Otto Oertel

Häftling im KZ-Außenlager Dachau-Allach

„Bombenräumkommando

Die Luftangriffe auf München galten nicht allein den Wohnvierteln, sondern auch den Produktionsstätten von Kriegsmaterial. So wurde vor allem das Hauptwerk der Bayerischen Motorenwerke, BMW 1, Ziel der Bomben. Neben der Zerstörung von Werkhallen waren es die Blindgänger, die für beträchtliche Arbeitsausfälle sorgten, denn einige von ihnen besaßen Zeitzünder, die erst nach Tagen die Explosion auslösten. Dadurch entstand eine große Unsicherheit auf dem gesamten Werksgelände. Also mussten die hochbrisanten Gefahrenherde beseitigt werden. Was lag da näher als sich der Häftlinge in Allach zu entsinnen, für die man Ja ohnehin beträchtliche Summen an die SS zahlte.

Die technische Leitung versah ein Feuerwerker der Luftwaffe, ein sympathischer und uns Häftlingen gegenüber sehr zuvorkommender Mensch. Nachdem jeder von uns seine Kammer im Bunker zugewiesen bekommen hatte, ging es an die Arbeit. Der Feuerwerker besaß einen Lageplan, in dem die Aufschlagstellen der Blindgänger verzeichnet waren. Als wir den ersten Grabungsort erreicht hatten, forderte er die Posten auf, sich in einem Abstand von mindestens fünfzig Metern von der Fundstelle aufzuhalten. Diese Maßnahme diene ihrer Sicherheit, erklärte er ihnen, als er ihre verdutzten Gesichter bemerkte. Zu uns gewandt aber: „Die wollen wir hier nicht in der Nähe haben zum Schnüffeln!” 

Er war überhaupt ein Kamerad, dessen unerschöpflicher Humor uns wieder mitriss und vergessen machte, dass wir ja tatsächlich ein Himmelfahrtskommando waren. Im Lager Allach hatte er die Funktion eines Blockältesten. Am späten Nachmittag lieferten wir die Ausbeute des Tages auf einer Sammelstelle außerhalb Münchens [Flugplatz Schleißheim] ab. An unserem LKW prangte ein großes Schild, „Sprengkommando! Freie Durchfahrt!“ Ich studierte während der Fahrt interessiert die Gesichter der Passanten, die unserem seltsamen Gefährt begegneten. Vielerlei konnte ich darin lesen: Neugier; Schrecken, Mitleid. Einer winkte uns zu. Nur einer. Als wir einmal auf unserer Fahrt zum Sammelplatz auf freier Strecke vom Fliegeralarm überrascht wurden und bereits die ersten Bomben detonieren hörten, ließ der Feuerwerker, der seinen eigenen Wagen fuhr, anhalten. Er wusste ganz in der Nähe einen kleinen Privatbunker. Er entschied: „Dort können wir uns aufhalten bis zur Entwarnung. „Wahrscheinlich kannte er die Einstellung des Mannes nicht, dem der Bunker gehörte. Denn als er sein und damit auch unser Anliegen vorbrachte, bekam er zur Antwort:  Sie und die Posten können hinein. Aber die Verbrecher dort, die bleiben draußen”. Der Feuerwerker gab sich alle Mühe, den Mann zu beschwichtigen und ihm begreiflich zu machen. Die Luftangriffe auf München galten nicht allein den Wohnvierteln, sondern auch den Produktionsstätten von Kriegsmaterial. So wurde vor allem das Hauptwerk der Bayerischen Motorenwerke, BMW 1, Ziel der Bomben.

