Häftling im KZ-Außenlager Dachau-Allach
Albert Knoll 1)
„Wenn Sie mir Ihren Namen sagen, wann Sie geboren sind und wo Sie herkommen?
Mein Name ist Nikolai Choprenko. Ich bin am 9. September 1924 in Petrowka in der Ukraine geboren. Dort lebte ich und bin 10 Jahre zur Schule gegangen, bis der Krieg ausbrach. Mein Vater wurde bei Kriegsausbruch zur Armee einberufen und kam in Kriegsgefangenschaft. Zu dieser Zeit war ich zwischen 17 und 18 Jahre alt. Während des Krieges war ich zunächst zuhause. Ich erinnere mich daran, dass in unserem Haus zwei deutsche Soldaten untergebracht waren. Einer kam aus Dresden und einer aus München. An ihre Namen erinnere ich mich nicht mehr. Wir hatten deshalb aber immer genug zu Essen. Nach etwa einem Jahr, also 1942, wurde es mit der Versorgung schlechter.
Gemeinsam mit meinen Schulkameraden gingen ich dann nach Melitopol, Taurica, um dort zu arbeiten und Weizen und Kartoffeln nach Hause zu bringen. Melitopol lag ungefähr 300 Kilometer westlich von Petrowka.
Waren das die Deutschen, die das gesagt haben?
Das waren die Deutschen. Ihre Armee ist weitergegangen bis zum Ural. Wir gingen in ein Dorf wo nur Rußlanddeutsche gewohnt haben. Als wir in Melitopol ankamen war gerade ein deutscher Soldat ermordet worden. Wir sind dort angekommen und hatten keine Papiere und wurden sofort verhaftet. Die Deutschen haben gesagt: „Ah, das sind Partisanen?“ und gefragt: „Wo sind sie, woher kommen sie?“ Sie brachten uns in das Gefängnis, wo wir vernommen wurden. Wir konnten aber alles aufklären. Und so fanden alle, dass wir unschuldig waren. Danach haben uns die Deutschen vor die Wahl gestellt, ob wir ins Gefängnis gehen oder nach Deutschland gehen wollten. 1) Da gab es nur einen Ausweg. Nach Deutschland. Ins Gefängnis wollte ich nicht.
Haben Sie gewusst, was in Deutschland auf Sie zukommt?
Ja, uns wurde gesagt in Deutschland wäre alles gut und fein. Wir würden dort ein gutes Leben haben. Aber wir waren Gefangene und es war Krieg. Zusammen mit mehreren Leuten wurden wir dann in eine Schule gebracht. Dort habe ich und meine vier oder fünf Freunde uns entschieden zu fliehen. Dazu hatten wir die Polizei bestochen.
Das war ukrainische Polizei?
Ja, ja. Und dann wir sind raus und dachten, dass wir frei wären. Plötzlich kam ein Polizist und sagte: „Ah, ihr wollt weglaufen.“ So mussten wir wieder ins Gefängnis. Das war also eine Falle. Wir blieben dort bis uns ein Zug abholte. In Melitopol wurden wir auf einen Zug geladen und nach Deutschland gebracht. Das war etwa im Mai 1942. Und nach etwa einer Woche fuhren wir durch Polen, Tschechoslowakei bis nach München Ostbahnhof. Dort wurden wir ausgeladen und in einer Baracke untergebracht. So lange wir etwas zu Essen hatten, war alles gut. Aber das Essen war dort ausgegangen und das war schlecht. Ich war jung und kräftig und hatte viel Sport gemacht, und jetzt kein Essen, das war schlecht. 2)
Das war in München in dem Barackenlager?
Ja, am Ostbahnhof. Von dort hat man uns nach Wolfratshausen in eine Sprengstofffabrik gebracht.
Wolfratshausen, Sprengstofffabrik?
Ja. In das Lager Buchberg bei Wolfratshausen. Da waren Baracken. Wir haben in der Sprengstofffabrik gearbeitet. Aber der Sprengstoff war gefährlich. Wir haben Bomben gemacht. Dazu wurde der Sprengstoff gepresst und in die Bomben gefüllt, die dann wieder zur Front oder anderswo hin transportiert wurden. Viele Male gab es dort Explosionen. Ich arbeitete dort überall. Ich habe mit einem kleinen Elektrowagen die Kisten hin und her gefahren. Es gab immer mal Explosionen, aber die letzte Explosion die war sehr stark. Da gab es einen riesigen Krater.
