den Häftlingen kursierte das Gerücht, dass im Dachauer Lager der Plan von Massentötungen von Häftlingen vorhanden war. Es wurde auch davon gesprochen, dass die Entscheidungen zur Ermordung von Häftlingen durch Spritzen vom Lagerkommandanten selbst getroffen wurden. Über die Erschießung von Juden auf dem SS-Schießplatz vor Ausbruch des Krieges ist mir nichts bekannt. Über das Ermorden von Geistlichen im Konzentrationslager Dachau kann ich keine konkreten Angaben machen. Ich kann auch nichts Konkretes über pseudo-medizinische Experimente aussagen, die die Einwirkungen des Blutdrucks und des Abkühlens des menschlichen Organismus betreffen. Als ich im Lager in Dachau und beim Kommando Allach war, kam ich mit Häftlingen zusammen, an denen derartige Experimente vollzogen worden waren. Aber an die Namen dieser Personen erinnere ich mich nicht mehr. Die Namen der Ärzte Rascher, [4] Wüst, [5] Schenck, [6] Klattenhof, [7] Wolff, [8] Gisela [9] und Meine [10] waren mir vom Aufenthalt im Lager Dachau bekannt. Aber diese Ärzte habe ich nicht gekannt, es wurden lediglich ihre Namen von den Häftlingen wiederholt. Die Namen SchnitzIer [11] und Schütz, [12] Kolmann [13] sind mir unbekannt. Hinsichtlich der pseudo-medizinischen Malaria-Experimente weiß ich allgemein nur so viel, wie ich es vorstehend über Abkühlungs-Experimente beschrieb. Den Namen Dr. Brachtel [14] habe ich oft gehört, aber ich kann über ihn nichts aussagen. Die Namen Schilling [15] und Plötner [16] sind mir fremd.
Der Name des SS-Unteroffiziers Eberl ist mir bekannt. Welche Funktionen er im Lager Dachau oder in den Nebenlagern ausübte, ist mir unbekannt. Man konnte ihn überall antreffen. Er war ein hochgewachsener Mann. Während meines Aufenthaltes beim Allach-Kommando fiel ich dem Kapo irgendwie auf. Er machte eine Meldung an Eberl und dieser verurteilte mich zu einer Prügelstrafe während des Abendappells. Ich bekam mehr als zehn Stockhiebe verpasst. Als ich ihm rechtfertigend meinen herausgeschnittenes Gesäßteil zeigte, ordnete Eberl statt Prügelstrafe für mich eine Bunkerstrafe an. Ich wurde für die Dauer von sechs Stunden im Bunker in Allach eingesperrt.
Im Herbst 1944 - an das Datum erinnere ich mich nicht - wurde auf dem Appellplatz in Allach ein hölzerner Galgen für drei Personen errichtet. Am nächsten Tage wurden wir in den Vormittagsstunden von unserer Arbeit weg zum Appellplatz gejagt, auf den man drei russische Häftlinge führte. Einer der SS-Offiziere informierte die Häftlinge, dass diese drei Russen zum Tode durch Erhängen verurteilt worden waren, weil sie Sabotage begangen hatten, und dass Hitler vom Gnadenrecht keinen Gebrauch gemacht habe. Anschließend fragte der gleiche SS-Offizier die Verurteilten, ob und was sie vor ihrem Tode noch sagen möchten. AIle drei antworteten: ,Es lebe Stalin, Stalin wird uns rächen‘. Danach wurde von einem der SS-Männer der Erhängungsakt vollzogen. Die Leichen der Hingerichteten hingen an dem Balken noch während der nächsten 24 Stunden. Während dieser Exekution sah ich Eberl mit anderen SS-Männern. Die Namen der Hingerichteten waren mir unbekannt.
Ungefähr 14 Tage vor der Befreiung begann man damit, Häftlingsgruppen zu bilden, die ungefähr vierhundert Personen betrugen und die russische und Deutsche Nationalität waren. Und zwar geschah dies ebenso in AIlach wie in Dachau.