Neben der Zerstörung von Werkhallen waren es die Blindgänger, die für beträchtliche Arbeitsausfälle sorgten, denn einige von ihnen besaßen Zeitzünder, die erst nach Tagen die Explosion auslösten. Dadurch entstand eine große Unsicherheit auf dem gesamten Werksgelände. Also mussten die hochbrisanten Gefahrenherde beseitigt werden. Was lag da näher als sich der Häftlinge in Allach zu entsinnen, für die man Ja ohnehin beträchtliche Summen an die SS zahlte. Rasch wurde man sich einig und so beschloss die Lagerleitung, ein Kommando zur Räumung von Blindgängern Im Münchner Werk bereitzustellen. Es sollte aus zehn Freiwilligen bestehen, denen die Entlassung nach Beendigung ihrer Tätigkeit zugesagt wurde. Abgesehen davon, daß wir von dieser Art Versprechen nichts hielten, gab es aber auch Diskussionen darüber, ob ein KZ-Häftling sich dazu bereit erklären durfte, freiwillig sein Leben für diese gefährliche Arbeit zu riskieren. Aber war das Leben im Lager nicht ebenfalls voller Risiken? Draußen jedoch kam man mit anderen Menschen zusammen. Es war die halbe Freiheit. Zudem war das Ende des Krieges in greifbare Nähe gerückt. Konnten wir wissen, was man am Ende mit uns vorhatte? Außerhalb des Lagers aber, mit Kontakt mit der Zivilbevölkerung, gäbe es sicherlich eine Möglichkeit, den Vollstreckern zu entkommen. Die Meinungen der Kameraden blieben geteilt, doch eine Anzahl Freiwilliger, darunter auch ich, erklärten sich bereit zur Bombensuche. Zehn von Ihnen wählte man aus, und ein Lastwagen brachte uns nach München. In einem unterirdischen Luftschutzbunker des [BMW] Werks wurden wir einquartiert und mit dem nötigen Werkzeug versorgt. Unsere Bewachung bestand aus sogenannten „Hilfsgermanen“, rumänische und ungarische SS-Männer, die sich mit der deutschen Sprache sehr schwertaten.”

„Unsere Arbeit lief folgendermaßen, dass wir keine Verbrecher, sondern politische Häftlinge waren. Es war zwecklos. Als der Mann dann noch sah, dass ganz in der Nähe unser LKW mit seiner gefährlichen Last stand, drehte er durch und schrie: „Verschwindet mit eurem Bombenauto!“ Ja, Menschen solcher Art lernten wir auch kennen. Doch sie waren die Ausnahme.

Da sich für das Bombenkommando erheblich mehr Freiwillige gemeldet hatten, als benötigt wurden, waren wir In der Lage, die besten Kameraden unter Ihnen auszuwählen. Wir kannten uns alle sehr gut. Die Mehrzahl waren Blockälteste, so dass eine vorbildliche Kameradschaft in unserer kleinen Gruppe herrschte. Von den Zivilarbeitern im Werk bekamen wir so manches zugesteckt. Alles wurde ehrlich unter uns geteilt. Nun wurde mir auch klar, warum der Feuerwerker die Posten so weit fortschickte. ‚Die brauchen hier nicht rumschnüffeln‘, hatte er gesagt. Die tägliche Ausbeute unserer Arbeit war nicht besonders groß. Drei bis vier Bomben, mehr waren es nicht. Ich war erstaunt darüber, wie tief sich ein solch stählernes Ungetüm in das Erdreich bohrte. Mehrere Meter tief und dem Ende zu wie ein Torpedo im flachen Lauf in der Erde. So blieb es nicht aus, dass eine große Menge Sand und Kiesboden abgetragen werden musste, um an die Blindgänger heranzukommen. Angst? Zuerst noch nicht. Es ging ja bis jetzt alles gut. Doch als ich einmal nach einem Luftangriff das Krachen der detonierenden Zeitzünderbomben ganz in der Nähe vernahm, da bekam ich Angst und war froh, als meine zehn Minuten um waren. Es war nicht auszuschließen, dass die soeben hochgegangene Bombe der gleichen Serie angehörte, wie die, auf der ich augenblicklich schaufelte.

