Michael Rauch

Häftling im KZ-Außenlager Dachau-Allach

Michael RAUCH
895 Kaufbeuren, den 1. März 1967
KZ Dachau 23071

„Als Revierkapo im Außenkommando Allach (BMW)

Revierkapo Zimmermann hatte eine Vorliebe, mir besonders ,delikate‘ Funktionen zuzuschanzen. Nachdem ich mich von der 126 Tage dauernden Typhuszeit - das die schwerste an Verantwortung und Aufopferung war - einigermaßen erholt hatte, ,beförderte‘ mich Zimmermann zum Revierkapo im Arbeitslager ALLACH. Ich musste am 28. Oktober 1943 den Kameraden Franz Olah 1) [Ohlah] in Allach ablösen. Das war eine schwierige Aufgabe. Die Lebensbedingungen in Allach waren die denkbar schlechtesten. Da ich mir selbst die Aufgabe gestellt hatte, all die verwerflichen Begleiterscheinungen eines sowieso schon harten und unmenschlichen Lagerlebens, wenn möglich zu lindern, hatte ich schnell die SS-Lagerführung gegen mich.

Als erstes habe ich im Häftlingsrevier eine den Verhältnissen entsprechende menschliche Behandlung der Häftlinge durchgesetzt. Das hat dem Schutzhaftlagerführer Eberl gar nicht gefallen. Die kranken und verletzten Häftlinge sollten nach dem bekannten SS-Schema behandelt werden. So bescherte mir Eberl wegen ungebührlichen Benehmens gegen ihn 6 Tage Bunker. Die Ursache: Ich unterwarf mich nicht seinen Vorstellungen, denn ich hatte zu viele kranke Häftlinge im Revier liegen. Das wäre eine große Belastung fürs Lager, da diese nicht bei der Arbeit eingesetzt waren. (Die meisten Häftlinge waren im Rüstungsbetrieb BMW Bayerische Motoren-Werke Allach - beschäftigt.) Ich antwortete Eberl, dass ich verantwortlich wäre, nur gesunde Häftlinge auf den Block zu entlassen, übrigens könnte er es dem Lagerarzt sagen, der allwöchentlich das Arbeitslager ,inspizierte‘. Die Antwort brachte ihn so in Rage, dass er mir eine Meldung machte. Dafür bekam ich die sechs Tage Bunker. Das war meine erste Lagerstrafe. Einige Zeit später schlich Eberl wieder ums Häftlingsrevier herum. Er suchte wieder einen Anlass, um mich schikanieren zu können. Er ließ mich zu sich herauskommen, griff in die Manteltasche und zog eine Pistole heraus und setzte sie mir an die Brust: ,Du Kommunistenschwein, ich schieße dich doch einmal über den Haufen!‘ Darauf ich kaltblütig: ,Bitte‘ lieber Schutzhaftlagerführer, drücken sie doch los!' Eberl steckte seine Pistole ein, ging voller Wut zur Lagerschreibstube und machte eine Strafmeldung wegen frechen Benehmens ihm gegenüber. Kurz danach erhielt ich die zweite Lagerstrafe zudiktiert, und zwar 25 Schläge mit dem Ochsenziemer. Da die Infektionsgefahr im Lager sehr groß war, habe ich Ende November/Anfang Dezember 1943 Typhusschutzimpfungen durchgeführt. Alle Lagerinsassen bekamen die vorgeschriebenen drei Impfungen. Ende Dezember 1943 traten epidemische Krankheitsfälle auf. Die Kranken hatten fiebrige Temperaturen und schnellen Pulsschlag. Glücklicherweise war es kein Typhus, da sie alle gegen Typhus geimpft waren.

Im Lager gab es noch eine schlimme Erscheinung. Es gab Kapos, welche gefürchtete Schläger waren. Ich habe es mir als eine Aufgabe gestellt, auf sie einzuwirken, dass sie die Verwerflichkeit ihres unkameradschaftlichen Handelns einsehen mögen. Ich habe mir jeden einzelnen von ihnen aufs Revier bestellt und mich mit ihnen kameradschaftlich ausgesprochen. Ich habe sie sehr eindringlich darauf aufmerksam gemacht, dass sie wegen dieses Verhaltens sich eines Tages, wenn sie wieder in Freiheit sein werden, zu verantworten haben werden. Weiter gab ich ihnen zu verstehen, dass es so allmählich zu Ende gehe und wir doch alle das Bestreben hätten, die Freiheit zu erleben. Manche von ihnen haben große Augen gemacht, meinten sie doch, dass das Dritte Reich wirklich tausend Jahre dauern würde. Als ersten habe ich mir die Oberschläger‘ vorgenommen, darunter den Kapo Hans Rohr. 2) Nach dieser Unterredung hat er mir mit Handschlag versprochen, es nicht wieder zu tun. Auch drei andere Kapos hatten versprochen, es nicht wieder zu tun. Einer war ein Tscheche, die beiden anderen waren ,Grüne‘. Ihre Namen sind mir nicht mehr in Erinnerung. Die Einwirkung war nicht umsonst, sie hatten nicht mehr geprügelt. - Nun mussten die SS-Bewacher prügeln. Ich habe mir nie Gedanken gemacht, welche Folgen dies für mich haben könnte. Jetzt machte ich mir Gedanken, ob es denn keine Möglichkeit gebe, auch die SS-Schläger von der Sinnlosigkeit ihres Handelns zu überzeugen. So fiel mir nichts Besseres ein, als den Versuch beim Lagerkommandanten zu machen. Ich fasste mir den Mut und ging zu dem Lagerkommandanten Jarolin und bat ihn um eine Aussprache. Natürlich mit gemischten Gefühlen. Was ich nur mit bangem Hoffen erwartete: Jarolin hat mich angehört. Ich habe ihm vom Bemühen berichtet, die Kapos von der Sinnlosigkeit des Prügelns zu überzeugen. Als nun die Kapos nicht mehr prügelten, prügelten umso mehr die SS-Leute. Ich hatte Jarolin folgende Gedanken vorgetragen:

  1. Täglich werden ins Revier Häftlinge eingeliefert, die solche Verletzungen aufweisen, dass ich sie aufnehmen müsse,
  2. Zudem haben wir wenig Verbandstoffe, da man sie notwendigermaßen an der Front benötige,
  3. Da die Häftlinge durch die Misshandlungen vielfach arbeitsunfähig seien, fallen sie für die Produktion aus und die Produktion sei doch ein Rüstungsbetrieb.