Das Dynamit wurde gepresst. Es gab da eine Presse hinter einer Betonwand. Wurde zu stark gepresst, gab es eine Explosion, wurde zu wenig gepresst dann war das Ausschuss. Der Ausschlussplatz war fünfmal größer als der Appellplatz in Dachau. Dort war alles angehäuft. Das Dynamit war sehr weich und konnte oft nicht gepresst werden. Aber es gab viel Arbeit und einer hat eine Maschine erfunden. Ein Walzmaschine.
Aber die wurde heiß und es gab eine Explosion. Die war so groß, dass wir in unserer Baracke vom Bett rausgefallen sind. Alle Fensterscheiben fielen raus. Es hieß, dass es viele Tote gab. Ja, und dann kam der Verdacht auf, dass jemand von uns das gemacht hätte, Sabotage oder so. So kam dann einer nach dem anderen zur Vernehmung. Ich wurde gefragt: „Du hast da gearbeitet?“ Und so weiter. Und dann ist die ganze Sache auf einmal ganz einfach geworden. Die haben in meinem Bett einen der Säcke für das Dynamit gefunden. Ich wusste nicht, woher der kam. Als die Kontrolleur kam, fragte er mich: „Warum hast du das getan?“ Ich sagte, dass ich keine Ahnung hätte. Er nahm mich mit zum Hauptmann. Der sagte: „Du kommst in das KZ!“. „Das war Sabotage, und deswegen kommst Du vom Arbeitslager ins KZ und zur Gestapo nach München.“ 3) Dort wurde ich befragt. Ich sagte, dass ich davon nichts wisse. Dann sagte er: „Gut, wir finden nach dem Krieg raus, ob du die Wahrheit gesagt hast“. Dann wurde ich in ein kleines Lager nach Moosach [Arbeitserziehungslager Moosach ?] gebracht. Es bestand aus zwei oder drei Baracken. Dort war ich einige Tage. Von dort kam ich dann in das KZ Dachau.
Wie ich dann hierher [KZ Dachau] kam, sah ich das KZ das erste Mal und das Tor „Arbeit macht frei“.
Als wir durch das Tor gefahren wurden, sagte ein Mithäftling: „Jetzt ist Schluss!“
Waren Sie denn der einzige der ins KZ gekommen ist?
Nein, da waren fünf oder sechs mit mir. Fünf oder sechs Personen. Und der andere von der Gestapo.
Aber von Buchberg waren Sie der einzige, der abtransportiert wurde?
Nein, es waren mehrere Leute. Aber ich weiß nicht, was mit denen passiert ist.
Und das war wann, in welchem Jahr war das?
Das war am 23. Februar 1943. Wie ich hierher kam, wurden wir in dieses Gebäude gebracht [Haupthaus], das gleich an der Ecke stand. Wir sind rein gegangen und mussten alles ausziehen, allen wurden die Haare geschnitten und mussten in die Desinfektion. Danach bekamen wir neue Uniformen und man gab uns eine Nummer. Meine Nummer war 44249. Anschließend kamen wir in eine Baracke. Ich glaube in die dritte Baracke, die Quarantänebaracke. Überall war gepflastert, der gesamte Appellplatz. Alles war sauber. So sauber, dass ich dachte, das wäre ein Hospital. Ich konnte nicht glauben, dass das hier ein KZ war. Alle gingen hier in weißen Uniformen, die Arbeiter hier, alle.
