Karl Wagner

„Es war an einem Julitag des Jahres 1943 nach Feierabend. Die Kommandos rückten ins Lager ein. Aber im Gegensatz zu sonst lieferten die Posten und Postenführer die Häftlinge nicht am Lagertor ab. Heute marschierten auch sie mitsamt ihren Hunden ins Lager ein. Alle, die SS-Mannschaften und die Kameraden, stellten sich am Appellplatz auf. Ich beobachtete die seltsame Zeremonie. Ich fühlte, daß meine Stunde geschlagen hatte. Instinktiv versuchte ich, mich am anderen Ende des Appellplatzes ,kleinzumachen‘. Doch das nützte nichts. Plötzlich schrie (der Lagerführer, SS-Untersturmführer) Jarolin: ,Lagerältester!‘ und sämtliche Lagerinsassen mussten - wie das üblich war - seinen Ruf wiederholen und weitergeben. Ich hatte keine andere Wahl, ich musste mich bei Jarolin melden.

Dieser hatte in der Zwischenzeit den gefürchteten Bock herbeischaffen lassen. Ein sowjetischer Häftling 1) wurde aufgeschnallt, Jarolin gab mir den Befehl: ,Schlagen!' Ich antwortete: ,Ich schlage nicht!‘ Jarolin: ,Warum schlägst Du nicht?' Meine Antwort: ,Ich kann nicht schlagen!' Nun probierte es Jarolin mit dem Zuckerbrot: ,Versuchs‘, befahl er. Meine erneute Antwort: ,Ich schlage nicht!‘ Jetzt spielte Jarolin den wilden Mann, zog die Pistole und brüllte: ,Du Kommunistenschwein, das hatte ich doch gewusst!‘ In diesem Moment rechnete ich damit, abgeknallt zu werden. Ich riss meine Lagerältestenbinde vom Arm und warf sie auf den Bock. Jarolin aber drückte nicht ab, er gab lediglich den Befehl, mich abzuführen. Ich wurde in den Arrestbau gebracht. Fünf Tage lang saß ich im Allacher Bunker, danach wurde ich nach Dachau gebracht und mit sechs Wochen Dunkelarrest bestraft. Anschließend erhielt ich 25 Stockhiebe.“ 2)

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1) Der ukrainische Häftling hieß Nicolas Choprenko: Nicolas Choprenko,* 7.9.1924, in Petrowka, # 44249, Schüler, Sch., led. orth., Russe. Vgl.  ITS 1.1.6.7\CHOM-CONS\0057. Er lebte bis zu seinem Tod in den USA unter den Namen Nick Hope. Er schildete mir diesen Vorfall in einem Zeitzeugeninterview bei seinem Besuch am 4. Mai 2015 in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Er traf dort in den Räumen des Archivs der KZ-Gedenkstätte unvermutet auf den Adoptivsohn von Karl Wagner. Zeitzeugengespräch von Nikolai Choprenko mit Klaus Mai am 4. Mai 2015.
2) Karl Wagner, Widerstand und Solidarität, Dachauer Hefte 7, (1991), S. 57. Karl Wagner wurde nach diesem Vorfall als Lagerältester in Dachau-Allach abgelöst, am 18.7.1944 in das KZ-Buchenwald überstellt und überlebte dort die KZ-Haft.

Schreibstubenkarte ITS 1.1.6.7\WAGN-WAT\0113.

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