Diese ,Argumente‘ leuchteten Jarolin ein, er fand sie ,stichhaltig‘ und erklärte, dass er dies den SS-Posten schon ,beibringen‘ würde. Am gleichen Abend, nachdem Jarolin seinen SS-Bewachern meine Klagen vorgebracht hatte, kam der SDG (Sanitätsdienstgrad) SS-Unterscharführer Bablik 3) wutentbrannt ins Revier, verlangte, dass ich vor ihm strammstehe, was allgemein im Revier nicht üblich war. Er machte mir schwere Vorwürfe. Er verlangte von mir, dass ich mich ,ablösen‘ lasse, weil ich unfähig sei. Im Revier würden wir die Häftlinge wie Kinder behandeln und jeden ,Simulanten‘ aufnehmen, u.a.m. Nun hatte ich die SS-Leute gegen mich, was ich schnell zu spüren bekam.

Eine Woche vor Ostern 1944 kam Walter Neff, 4) der nicht mehr Häftling war, ins Außenkommando Allach, mit dem Befehl mich nach Dachau zurückzubringen. Ich erklärte Walter, dass ich gar nicht daran dächte, nun wieder ,abzuhauen‘, zumal ich einigermaßen erträgliche Verhältnisse im Revier geschaffen habe. Daraufhin sagte mir Walter Neff, dass die SS mir nach dem Leben trachte. Unter diesen Umständen blieb mir nichts übrig, als mit Neff zu gehen. Die SS-Bewacher schäumten vor Wut, da ich ihnen durch die ,Maschen‘ ging. Der Rapportführer hatte mir noch ein paar runtergehauen, bevor ich durchs Tor ging. Unsere Kameraden im Häftlingsrevier Dachau hatten Kenntnis erhalten, dass die SS mir etwas wollte und haben schnell gehandelt. Wieder kam mir ein Zufall zu Hilfe.

Auf der Versuchsabteilung im Block 5 (Häftlingsrevier) wurde ein Kommando zusammengestellt, dass der SS-Arzt, SS-Obersturmführer Dr. Blöttner 5) (Plötner) für seine Versuche in der Nähe von Lindau a. Bodensee zur Herstellung eines Blutgerinnungsmittel benötigte. Nach der Hiobsbotschaft aus Allach waren unsere Kameraden interessiert, dass ich bei dem Kommando dabei sei, nur so konnten sie mich aus Allach herausbringen. Sie unterbreiteten Blöttner, dass das Kommando einen Häftling brauche, der kochen und gut stechen (Blutabnehmen und Injizieren) könne. Blöttner fragte, ob sie einen solchen Häftling wüssten. Natürlich wussten sie es, aber er war nicht im Lager greifbar, sondern auf einem Außenkommando, Nun ging Blöttner zum Lagerkommandanten SS-Obersturmbannführer Weiter 6) und forderte mich an; so kam ich zum Außenkommando Schlachtern am Bodensee. Dort hoffte ich also, entkommen zu sein allen Schikanen.

Am Karsamstag, den 8. April 1944 fuhren wir mit einem LKW durch das Tor des KZ-Dachau. Wir waren 5 Häftlinge, ein SS-Kommandoführer und zwei SS-Leute. Nach drei Wochen kam von Dachau der Befehl, unterschrieben vom Schutzhaftlagerführer Campe, 7) dass der Häftling R. sofort ins Lager zurückzubringen sei. R. sei ein Kommunistenführer aus dem Allgäu und wurde aus dem Lager Allach herausgeschmuggelt. Die SS-Mörder von Allach wollten mich also wieder haben. Ich wusste, dass kann mein Ende bedeuten. Deshalb weigerte ich mich, mit dem SS-Bewacher nach Dachau zurückzufahren. Dem SS-Mann blieb nichts anderes übrig, als ohne mich nach Dachau zurückzufahren, Als er sich bei Dr. Blöttner meldete, frug ihn dieser: ,Wo haben Sie den Häftling R.?‘ Der antwortete betreten: ,Der ist nicht mitgegangen‘. Der SS-Arzt hat danach den Rückführungsschein zerrissen.

Was hatte sich da ereignet? Schutzhaftlagerführer Campe geht von der Kommandantur zur Hauptwache. Auf dem Wege dorthin begegnet er einer Dame in Begleitung eines SS-Mannes. Als Campe vorbeiging, sagte er zum SS-Mann: ,Was hast Du denn da für Hure?‘ Die Dame sagte erregt, was er da gesagt habe: ,Hure‘ Ihnen werde ich es geben!' - Die Dame war die Frau eines SS-Sturmbannführers. Da war der Lagerkommandant gezwungen, Campe verschwinden zu lassen. Er wurde versetzt. Das berichtete der SS-Mann Steiger, 8) als er von Dachau zurückkam.

gez. Michael Rauch“ 9)

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