Nachher bin ich in eine Baracke gekommen die geöffnet war. Als ich da reinkam, war da ein russischer Mann. Sie haben mir eine Jacke von einem englischen Kriegsgefangenen gegeben. Das war eine wollene, warme, dicke gute Jacke. Und der kam zu mir und fragte: „Können wir tauschen? Ich sage dir sehr wichtige Dinge.“ „Ja, natürlich!“, sagte ich. Wir haben dann getauscht und er sagte zu mir: „Morgen und an jedem Tag nach dem Appell kommt ein Mann in die Baracke. Der Mann mit der Mütze und der Brille will Feldarbeiter. Bauern haben viel am Feld, Mohrrüben, Kartoffeln, und die Häftlinge bekommen etwas zum Essen. Du darf da nicht mitgehen, weil die nehmen Frische [Häftlinge] zu Experimenten, wenn die angekommen sind.“ „Oh, Dankeschön!“ Wir waren ungefähr 400 Personen in der Baracke. Er sagte: „Siehst Du, meine Füße sind geschwollen. Die haben mich in kaltes Wasser gesteckt. Das war für die Luftwaffenexperimente, die Unterkühlungsversuche. Um festzustellen, wie lange es dauern wird, bis ich untergehe, wenn ein Pilot aus großer Höhe abgeschossen wird und er in voller Uniform in kaltes Wasser mit Eis fällt. Und die schmissen mich in das Wasser. Wie lange ich da drin war, daran kann ich mich nicht erinnern. Den ganzen Tag oder zwei Tage. Mein Schreien nützte nichts. Sie passten nur auf, um festzustellen, wie lange es dauerte bis ich untergehe. Und dann, wie ich rauskam, waren meine Füße gefroren.“ Er starb später. Ein anderer hat mir erzählt, dass er in der Malariabox war. Oder ein Experiment in einem Wagen, wo die Luft hineingepresst und dann wieder abgepumpt wurde. Für die Luftwaffe. Wenn jemand abgeschossen wurde, ohne Maske, nichts, da ist dünne Luft dort oben. Man kann nur runter fallen und nichts.
Haben Sie das gesehen, haben Sie so einen Versuch gesehen?
Nein, er hat das mir erzählt. Aber ich kam in dieselbe Baracke, in die Quarantänebaracke. Später kam heraus, dass das wirklich wahr war. Es gab da drei Spezialbaracken für Experimente. Alle Experimente wurden da gemacht. Dieser Mann erzählte mir alles, nur weil wir die Jacken getauscht hatten.
Die anderen 70 Männer in unserem Block kamen aus Russland und waren in der russischen Marine. Die kamen von einem großen Schiff. Und 70, nein 80, ich habe mit einem gesprochen, die wurden erschossen. Sie haben alle nacheinander erschossen. 70 oder 80. Ich habe das gehört.
Das waren russische Offiziere. Jeden Tag hörten wir das, „bumm“, „bumm“. Wir wussten nicht mehr wie oft. Da war ein Baum dort, wo die hingingen. Eine Baum und ein Platz, wo die mit Genickschuss getötet wurden (SS-Schießplatz in Hebertshausen).
Die sind alle erschossen worden?
Ja, alle sind erschossen worden. In der Baracke haben wir uns gefragt: „Warum machen die das?“
Das heißt, alle im Lager haben das gewusst?
Ja, sicher. Die waren ja alle verschwunden. Aber trotzdem habe ich schon gewusst, dass die erschossen wurden. In Dachau war ich ungefähr drei oder vier Monate. Unsere Stube war sauber. Alles glänzte Blitzblank. Vor dem Saubermachen hatten sie uns hinaus gebracht, wo es kalt war und Schnee lag. Wir mussten warten, bis die Stube gereinigt und geputzt war.
Wir standen da und froren. Alle froren, manche gingen in die Mitte, standen dort zehn Minuten, danach kamen andere und wärmten sich ebenso auf. Und dann gingen wir wieder rein in die Baracke. Wir mussten gut aufpassen, dass wir nicht schmutzig wurden. Da war ein Deutscher gewesen, der aufpasste. Der Blockälteste war ein Deutscher. Es gab verschiedene Nationalitäten.
Und seinen Namen wissen Sie aber nicht mehr?
Sie gebrauchten keine Namen, nur Nummern! Wenn du hierher kamst, machten sie dich zur Nummer!
Nummer 2, Nummer 3.
Ich habe Hans Konell 4) in Kalifornien getroffen. Er war 1940/41 hier. Er wurde herausgekauft nach Amerika. Er hat erzählt, dass ein Freikauf von Frankreich oder England 250.000 Dollar kostete. Er konnte bezahlen und wurde dort hingebracht. Später gab es kaum noch Entlassungen. Und dann die Läuse, die gab es dort nicht. So sauber war das.
Aber das war nur 1943 so?
