Häftling im KZ-Außenlager Dachau-Allach
Bait Marcello, * 9.6.1920 in Monfalcone, Kreis Trieste geboren, war mit Luciana, geborene Mingolo verheiratet und ohne Kinder. Beide wohnten in Ronchi dei Legionari im Kreis Trieste, wo Bait dem Beruf des Klemptners nachging. Dort wurde Bait am 24.5.1944 von der SiPo Triest verhaftet und am 2.6.1944 von Udine über das KZ-Dachau - wo er etwa 5 Wochen in Quarantäne verbrachte - nach Allach überstellt. Von dort wurde er am 2.7.1944 in das Außenlager Natzweiler-Markirch verlegt. Nach seiner RückübersteIlung am 4.10.1944 landete Bait im Außenlager Trostberg, aus dem er zu einem unbekannten Zeitpunkt nach Allach zurückkehrte. Am 15.4.1945 wurde Bait von Allach in das Arbeitslager Riem verlegt, um bis kurz vor Kriegsende im Arbeitskommando Riem zu arbeiten.
Abschrift:
"Zuerst wurde ich im Lager Dachau festgehalten und dann, nach einem Zeitraum von 40 Tagen, wurde ich in das Lager Alak (dürfte Allach lauten: Anmerkung des Übersetzers) versetzt, wo ich im BMW-Werk eingesetzt wurde, das Motoren baute.
(...) auf die Frage Nr. 1
Ich kam im November im Lager München-Riem an. Ich wurde am 24.5.1944 nach Deutschland verschleppt. Zuerst wurde ich im Lager Dachau festgehalten und dann, nach einem Zeitraum von 40 Tagen, wurde ich in das Lager Allach versetzt, wo ich im BMW-Werk eingesetzt wurde, das Motoren baute.
Nr.2
Ich wurde im Lager München-Riem 2) bis zum Monat April 1944 (hier dürfte ein Irrtum vorliegen, und es müsste richtig 1945 lauten, da der Zeuge erst am 24. Mai 1944 überhaupt nach Deutschland verschleppt wurde: Anmerkung des Übers.) festgehalten, als das Lager von den SS-Leuten unmittelbar, bevor die amerikanischen Truppen eingetroffen waren, aufgegeben wurde.
Nr.3
Etwa 2.000 Häftlinge, alle eingeschlossen in einer großen früheren Pferdebaracke.
Nr.4
Wir wurden alle zum Schutt aufräumen am Flugplatz München-Riem und zur Ausbesserung der von den fortgesetzten Bombardierungen beschädigten Pisten eingesetzt.
Nr.5
Wie ich bereits gesagt habe, befanden sich die Arbeitsstätten auf dem Flugplatz München-Riem.
Nr.6
Ich erfuhr vom Hörensagen, dass der Lagerkommandant Trenkle 3) hieß. Ich bin nicht in der Lage, die Namen der anderen für das Lager verantwortlichen SS-Leute zu sagen.
Nr.7
Ich bin nicht in der Lage, andere Personen zu benennen, die meine Angaben bestätigen können.
Nr.8
Ich erinnere mich an keine Namen und Anschriften von Mithäftlingen. Ich erinnere mich, dass es zahlreiche Mithäftlinge gab, die aus Friuli Venezia-Giulia stammten. Vielmehr, jetzt erinnere ich mich an den Namen eines Mithäftlings aus S. Giovanni al Natione (Udine): d‘Este, Gino), 4) der einen Cousin namens d‘Este, Carlo [Ennio] 5) hatte, der im Konzentrationslager infolge Unterernährung, Prügel und schwerster Arbeit verstorben war (Carlo d'Este). Ich erinnere mich, daß ich damals 32 kg gewogen hatte.
Nr.9
Ich glaube, dass Gino d'Este, wenn er noch Leben ist (ich habe ihn seitdem ich aus dem Konzentrationslager befreit worden bin, nicht mehr gesehen) hinsichtlich Häftlingsströmen im Lager berichten kann. Die Häftlinge wurden getötet, wenn sie versuchten, aus dem Lager zu flüchten und auch aus sonstigen geringfügigen Motiven. Ich erinnere mich, dass eines Morgens beim Appell ein Häftling sich mit der Antwort Zeit ließ, weshalb der Lagerkommandant Trenkle zu ihm kam und ihn mit einem Pistolenschuss in den Nacken tötete. Bei anderer Gelegenheit wohnte ich dem Henken von zwei Häftlingen bei, die versucht hatten zu fliehen. Als wir alsdann zum Flugplatz begleitet wurden, gingen wir in Kolonnen zu jeweils drei Mann. Die schwächsten Häftlinge, die zu Boden fielen und sich nicht rechtzeitig erheben konnten, wurden auf der Stelle von den SS-Leuten getötet, indem sie ihnen mit dem Gewehrkolben auf den Kopf schlugen. Das kam sehr oft vor, und da man die Tage infolge der Unterernährung und der sehr schweren Arbeit kaum überlebte, abgesehen von der Umgebung, in der man schlief, konnten die Schwächsten nicht mehr widerstehen. Ich erinnere mich auch, dass diejenigen, die sich nicht mehr zur Arbeit aufraffen konnten, nach Dachau verbracht wurden.
