Max Mannheimer

KZ-Häftling in Auschwitz, Warschau, O.T.-Lager Rothschwaige, Allach-Karlsfeld und Mühldorf

„(...) Nach drei Wochen Quarantäne in Dachau geht es nach Karlsfeld. Wenige Kilometer von Dachau entfernt. Das Lager heißt 0.T. Außenlager Karlsfeld. Es gibt Steinbaracken und Dreibettgestelle. Wie überall hält auch hier der Lagerälteste eine Rede, die wir schon kennen. Wir werden den einzelnen Arbeitskommandos zugeteilt. Sager & Woerner heißt mein Kommando. Auf dem Gelände der BMW haben wir Hallen zu bauen. Die Arbeit besteht aus Zement-Tragen, Eisen-Tragen.

Dem Kommandoführer, SS-Hauptscharführer Jentzsch 1), macht es Spaß, seinen Schäferhund auf die Häftlinge zu hetzen. Er gibt erst das Kommando ‚auslassen‘, wenn das Opfer blutet. Nach einigen Tagen werde ich krank. Ich darf im Lager bleiben. Für leichte Arbeit. So heißt es. Leicht? Zusammen mit einem sehr alten Häftling, Albert Kerner 2) aus München, transportiere ich mit einem Muli Leichen von Karlsfeld nach Dachau ins Hauptlager. Zur Verbrennung. Kerner geht neben dem Muli, der SS-Posten neben mir. Ich habe darauf zu achten, daß die Toten zugedeckt bleiben. Ein plötzlicher Windstoß hebt die Decken ab. Die Vorbeigehenden, hauptsächlich Frauen, machen erschrockene Gesichter. Leichen aus dem KZ sind kein schöner Anblick.

In einem Block wird gebetet. Es sind meistens Juden aus Ungarn. Sie beten jeden Tag. Am Jom-Kippur 3) - dem jüdischen Versöhnungstag - fasten sie sogar. Politische Nachrichten werden
verbreitet. Die Amerikaner und Engländer sollen sehr nahe sein. Wie nahe, kann niemand sagen.

Im Januar 1945 wird ein Kommando nach dem Außenlager Mühldorf 16 verlegt. Mein Bruder gehört dem Kommando an. Jetzt sollen wir doch noch getrennt werden. Einer allein kommt
schwerer durch. Freunde sind zwar gut - ein Bruder ist besser. Ich bleibe zurück. Ich denke an den braven Soldaten Schwejk, der sich nach dem Krieg um fünf Uhr mit seinem Freund im Wirtshaus zum Kelch treffen will. Wir werden uns schon finden, lautet unser gemeinsamer Trost.

Vierzehn Tage später wird ein Transport zusammengestellt. Meist sehr abgemagerte Häftlinge. Vorsichtig erkundige ich mich. Es soll nach Mühldorf gehen. Zur Arbeit. Ich melde mich. Die Sehnsucht nach meinem Bruder ist stärker als die Angst. Wir bekommen Verpflegung, besteigen einen Güterzug. Die Fahrt dauert nur wenige Stunden.

Ein kleines Lager. Holzbaracken. Wir werden auf die Blocks verteilt. Ich finde meinen Bruder noch am gleichen Abend. Ich habe es geahnt, daß wir uns wiederfinden. Das Kommando, dem ich zugeteilt werde, baut eine unterirdische Flugzeugfabrik.“ 4)
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1) Heinz Jentsch, (1917–1994) Landwirt, SS-Hauptscharführer, 1934 SS-Eintritt, November 1934 Wachmann im KZ Sachsenburg, 1938 Mauthausen, Ende 1940 bis Februar 1943 im KZ-Außenlager Gusen, November 1942 SS-Hauptscharführer, Juli 1944 Rapportführer im Dachauer Außenlager Allach-Karlsfeld; 1968 vor dem Landgericht Hagen wegen Morden im KZ-Gusen zu lebenslänglicher Haft verurteilt, 1982 auf Bewährung entlassen. Zeit: Ab Juli 1944 im O.T.-Lager Allach-Karlsfeld als Hundeführer mit Schäferhund „Nero“.
2) Alfred Kerner, * 20.3.1906 in München, # 127, 11280, Maler, Sch, verh., kath., Deutscher. Vgl. ITS 1.1.6.7\KASP-KER\1703.
3) Jom Kippur war am 26. September 1944.
4) Max Mannheimer, Dachauer Hefte 1 (1985), S. 126 ff.

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Bild: Schreibstubenkarte: ITS 1.1.6.7\MANC-MARTIM\0291.

 

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