43, ja. Und da stand überall: „Sauberkeit ist Gesundheit“, wie in einem Krankenhaus. Einmal hatte ich Zahnweh, meine Backe war geschwollen. „Geh zum Zahnarzt!“ wurde mir geraten. Ich ging zu diesem Mann in der weißen Uniform, der sagte: „Komm, setz Dich auf den Stuhl und öffne deinen Mund!“ „Fertig!“ Ich ging in den Waschraum und blutete stark. Gefährlich, denn davon konnte ich eine Infektion bekommen. Aber ich habe keine Infektion bekommen. Ja, ich hab das so durchgehalten.
Und dann kam nach drei oder vier Monaten eine Kommission. Die wollten die Leute für BMW. Und sie fragten, ob jemand mit den Maschinen umgehen kann. Ich war 18 Jahre alt, bin von der Schule gegangen.
Haben Sie sich freiwillig gemeldet?
Ja. Ein Mann sagte: „Hebe deine Hand, andernfalls wirst du sterben!“. Ich hatte so Angst, dass ich gleich erschossen würde. Und was ich dann hier gesehen habe: Ein SS-Mann kam. Er sagte zu einem Häftling: „Du, komm her!“ Er sagte: „Hinlegen, Marsch, Marsch! Hinlegen, Marsch, Marsch!“ Das ging so lange, bis er nicht mehr aufstehen konnte. Dann nahm er seine Pistole und erschoss ihn. Das war’s! Nur zum Spaß, nur zum Vergnügen! Und dann kam der Wagen, ein großer Wagen, den sechs Personen zogen. Er brachte seine Leiche zum Krematorium. Das war der „Leichenexpress“.
Ganz unten bei den Leichen lag ein Häftling, der noch lebte. Er sagte zu mir: „Kamerad, bitte hilf mir!“ „Wie kann ich dir helfen?“ „Nimmst du die über mir liegenden raus?“ Was sollte ich tun? Jede Minute konnte die SS kommen und mich erschießen. Und er lebte, aber er kam zum Krematorium. Ich kann nur sagen, das war schrecklich, das war furchtbar! Aber was kannst du machen?
Und so lange Sie hier im Lager waren, haben Sie da Hinrichtungen gesehen? Zum Beispiel: öffentliche Hinrichtungen, dass jemand erhängt wurde oder erschossen wurde im Lager?
Erst später. Das war in Allach!
In Allach haben Sie das gesehen und hier aber im Lager nicht?
Hier hab ich nichts gesehen, dort schon.
Ich hob meine Hand und meldete mich. Ich musste auf die andere Seite. Und so haben sie uns dann nach Allach gebracht. Das war neun Kilometer von hier. Und die Baracken, die waren da aufgebaut. Die Baracken, alles war dort, Und da haben wir alle bei BMW gearbeitet. Er hat mir Brot gegeben. Und nachher sagte ein Vorarbeiter: „Komm her, ich zeige dir diese Maschine.“
Ein Zivilarbeiter?
Ja. Er fragte: „Kannst du das machen?“ Ich sagte: „Zeig es mir!“ Er zeigte es mir. Und dann hab ich es gemacht. „Okay. Du stehst hier an dieser Maschine.“ Da war ein Zylinder, ein Kopf, ein Horn, ein Zylinder mit Aluminiumkopf. Ich probierte es erst mal, dann ein zweites Mal. Beim ersten Mal stand ich da, wo die Zylinder und Köpfe auf einem Fließband von oben zusammenkommen. Ich sollte Zündkerzen einschrauben, von der einen Seite eine Kerze, von der anderen zwei Kerzen. Und das war eine Kupferkerze. Ich habe mit einem Spezialinstrument die Kerze eingeschraubt. Dabei lief das Band weiter. Aber ich musste das schnell machen. Wenn ich zu langsam war, stand hinter mir ein Kapo mit einem Knüppel.
