KZ-Häftling im KZ-Dachau, KZ-Außenlager Dachau-Allach, Mauthausen, Ebensee
Krämer, Karl, * 9.1.1907 in Friedberg/Hessen, Flugzeugführer, # 1958, 12993, Sch., geschieden, 1 Kind, ev., Deutscher.
„Anfang 1933 wurde ich am Flughafen in Fürth von der Gestapo festgenommen und kam dann vorübergehend in das Gefängnis nach Nürnberg. Von dort aus wurde ich nach Leipzig verschubt. Vom Reichsgericht - in Leipzig - 4.Senat - wurde ich wegen Hoch- und Landesverrat zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach meiner Verurteilung kam ich etwa im Mai 1933 auf etwa 4 - 5 Wochen in das KL Dachau. Anschließend verbüsste ich meine Strafe im Zuchthaus Ziegenhain. Über Gießen kam ich dann etwa im Okt./Nov. 1937 in das KZ Dachau, wo ich bis zum Mai 1944 mit einer größeren Unterbrechung - auf die noch eingegangen wird - verblieb. Zum genannten Zeitpunkt wurde ich in das KL Mauthausen, einige Zeit später in das KL Ebensee und zuletzt in das Nebenlager Gunzkirchen übersteht. Kurz vor Kriegsende setzte ich mich mit anderen Häftlingen vom Lager ab.
In den Konzentrationslagern trug ich den roten Winkel. An meine erste Häftlingsnummer kann ich mich heute nicht mehr entsinnen. Bei meiner zweiten Inhaftierung in Dachau erhielt ich die Häftlingsnummer 1958. Einen Spitznamen führte ich im Lager nicht. Im alten Lager war ich im Strafblock 1 untergebracht. Im neuen Lager war ich zuerst im Strafblock 15 und dann in den Blöcken 1, 2 und 23 untergebracht. Nach meiner Einlieferung war ich innerhalb der Strafabteilung zum Aufbau des Lagers eingeteilt. Vermutlich im August 1938 wurde ich Blockschreiber für die Blöcke 1, 2 und 23.
In der Zeit von Februar - April 1943 kam ich in das Nebenlager Allach, wo ich etwa bis Mai 1944 verblieb. Dort war ich in der Arbeitseinsatz-Baracke untergebracht. Ich war dort mit der Einteilung des Arbeitseinsatzes betraut. Bei dieser Tätigkeit unterstützte mich der politische Häftling Roman Wirkner. Erster Lagerführer war Jarolin und zweiter Lagerführer der Beschuldigte Sebastian Eberl der zugleich auch Arbeitseinsatzführer war. An weitere SS-Angehörige, welche eine

besondere Funktion innehatten, kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Von den Kapos sind mir noch nachfolgende in Erinnerung: Peter Wenning wohnh. in Neumarkt/Opf., Hans Rohr und Streit sowie Otto Oettel. Auf der mir vorgelegten Lichtbildtafel erkenne ich keine der abgebildeten Personen. Es kann sein, daß der auf Bild 4 und 9 Abgebildete der Beschuldigte Sebastian Eberl ist. Hinzufügen möchte ich, daß ich Sebastian Eberl Anfang 1968 und letztmalig vor etwa 2 Monaten gesehen und gesprochen habe.
Bei meinem ersten Zusammentreffen mit ihm frug ich ihn, ob er mich wiedererkennen würde, was er verneinte. Trotzdem ich mich namentlich bei ihm vorstellte, hatte er angeblich keine Erinnerung mehr an mich. Bei meinem zweiten Zusammentreffen war der ehemalige Häftling Karl Frey aus München anwesend. Auch Frey erkannte er angeblich nicht mehr. Er gab uns gegenüber zu verstehen, daß er krank sei und sich an nichts mehr erinnern könne. Der Beschuldigte Sebastian Eberl ist mir von Dachau her bekannt. Er war dort im Erkennungsdienst als SS-Hscha. eingesetzt. Eberl hinkte damals bereits ein wenig. Eberl war Träger der Verdienstmedaille.
