Mala Karp

„Die Lagerleitung [in Geislingen] wurde „(...) von einer blonden gutaussehenden SS-Frau und einem älteren grauhaarigen SS-Mann ausgeübt. Der SS-Mann trug eine Brille mit einem dünnen silbernen Rand. Im Lager Geislingen gab es eine andere SS-Frau. Diese war rothaarig. Neben den üblichen Grausamkeiten, d.h. den Schlägen und anderen Quälereien, die wir Häftlinge erdulden mussten, ist mir aus dem Lager Geislingen nur ein Tötungsfall in Erinnerung: Während der Arbeit hatte ein weiblicher Häftling einen Apfel geschenkt bekommen. Es war jedoch bei Strafe verboten, während der Arbeit Verbindung zu den Vorarbeitern in der Fabrik aufzunehmen. Auf Anordnung der blonden SS-Frau musste ein weiblicher Kapo den betreffenden Häftling, der den Apfel geschenkt bekommen hatte, 25 x schlagen. Der Häftling musste sich in den Schnee legen und der Kapo schlug mit Leibeskräften mit einer Peitsche auf ihn ein. Der Häftling hat diese Schläge nicht überstanden und ist kurz darauf im Krankenrevier gestorben.

An Namen in diesem Zusammenhang kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß lediglich, dass die Namen der drei weiblichen Kapos Leo, 1) Helga 2) und Gertrud 3) waren. Die blonde SS-Frau hat nach meiner Erinnerung Maria oder Loreley geheißen. 4) Ich selbst war damals ja fast noch ein Kind und überdies so geschwächt, dass ich nicht zur Arbeit zu gehen brauchte, vielmehr wurde ich im Lager selbst mit Reinigungs- und Küchenarbeiten beschäftigt. Eines Morgens fühlte ich mich so elend und schwach, dass ich einfach nicht aufstehen konnte. Die Lagerälteste Lea hat mich darauf hin so zusammengeschlagen, dass ich für den Rest meiner Zeit in Geislingen nur noch im Krankenrevier leben konnte. Als Strafe für mein Nicht-Aufstehen wurde auch meiner Schwester und meiner Mutter, die mir mit im Lager waren, für einige Zeit das Essen entzogen. 5)

Im Lager Allach war ich vom ersten bis zum letzten Tag an im Krankenrevier. In diesem Lager, das in seiner Besetzung ja das gleiche war wie das Lager Geislingen, kamen die bekannten und üblichen Schlägereien und Grausamkeiten vor. Tötungen habe ich hier jedoch nicht gesehen. Die kranken und arbeitsunfähigen Häftlinge wurden nicht etwa erschossen, sondern ihrem eigenen Schicksal überlassen; die Todesrate im Krankenrevier war dementsprechend hoch.

Im Lager Allach haben die Häftlinge keine Arbeiten mehr ausgeführt. Vielmehr wurden wir dort zusammengefasst und warteten auf irgend etwas. Mir ist aus eigenem Wissen nicht bekannt, dass Häftlinge des Lagers Allach etwa bei BMW, Bau- u. Fertigung, in der Porzellanmanufaktur, bei der Organisation Todt Bau, hier auch im Lager Karlsfeld oder Rothschwaige gearbeitet hätten.

Als wir in das Lager kamen, war alles schon in Auflösung begriffen. Etwa zwei Tage vor der Befreiung wurden alle gesunden Häftlinge von der SS aus dem Lager geführt. Der Eisenbahnzug jedoch, auf den sie verfrachtet wurden, ist dann von den Amerikanern angehalten worden. Im Lager zurückblieben nur die kranken Häftlinge, d. h. alle diejenigen, die im Krankenrevier lagen. Es gelang uns, meine Schwester Anna, heute Frau Hoffnung, in die Krankenbaracke zu bekommen. Meine Mutter war ohnedies bereits in der Krankenbaracke, die auch sehr krank war. Auf diese Weise sind wir zusammen im Lager dann von den Amerikanern befreit worden. Namen aus dieser Zeit bis auf die genannten Kapos Lea, Helga und Gertrud sind mir nicht erinnerlich.

Mir ist erinnerlich, dass ganz nahe bei dem Lager, in dem wir waren, ein großes Männerlager war. Das Lager war etwa 100 m von unserem entfernt, und wir konnten sehen, wie die männlichen Lagerinsassen täglich in einer Reihe aus dem Lager heraus und offensichtlich zu einer Arbeitsstelle geführt wurden. Unser Frauenlager war sehr klein und schlecht eingerichtet. Als wir in das Lager kamen, war es ganz leer, so dass wir auch niemanden sprechen konnten, der uns sagen konnte, wie es in diesem Lager vor unsere Ankunft zugegangen war.

Auf Vorhalt: Im Lager Geislingen waren wir nach meiner Schätzung etwa 500 Häftlinge. Die Zahl wurde durch Todesfälle und auch durch den Marsch, den wir nach Verlassen des Eisenbahnzuges bis zum Erreichen des Lagers Allach zurückzulegen hatten, um etwa 100 vermindert. Auf dem Marsch wurden diejenigen, die nicht weiterkonnten, von uns bis dahin unbekannten SS-Männern erschossen. Namen sind mir in diesem Zusammenhang nicht erinnerlich. Im Lager Allach waren wir demnach noch etwa 350 - 400 Häftlinge. 6) Die SS, d.h. die beschriebenen beiden SS-Frauen und der grauhaarige SS-Mann wohnten außerhalb sowohl des Lagers Geislingen als auch des Lagers Allach. Im Lager selbst wohnten nur Häftlinge und Kapos.“ 7)
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1) Klara Pförtsch, * 29.8.1906 in Hof, # 29120, 154477, Deutsche, Spitzname: „Leo“.
2) Helga Waschlowski, * 14.6.1916 in Buttken, # 154469, 100065, verh., Deutsche.
3) Gertrud Müller, * 29.11.1915 in Feuerbach, # 29125, Deutsche.
4) Maria Klotz. Ihr Spitzname Loreley bezog sich nach Zeugenaussagen auf ihr blondes gelocktes Haar.
5) Mala Karp, * 10.1.1926 in Litzmannstadt # 154394/38811, Sch., Polin, Jüdin. ITS 1.1.6.7\KAM-KASO\1308 und 1.1.6.1\0001-0189\0147\0201. Sofia Karp, * 18.11.1907 in Litzmannstadt, # 8812/38812, Sch., Polin, Jüdin. ITS 1.1.6.7\KAM-KASO\1312 und Anna Karp, * 5.4.1924 in Litzmannstadt, # 154393/38810, Sch., Polin, Jüdin. ITS 1.1.6.7\KAM-KASO\1300 und 1.1.6.1\0001-0189\0147\0201.
6) Mit dem fraglichen Transport aus dem Lager Geislingen kamen 813 Häftlingsfrauen in Allach an. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0134A\0003.
7) Michele Korn, geb. Karp, BArch B 126/16344, Blatt 156 ff.

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