Auf einmal kam der Obermeister. Ich hatte angefangen und dabei ging etwas schief. Ich konnte den Fehler in fünf Minuten beheben. Wieder ein neues Ding machen und wieder alles in Ordnung bringen. Der Obermeister sagte: „Ah, Sabotage, Sabotage! Kapo, hierher!“ Der Kapo mit der Nummer 2. Und der sagte: „Ja, dieser Mann macht Sabotage!“ Und er zeigte auf mein Gesicht. Wir gingen als nächstes zur Baracke. Ich stellte mich vor den Eingang, da kam ein SS-Mann über die Straße. Er war ein Krüppel, sein Fuß war immer steif, er hinkte. Er sagte zu mir: „Was machst Du da? Komm her! Warum stehst Du?
Wo ist der Kapo?“ So, So, Werkzeug und Sabotage. Er hatte so viele Worte gesagt. Aber ich verstand ihn nicht. Und da hat mich der SS-Mann gefragt: „Willst du drei Tage Bunker oder 25 Schläge?“ Da hab ich gesagt, „Ich will Bunker“. Auf dem Appellplatz hat er abgezählt. Wir sollten zu den Baracken gehen. Aber nein. Jetzt kam von der Baracke Nummer 8 ein Tisch. Dann rief er: „44249 austreten!“ Ich sagte mir: „Das ist meine Nummer“. Ich tat so als hörte ich nichts. Er wiederholte: „44249 austreten!“ Freunde sagten: „Gehe heraus, sonst bekommst du ein Problem“. Ich trat aus und legte mich auf den Tisch. Ein Mann hielt meine Beine, ein anderer meine Arme. Und dann haben sie angefangen, „eins, zwei, ... “
Und das waren die Kapos, oder wer hat geschlagen?
Ja. Die Kapos. Und ein Mann, der war ein Kommunist, er hatte so ein Zeichen [roten Winkel] hier auf dem linken Oberarm. Er wollte nicht schlagen. 4) Und die SS sah ihn an. Die hatten schon angefangen. Und ich hab gezählt. Ich weiß nicht, wie ich da raus kam. Ich fühlte, dass mein ganzer Körper hart war, sonst habe ich nichts gespührt. Ich habe damals nur 40 Kilo gewogen. Nur die Knochen. Nachher wollte ich in die Baracke gehen, aber ich konnte nicht. Ich setzte mich auf die Stufe dort und der Schmerz war so groß, dass ich gleich wieder aufgestanden bin. Ich bin aufgewacht, mein Freund legte mir kalte Handtücher auf den Rücken.
Am nächsten Morgen hieß es: „Aufstehen, los, los, zur Arbeit“ Aber ich konnte nicht mehr gehen. Und wenn man nicht ging, dann würde mich der Kapo mit dem Knüppel fertigmachen. Mein Freund hat mich dann unter die Arme genommen und nach vorne gebracht.
Mussten Sie nicht bei BMW auch jeden Morgen Appell stehen und durchzählen?
Nein, wir standen Appell im Lager, bevor wir zur Arbeit gingen. Appell hieß, alle wurden gezählt.
Und dann gingen wir zu den Gruppen, gingen da und dort hin. Aber wir wurden auch manchmal Mittags vor der Essensausgabe gezählt. Am Abend wurden alle immer drei Mal gezählt. Mein Freund ist aber trotzdem unter der Toilette hinterm Zaun durch die Kanalisation geflohen.
Durch diese Röhre hindurch?
Ja, mein Freund. Und dann wurden wir in die Fabrik gebracht und dann hab ich gearbeitet.
Der Obermeister Herr Eisenbart war ein so schrecklicher Mann. Er hatte ein Hakenkreuz am Arm und eine Stimme, so laut wie die Niagara-Fälle. Sein Büro war fünf Meter von meiner Maschine entfernt. Immer, wenn er raus kam, begann er zu Schlagen. „Warum stehst Du, warum arbeitest Du nicht?“ Ich sagte: „Ich warte bis das Fließband das nächste bringt“. Das letzte Mal hat er und noch ein anderer mich fast dafür umgebracht. Ich hatte Angst. Sie hatten gesagt, sie wüssten nicht, was geschehen würde, wenn sie bei mir noch etwas finden würden. Manchmal haben sie die Häftlinge fast zu Tode geschlagen.
Zehn Jahre später habe ich Eisenbart 5) getroffen. Ich habe ihn in Feldmoching in der Krankenkasse getroffen, wo ich zwei Wochen gearbeitet hatte. Ich hab ihn dort gefragt: „Kennen Sie mich?“ Dann habe ich mich vorgestellt. Er sagte zunächst: „Oh, sehr viele Leute waren dort.“ „Geben sie mir Ihre Adresse, ich komme sie besuchen.“ Er gab mir seine Adresse.