Nr.10
Ich war Augenzeuge der unter 9. beschriebenen Tatbestände.
Nr. 11
Ich bin nicht in der Lage, andere Personen zu benennen, die meine Angaben bestätigen können.
Nr.12
Kurz bevor die amerikanischen Truppen angekommen waren, hatte die SS das Lager verlassen, wobei sie Waffen und Uniformen wegwarfen. Ich, zusammen mit anderen, habe das Lager nunmehr ohne Bewachung verlassen. Ich habe mich zum Brenner auf den Weg gemacht, mit der Absicht, zu Fuß nach Italien zurückzukehren. Entlang der Straße bin ich von zwei anderen Italienern begleitet worden. Wir haben die amerikanischen Truppen in Mittenwald angetroffen, und da sind wir von einem Zentrum ehemaliger verschleppter Personen aufgenommen worden.
Nr.13
Wie ich bereits unter Nr. 12 gesagt habe, wurde das Lager nicht evakuiert. Die SS-Leute entkamen vor der Ankunft der amerikanischen Truppen und ließen uns frei.
Nr.14
Im Lager Allach, wo ich von Juli bis zum Oktober 1944 festgehalten wurde, wurden jene Häftlinge durch Henken getötet, die versucht hatten zu flüchten. Ich wohnte drei Henkungen bei. In Allach war die Arbeit viel schwerer als in München-Riem. 6) Man arbeitete abwechselnd 12 Stunden täglich und es kam vor, dass wir vier Stunden marschieren mussten, um vom Lager die BMW-Werke zu erreichen, wo unsere Arbeitsstätte war. 2 Die Schwächsten und jene, welche erkrankten, wurden nach Dachau überführt.
Nr.15
Ich bin wegen nationalsozialistischer Verbrechen noch nicht vernommen worden.
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1) Danach wurden bei BMW-Allach auch KZ-Häftlinge aus dem Lager Riem eingesetzt.
2) Unklar ist, als was und in welcher Funktion Bait bei BMW-Allach eingesetzt war. Marcello Bait, StaA München, Staatsanwaltschaften 34817/2, Blatt 287 ff.
3) Franz Xaver Trenkle, * 2.8.1899, in Pfronten; † 28.5.1946 in Landsberg am Lech, SS-Hauptscharführer und stellvertretender Schutzhaftlagerführer des KZ Dachau. Von Anfang April 1944 bis 29.4.1945 Führer des Kommandos Flugplatz Riem. Vgl. IMT Case No. 000-50-2 (US vs. Martin Gottfried Weiss et al) Tried 13 Dec. 45.
4) Gino d'Este, * 26.10.1914 in Venedig-Burano, # 69584, Magaziner, led., kath., Italiener, stammte aus Corno di Rosazzo, Kreis Trieste. Gino d'Este war am 2.6.1944 mit dem gleichen Transport wie Marcello Bait in das KZ-Dachau eingewiesen und am 2.7.1944 über das Außenlager Dachau-Allach nach Markirch überstellt worden. Nach seiner RückübersteIlung am 4.10.1944 nach Allach war d'Este in das Lager Trostberg verlegt und von dort am 4.1.45 wegen Krankheit nach Dachau rücküberstellt worden. Gino d'Este starb am 26.1.1945 im KZ-Dachau. Vgl. ITS 1.1.6.7\ENE-FAR\0810; ITS 1.1.6.1\0001-0189\0144\0018; ITS 1.1.6.1\0001-0189\0023.
5) Ennio d'Este, * 18.3.1928 in Muggia, † 31.12.1944 in Leonberg, # 135416, led., kath., Italiener. Vgl. ITS 1.1.6.7\ENE-FAR\0809. Carlo wurde am 11.12.1944 von Trient über das KZ-Dachau nach Natzweiler-Leonberg überstellt. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0025\0038; ITS 1.1.6.7\BAI-BARRD\0077; ITS 1.1.6.1\0001-0189\0147\0093.
6) Hier ist nicht das Kommando „Reitschule-Riem“, sondern das Arbeitskommando „Flughafen Riem“ gemeint. Zamecnik schreibt dazu: „In den letzten Kriegsmonaten vergrößerte (...) [sich das Kommando] auf 1.500 bis 2.000 Häftlinge, die neue Rollbahnen bauten und die Zerstörungen durch das ständige Bombardement der Start- und Landebahnen und Anlagen behoben. (...) Als dann die benachbarte Bevölkerung den Diebstahl (...) von Lebensmitteln meldete, wurden einige Häftlinge ohne ein Verfahren durch Genickschuss auf dem Appellplatz ermordet.“ in: Zamecnik, Das war Dachau, S. 317.