Ich unterhielt mich einmal mit einem Werkspolizisten, der für die Absperrung sorgte, über die tückischen Zeitzünder. Er meinte: „Früher hat man immer zehn Tage gewartet, ehe man einen Blindgänger ausgrub. Jetzt aber, da ihr das machen müsst, wartet man diese Zeit nicht mehr ab. Wenn nach zehn Tagen die Bombe nicht hochgegangen ist, dann tut sie es auch später nicht mehr. Es ist grausam, was man mit euch macht.“ „Wer hat denn vorher die Blindgänger geräumt?“ „Die Fremdarbeiter vom Werk. Aber die braucht man jetzt nötiger in der Fertigung.“ Ich machte mir meine Gedanken über die Worte des Polizisten. War es ist nicht doch ein Fehler von uns, sich freiwillig zu diesem Himmelfahrtskommando zu melden? Im Kreise meiner Kameraden vergaß ich meine Bedenken rasch. Es war wirklich die halbe Freiheit, die wir hier draußen genossen. Die beiden Posten, die uns bewachen sollten, hatten wir recht bald in unseren Kreis mit einbezogen. Wir konnten ihnen inzwischen begreiflich machen, dass wir gar nicht daran dachten, etwa zu fliehen: Wenn wir das gewollt hätten, wären wir schon längst fort.“ Das sahen sie ein. Wieder einmal hatte es einen Luftangriff auf das Werk gegeben. Als wir nach der Entwarnung aus unserem Bunker hervorkamen, bemerkten wir als erstes die zerstörte Feuerwache, die sich ganz in der Nähe des Bunkers befand. Stehengeblieben war nur eine Wand, an der eine Reihe Spinde standen. Unsere beiden Posten machten sich sogleich daran, deren Inhalt nach Brauchbarem zu untersuchen. So fand jeder der beiden für sich einen passenden grauen Overall, wie ihn die Wehrmänner trugen. Sie zogen ihn auf der Stelle an. Das aber sah ein Angehöriger der Feuerwache, der seinem Rangabzeichen nach eine höhere Stelle innehaben musste. Da wir unser Quartier im BMW-Werksbunker aufgeben mussten, fuhren wir am Abend nach Allach ins Lager zurück. Auf meinem Block fand ich alles in bester Ordnung vor. Der Stubendienst und Dolmetscher, der Pole Nowack, hatte mich während meiner Abwesenheit vertreten.

Am nächsten Morgen ging es wieder hinaus in Richtung München. Auf dem Hof einer Zigaretten-Großhandlung war am Vortag ein Blindgänger geortet worden. In knapp zwei Stunden hatten wir ihn oben. Nach Aufhebung der Absperrung kam der Geschäftsführer auf uns zu und stellte einen Karton vor uns hin. Er enthielt 2.000 Zigaretten: „Teilt euch die. Ihr habt sie euch verdient. Doch da mischten sich die SS-Posten ein: „Nix Zigaretten an Häftlinge. Ist verboten. Wir ahnten sofort, was ihre Absicht war. Zigaretten waren auch bei den unteren Dienstgraden der SS Mangelware. Also versuchten wir, rasch handelseinig zu werden. Unseren Vorschlag, alle Geschenke, die wir erhielten mit Ihnen zu teilen, nahmen sie hocherfreut an. Dass wir sie damit in der Hand hatten, auf den Gedanken kamen sie wohl nicht. Von nun an taten sie alles, was wir wollten (...) Als dann im Hof einer Bierbrauerei nach erfolgter Bergung einer 10-Zentner-Bombe ein Fass Bier auf uns zugerollt kam, machte der Feuerwerker ein bedenkliches Gesicht: „Seid nicht zu unvorsichtig. Denkt daran, dass ihr heute Abend ins Lager zurückmüsst.“ Er hatte recht. Wir durften unsere „halbe Freiheit“ nicht aufs Spiel setzen. So tranken wir nur ein paar Becher von dem lang entbehrten Nass und ließen schweren Herzens den Rest im Fass zurück. Nicht nur in Gewerbebetrieben, auch auf privaten Hausgrundstücken waren wir als Bombenräumer willkommen. Im Kellergang eines halb zerstörten Wohnhauses steckte ein Blindgänger, der von uns gehoben werden sollte. Ich war an der Reihe, meinen Kameraden Schorsch abzulösen und stieg die Treppe hinunter in den Kellergang. Dabei musste ich über eine im Gang liegende eiserne Kellertür steigen, die zu einem Raum gehörte, der als Luftschutz dienen sollte. Ich warf einen Blick in den Raum und erschrak. Ein Teil der Decke war eingestürzt und hatte die Schutzsuchenden unter sich begraben. Sie waren inzwischen von Hilfskräften weggeschafft worden. Doch die Spuren dieses schrecklichen Geschehens erschütterten mich zutiefst. Blutspritzer an den Wänden, eine kleine abgerissene Kinderhand am Boden liegend und ein Spielpüppchen daneben. Obwohl ich doch dazu verdammt war, in einer Welt täglichen Grauens zu leben, hinterließ dieser Anblick in mir einen nachhaltigen Eindruck. Ich dachte an Bertha und an meine Geschwister, die ja daheim den gleichen Gefahren fast täglich ausgesetzt waren. Ich löste Schorsch ab, der im Kellergang mit dem Graben beschäftigt war. Auch er hatte das grauenvolle Bild gesehen: „Auf die Art möchte ich nicht in den Himmel fahren „, meinte er. Zehn Minuten später war auch meine Arbeitszeit um, und die Ablösung trat an meine Stelle. Beim Fortgehen sah ich über dem Eingang des Kellerraumes in großen Buchstaben den beruhigenden Satz: Dieser Raum bietet Schutz für zwanzig Personen.