Er hat sich gut erinnert an Sie, ja?
Aber ich kam ihn nicht gleich besuchen, erst etwa nach einem Monat. Er fragte: „Warum kommst Du so spät? usw.“ Dann hat er mich in den Keller gebracht. Keller, „Oh, oh“, sagte er: „Ich habe einen Rechtsanwalt hier, der erwartet mich. Wir sind nicht alleine hier.“ Ich fragte ihn: „Kannst Du dich an alles erinnern, das und das?“ Er zitterte, sein Gesicht wurde weiß und er wollte mir Geld geben. Aber ich hab gesagt: „Danke Gott, dass ich dich gleich nach dem Krieg getroffen habe. Dann wärst du heute nicht mehr am Leben. Aber ich vergebe dir. Aber es gibt noch zehn oder zwölf Leute hier aus diesem Lager. Die kennst Du. Wenn ich ihnen sage wo du jetzt bist, dann kommen die zu Dir und zerreissen Dich in Stücke.“ Aber ich hatte ihm vergeben.
Aber ich habe ein anderes Mal 25 bekommen für ein ganz einfaches Ding. Ein Mithäftling hatte ein Werkzeug [Drehstahl] an der Drehbank abgebrochen. Er fragte mich: „Kannst Du das reparieren? Du bekommst dafür ein Brot“ „Ja, sicher kann ich das machen“ Ich habe das Werkzeug in die Fabrik mitgenommen und alles fertig gemacht. Anschließend hab ich es in seine Tasche getan. Aber die SS hatte aufgepasst. „Was hast du da?“ Ich sagte, ich weiß nicht, von was Du sprichst. Es war verboten, als Häftling einen Drehstahl zu haben? Der Mithäftling hatte Angst gehabt. Und er wollte weglaufen, aber man hatte ihn geschnappt. Er bekam dafür 25 Schläge.
Ich habe 25 Schläge nicht für das, was er gemacht hat, bekommen, sondern weil ich ihn angelogen hatte. Er sagte: Du musst schwören, dass du niemals mehr im Leben lügen wirst. Ich sagte: „Ich schwöre, ich werde niemals lügen wieder in meinem Leben“.
Und dann nachdem einige Zeit vergangen war, hatten wir gehört, dass der Krieg zu Ende gehen soll. Immer wenn Fliegeralarm war, kamen die Bomber. BMW ist mehrfach bombardiert worden. Wir kamen immer an einem Platz in der Fabrik zusammen. Aber dieses Mal sagte der Hauptscharführer: „In den Wald!“ Der Wald war etwa einen Kilometer weg. Und dann sahen wir schon, wie 40, 50, 100 Flugzeuge kamen. Als ich mich umdrehte machte es „Bumm, Bumm“ und die Fabrikhalle war nicht mehr da. Alles wurde bombardiert und zerstört. Und wir haben uns gefreut und gesagt: „Hurra, wir müssen morgen nicht zur Arbeit kommen.“
Das heißt, nur die Fabrik, aber das Wohnlager war nicht zerstört?
Die Baracken?
Die Baracken nie! Die Bomber flogen über Dachau. Die sind einmal so bombardiert worden dort, wir hier nie. Wir waren im Bett, wie die in Dachau, wir flogen in den Betten alle hier nur so herum.
In diesem Wald waren ungefähr 50 Leute. Von der ganzen Fabrik. Und die waren alle so froh, „Oh, morgen müssen wir nicht zur Arbeit kommen!“. Und der eine Bomber, der war beschädigt. Der kam runter, so vielleicht 200, 500 Meter von uns. Der kam in unsere Richtung, wo wir waren. Da stand die Flak. Das einzige was ich hörte war ein Pfeifen.