Diese jagte man in Richtung der Alpen. Alltäglich oder auch jeden zweiten Tag brachte man einzelne Gruppen weg. Nach der Befreiung des Lagers erfuhr ich von Häftlingen der letzten Gruppe, dass die gegen die SS-Männer meuterten, und zwar in der Art, dass sie sich auf die SS-Männer warfen, ihnen die Waffen abnahmen und Selbstjustiz vollzogen. Diese Häftlinge erzählten, dass die vor ihnen abtransportierten Häftlingsgruppen in den Alpenschluchten ermordet worden waren. Zwei oder drei Tage vor der Befreiung kam ein Transport aus irgendeinem im Westen evakuierten Lager [Buchenwald] an, der dreihundertvierzig Kohlenwaggons zählte. Diese Waggons waren mit Drahtgittern versehen und mit Häftlingen überfüllt. Man stellte fest, dass kaum etwas mehr als 10% der Häftlinge noch bei lebendigem Leibe gerettet wurden. Aus welchem Lager diese Häftlinge stammten, weiß ich nicht.“ [17]
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[1] Das Lager Groß-Rosen lag ca. 60 Km südwestlich von Breslau. Es wurde im August 1940 in der Nähe eines Granitsteinbruchs gegründet und war bis 1.5.1941 Außenkommando des KZ-Sachsenhausen. Bis dahin waren über 700 Häftlinge - vor allem Polen, Tschechen und Deutsche im Lager. Ab 1.5.1942 wurde es zum Konzentrationslager der Stufe II, der Lagerausbau vorangetrieben. Die Gefangenen arbeiteten im Steinbruch der Deutschen Erd- und Steinwerke GmbH - einem SS-Unternehmen - später auch in der Rüstungsindustrie.
[2] Stanislaw Bluszcz, * 22.11.1902 in Bednary, # 63281, Eisenbahner, Sch., verh., 1 Kind, kath., Pole. Bluszcz wurde am 6.2.1944 vom KZ Groß-Rosen über Dachau in das Außenlager Allach überstellt, um dort bei BMW zu arbeiten. Vgl. Schreibstubenkarte: ITS 1.1.6.7\BLO-BOL\0448.
[3] Josef Wojcik, * 18.3.1916 in Sceziechowice, # 47019, Bäcker, led., kath., Pole. Vgl. ITS 1.1.6.7\WITER-WOLQ\0701.
[4] Sigmund Rascher, * 12.2.1909 in München; † 26.4.1945 im KZ Dachau, SS-Arzt.
[5] Prof. Dr. Walther Wüst, * 7.5.1910 in Kaiserslautern; † 21. März 1993 in München, SS-Oberführer und Kurator der SS-Forschungs- und Lehrgemeinschaft Ahnenerbe, Dekan und Rektor der Universität München 1935 - 1945.
[6] Ernst Günther Schenck, * 3.8.1904 in Marburg; † 21.12.1998 in Aachen, SS-Arzt, Obersturmbannführer.
[7] Heinrich Klattenhoff, * 12.5.1907, SS-Hauptsturmführer, Verwaltungsführer des KZ-Dachau.
[8] Wolf-Dietrich Wolff, * 21.5.1913, SS-Obersturmbannführer und persönlicher Referent des Reichsgeschäftsführers Ahnenerbe Wolfram Sievers.
[9] Dr. Gisela Schmitz-Kahlmann, * 20.2.1913, Sekretärin des Reichsgeschäftsführers Ahnenerbe Wolfram Sievers (1905 -1948).
[10] August Meine, * 13.10.1906, SS-Sturmbannführer, Mitarbeiter des persönlichen Referenten Himmlers, Dr. Brandt.
[11] Erich Schnitzler, * 12.4.1902, Verwaltungsführer des KZ-Dachau.
[12] Karl Schütz, * 1892, SS-Sanitätsdienstgrad, Vgl. IMT Case No. 000-50-2-60 (US vs. Joseph Peter Anton Ernst et al) Tried 11 Mar. 47.
[13] Kolmann, nicht ermittelt.
[14] Rudolf Adalbert Brachtel, * 22.4.1909 in Gaya; † 1988, Deutscher, Arzt, SS-Hauptsturmführer. Im KZ Dachau als SS-Arzt eingesetzt, Vgl. IMT Case No. 000-50-2-103 (US vs. Rudolf Brachtel et al) Tried 11 Dec. 47.
[15] Dr. Claus Schilling, * 5.7.1871 in München; † 28.5.1946 in Landsberg am Lech, SS-Arzt. Vgl. IMT Case No. 000-50-2 (US vs. Martin Gottfried Weiss et al) Tried 13 Dec. 45.
[16] Friedrich Kurt Plötner, * 19.10.1905 in Hermsdorf; † 26.2.1984, SS-Arzt. Assistenzarzt von Dr. Schilling bis Mitte 1944.
[17] Stanislaw Bluscz, StaA München, Staatsanwaltschaften, 34706, Blatt 304 ff.