Am 21 Juli 1944 gab es für uns nur ein Thema. Das am Tage zuvor verübte Attentat auf Adolf Hitler. Da das Vorhaben misslang und der Tyrann am Leben geblieben war, setzte eine erbarmungslose Verfolgung von verdächtigen Mittätern ein. Einige wurden sofort erschossen, andere in die Folterkeller der Gestapo verschleppt. Wir diskutierten den ganzen Tag über die Vorgänge, die unverhofft eine Oppositionshaltung einiger hoher Wehrmachtsoffiziere sichtbar werden ließ. War es der Ausbruch einer schon immer latent vorhanden gewesenen Feindschaft der Generale gegenüber dem „Gröfaz“ [Größter Führer aller Zeiten], wie sie ihn heimlich zu nennen pflegten? Oder sahen sie in der Beseitigung Hitlers und der damit verbundenen Übernahme der Macht die Chance, im Bündnis mit den Westalliierten den Krieg gegen die Sowjetunion bis zu deren endgültigen Niederwerfung fortzuführen? Denkbar wäre es. Hatten sie sich nicht die ganzen Jahre hindurch von ihrem Gröfaz mit Orden behängen und in höchste Rangstufen befördern lassen? Unsere Diskussionen ergaben keine einheitliche Meinung in dieser Frage. Was aber wäre mit uns geschehen, wenn der Anschlag geglückt wäre und den Tod Hitlers zur Folge gehabt hätte? Seine Anhänger aber weiterhin die Macht ausübten? SS-Mann Kern „Wir hätten euch alle erschossen!“

Unser LKW hielt vor einer Gärtnerei. Zwischen Gemüsebeeten war eine Bombe niedergegangen. Unser Feuerwerker wies uns die EinschlagsteIle. War es nun ein Blindgänger oder eine Zeitzünderbombe? Das wusste man bei Beginn der Arbeit nie. Wir begannen im gewohnten Rhythmus der zehnminütigen Ablösungen unser Werk. Ganz in der Nähe waren Arbeiter damit beschäftigt, das Dach eines Hauses mit neuen Ziegeln zu versehen, da der Luftdruck einer explodierenden Bombe die alten heruntergefegt hatte. Die Dachdecker wurden angewiesen, sich in angemessener Entfernung Schutz zu suchen. Mürrisch leisteten sie der Aufforderung Folge. der am Rand der Grube stand, schaute auf seine Uhr und gab das Zeichen zur Ablösung. Das galt mir, denn ich war an der Reihe, den Kameraden unten im Loch abzulösen. Ich stieg die Leiter hinunter in die Grube, die jetzt etwa zwei Meter tief war und machte mich an die Arbeit. Da hörte ich sie wieder, die Detonationen der Zeitzünderbomben. Drei hatte ich bis jetzt gezählt und wünschte sehnlichst, meine zehn Minuten seien um. Ich spürte plötzlich Angst, wahnsinnige Angst. Die Bombe unter mir musste aus der gleichen Abwurfserie stammen. Ich überlegte, ob ich nicht die Leiter hinaufsteigen und die Grube verlassen sollte. Doch nein, ich durfte den Kameraden meine Angst nicht zeigen. Endlich waren die zehn Minuten vorbei.

Am Rande der Grube wartete bereits mein Kamerad Schorsch und half mir beim Herausklettern. Wir wechselten ein paar Worte, dann stieg er hinab. Erleichtert näherte ich mich den übrigen Kameraden, die neben dem LKW standen und sich unterhielten. Just in dem Augenblick, als ich mir eine Zigarette anzünden wollte, gab es einen furchtbaren Knall. Blitzschnell warfen wir uns unter den Lastwagen, um den herniederprasselnden Splittern zu entgehen. Niemand sprach ein Wort. Wozu auch? Wir wussten alle, was geschehen war. Die Bombe hatte die Grube in einen Trichter von mehreren Metern Durchmesser verwandelt. Doch wir fanden in dem riesigen Erdloch keine Spur von unserem Kameraden Schorsch. Erst als wir unsere Blicke auf einen großen, in der Nähe stehenden Baum richteten, sahen wir das, was von ihm übriggeblieben war, in tausend kleinen Fetzen in den Zweigen hängen. Ein furchtbarer Anblick. Hautfetzen, Därme, Stoffreste seiner gestreiften Häftlingskleidung - alles hing im Baum oder lag weit verstreut im Gartengelände. Ich konnte es nicht fassen. Eben noch hatte ich mich mit ihm unterhalten und plötzlich war er nicht mehr da. Nur noch winzige Fetzen von dem, was vor wenigen Minuten noch ein lebendiger, fröhlicher Mensch von 40 Jahren gewesen war: Georg Reichenfels aus Graz, geboren am 19. April 1904, ausgelöscht In einem Sekundenbruchteil am 21. Juli 1944 In München.