Das Pfeifen kam näher. Es war kein Flugzeug sondern eine Bombe. Eine Bombe hat eingeschlagen. Vor mir, vielleicht 50 oder 100 Meter, da war ein großes Geschützrohr. Die Bombe traf und „Bumm“, dieses Rohr ging kaputt und alles zerbrach. Viele Häftlinge wurden getötet. Ich fiel um und ein Stein verletzte mich am Kopf, Blut lief runter. Und ich sagte: „Oh, aber mein Kopf ist OK. Es ist alles in Ordnung.“ Etwa 100 Häftlinge sind gestorben, vielleicht auch mehr. Ich weiß es nicht mehr ganz genau. Durch diese eine Bombe. Wir sind alle ins Revier gekommen. Ich war sehr schwach und konnte fast nicht gehen. Ein Arzt hat uns alle durchgesehen. Und dann standen wir da ohne Arbeit in der Fabrik.
Das heißt dieser Bombenangriff war sehr spät, war im April 1945?
Ja.
Todesmarsch nach Wolfratshausen bei München.
Wir marschierten durch Gauting, von dort gingen wir nach Wolfratshausen; am Starnberger See vorbei nach Wolfratshausen nach Tutzing. Das ist am Starnberger See auf der anderen Seite. In Gauting haben wir eine Nacht geschlafen. Dann habe ich Schüsse gehört. Es waren nicht die Amerikaner, die näher kamen, nein, das waren die Wachtposten. Die Wachleute, die die Zurückgebliebenen bewacht haben. Die, die nicht mehr gehen konnten und hinfielen wurden erschossen. Ich wollte nicht hinfallen. Ja, sie sind dann einfach weitergegangen. Es regnete und ich marschierte bis ich ankam. Um uns war nur Wald und ich dachte, wir werden jetzt alle erschossen. Aber dazu hatten sie keine Zeit. Am nächsten Morgen waren alle Offiziere weggelaufen. Nur die kleinen Wachleute sind geblieben. Die wussten nun nicht mehr, was sie nun tun sollten. Sie sagten: „Geht! Geht!“ So kamen wir zwischen die Front der Deutschen und Amerikaner. Und dann auf dem Berg, da waren schon amerikanische Soldaten, die uns geholfen haben. Ich erinnere mich an ein Gespräch zwischen einem Bauern und amerikanischen
Serganten, der in deutscher Sprache sagte: „Hier sind ungefähr 100 Leute vom KZ, geben sie ihnen zu Essen, Trinken und Waschen! Und einen Schlafplatz!“ Das war Heu oder Stroh. Und dann hat er Brote und Milch gebracht. Die hab ich getrunken. Danach habe ich geschlafen. Als ich aufwachte, war es so hell, so weiß! Ich war frei. 1945, das war das erste Mal, dass ich frei war.
Aber dann kam eine andere, ganz lange Geschichte. Ich war so schwach, ich war drei Jahre im Krankenhaus, davon ein Jahr in der Rehabilitation. Ich musste drei Jahre lang Schonkost essen. Und dann kam ich raus. Drei Jahre lang. Ich danke Gott, ich bin am Leben geblieben. Meine Freunde sind alle tot. Die haben mir gut zu essen gegeben, alles im Hospital. Nach fünf Jahren bin ich wieder zurückgekommen.
Da wurde dann auf dem KZ-Gelände die Neue Siedlung Ludwigsfeld gebaut. Ich habe dort eine Wohnung bezogen und dann 10 Jahre in München im Alabama Depot für die Amerikaner gearbeitet. Ich habe für sie Lastwagen und Kräne gefahren. Danach bin ich nach Amerika ausgewandert.“ 7)
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1) Das Interview wurden von dem Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Dachau Herrn Albert Knoll geführt.
2) Nicolai Choprenko wurde in den Gestapoakten als Ostarbeiter geführt. Bei seiner „Rekrutierung“ handelte es sich um eine typische Vorgehensweise der Besatzungsmacht.
3) Die im Zusammenahng mit dieser Explosion gegen Choprenko erhobenen Vorwürfe waren konstruiert. Im Bericht der Rüstungskommission ist von einem Unfall die Rede.
4) Hans Konell, nicht ermittelt.
5) Ich schlage nicht.
6) Hans Eisenbarth, Werkobermeister bei BMW-Allach. schlage nicht.
7) Nick Hope hat diese Aufzeichnungen durch ein Telefongespräch mit Klaus Mai am 21.3.2016 korrigiert und autorisiert. Die von ihm gewünschten Korrekturen wurden eingearbeitet.
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