Mit Schrecken dachte ich daran, dass ich wenige Minuten vor ihm noch in der Grube stand. Wäre der Zünder einige Minuten früher eingestellt gewesen, so hätte sein furchtbares Los mich getroffen. Ein schrecklicher Gedanke. Wo aber befand sich der Feuerwerker? Zuletzt sahen wir ihn am Rand der Grube stehen, wo er sich mit Schorsch unterhielt. Beim Absuchen des Geländes fanden wir ihn schließlich in einem mit Glasscheiben abgedeckten Beet liegen. Er lebte noch, war aber ohne Besinnung. Aus seinem Mund quoll hellroter, blutiger Schaum. Etwa 30 Meter weit hatte die Druckwelle der Explosion ihn durch die Luft geschleudert. Wir trugen ihn behutsam zum LKW und ließen einen Arzt rufen. Der aber konnte nur noch seinen Tod feststellen. Uns war zumute, als hätten wir soeben nicht nur einen, sondern zwei gute Freunde verloren. Nach dem schrecklichen Geschehen dieses Tages beschlossen wir einmütig, ins Lager zurückzukehren und dort zu bleiben. Unser Interesse am Bomben räumen war mit einem Schlage erloschen. 31 Bomben hatten wir bisher ohne Zwischenfall geborgen. Die zweiunddreißigste zerriss unseren den Schorsch und mahnte uns gleichsam, Schluss zu machen mit dieser gefahrvollen Tätigkeit. Ein Problem hatten wir noch zu lösen. Wie konnten wir dem Panzergeneral [Josef Jarolin] beweisen, dass wir einen Mann durch Unfall verloren hatten, wenn von ihm nichts mehr übrig war als kleine Fetzen? Wir kannten das Misstrauen Jarolins. So blieb uns nur, die winzigen Reste unseres Kameraden vom Baum zu sammeln. Eine grausige Arbeit. Schließlich fanden wir In einem Gebüsch noch Teile der Eingeweide. In einem leeren Kunstdüngersack trugen wir die Reste unseres Kameraden zum LKW und traten damit die Rückfahrt an. Als wir an dem Haus vorbeifuhren, dessen Dach neue Ziegel erhalten hatte, schickten uns die Dachdecker drohende Gebärden herüber. Ihre Arbeit war umsonst gewesen, die neuen Ziegel lagen infolge der Druckwelle alle zerbrochen am Boden. Doch die konnte man ersetzen, unseren fröhlichen Schorsch jedoch nicht.“

1) Schreibstubenkarte: ITS 1.1.6.7\NOWO-OQ\0647.
2) Foto: Auf der Bombe sitzend: Georg Reichenfels, rechts neben ihm mit einem Fuß auf der Bombe stehend Otto Oertel.
1 Hier handelte es sich vermutlich um Georg Reichenfels. Siehe dazu unten S. 240.
2 Johann Nowak, * 23.12.1914 in Petrikau, # 46169, Jurist, Sch., Pole, am 5.3.1943 vom XZ Flossenbürg in das Außenlager Allach überstellt.
3 Simon Kern, 1913, SS-Mann. BArch Ludwigsburg, IV 410 AR 2628/67 11.
4 Schreibstubenkarte Georg Reichenfels, ITS 1.1.6.7\RAV-RET\0664. Georg Reichenfels, * 19.4.1904 in St. Peter Freienstein; † 21.7.1944 in München, # 45062, Beamter, Sch., gesch., 2 Kinder, Deutscher, Georg Reichenfels war am 4.3.1939 in das KZ-Dachau eingewiesen und am 4.8.1942 in das KZ-Natzweiler überstellt worden. Von dort wurde er am 5.3.1943 über Dachau in das Außenlager Allach rücküberstellt. Vgl. ITS 1.1.6.7\RAV·RET\0664. Im Außenlager Dachau-Allach waren alle Häftlinge zur Blindgängerbeseitigung in der Baracke 1 untergebracht. Otto Oertel war dort Blockältester.

nach oben