Eberl war algemein im Lager als Sadist bekannt. Dies dürfte darauf zurückzuführen sein, er bei der erkennungsdienstlichen Erfassung der Häftlinge beim Auslösen des Fotoapparates eine im Stuhl angebrachte Nadel Zugieich in Betrieb setzte, wobei den Häftlingen diese Nadel in das Gesäß gestochen wurde.
Im KL Dachau war allgemein bekannt, daß alle Kommandaturangehörigen sich an den Russenerschießungen beteiligten. Mir ist es nicht möglich zu sagen, ob der Beschuldigte sich an diesen Russenerschießungen beteiligt hat. Erinnerlich ist mir noch, daß die Angehörigen von Exekutionskommando mit der Verdienstmedaille ausgezeichnet wurden, Italienurlaub und Sonderverpflegung erhielten. Nachdem Eberl gleichfalls mit der Verdienstmedaille ausgezeichnet wurde, nehme ich an, daß dieser bei Erschießungen beteiligt war. Konkrete Angaben über Tötungen von Häftlingen durch Eberl im KL Dachau kann ich nicht machen.
Bezüglich der Tötung eines polnischen Häftlings durch Eberl kann ich folgendes angeben:
Im Jahre 1943 - der genaue Zeitpunkt ist mir nicht mehr erinnerlich - befand ich mich um die Mittagszeit in der Arbeitseinsatzbaracke. Es kann schon nachmittags gewesen sein, als ich mich zum Haupttor begab, um dann in Begleitung eines Luftwaffenngehörigen in die Halle 3 bzw. in das Einstellbüro der BMW-Werke zu gehen. Am Haupttor wurde in diesem Augenblick ein polnischer Häftling von einem mir namentlich unbekannten SS-Angehörigen an den Wachhabenden SS-Schar oder Oberscharführer übergeben. Zugleich bemerkte ich den Beschuldigten Eberl von der SS-Baracke kommend zum Haupttor gehen. E b e rl schrie daraufhin den Polen an und gab ihm sinngemäß zu verstehen, daß dort der Draht sei und er könne nun über diesen abhauen. Eberl trieb nun den polnischen Häftling vor sich her in Richtung zum elektrisch geladenen Draht zwischen der Arbeitseinsatzbaracke und dem Turm. Zu diesem Zeitpunkt hatte Eberl bereits seine Pistole gezogen. Als sich der Pole etwa in Höhe der Arbeitseinsatzbaracke befand, blieb dieser stehen und ich hörte, wie er sinngemäß schrie: „Ich knall dich ab.”
Gleich darauf vernahm ich mindestens zwei Schüsse und der Pole stürzte zu Boden. Soweit ich mich heute noch erinnern lann, befand sich Eberl etwa drei Meter hinter dem Polen, als er auf diesen schoss. Mir ist es heute nicht mehr möglich zu sagen, ob der Pole von Eberl von hinten erschossen wurde. Ich selbst ging zu diesem Zeitpunkt zum Lagertor. Es könnten auch mehrere Meter gewesen sein. Der Pole lag reglos am Boden, Ich kann heute nicht mehr sagen, ob er auf dem Bauch oder auf dem Rücken lag. Den Abtransport der Leiche durch Angehörige des Reviers habe ich nicht mehr gesehen. Nachdem ich Augenzeuge dieser Tötung war, kann ich meine bisher gemachten Angaben jederzeit vor Gericht wiederholen und beeiden, denn eine Verwechslung, dass ein anderer als Eberl geschossen hat, ist ausgeschlossen.
Bezüglich der Tatzeit möchte ich angeben, daß zu dieser Zeit zwei oder drei Polen bzw. Russen, die im BMW-Werk beschäftigt waren, geflüchtet waren. Nach Bekanntwerden der Flucht wurden alle verfügbaren SS-Angehörigen eingesetzt, um die Flüchtenden einzuholen. Es wurde davon gesprochen, daß einer dieser geflüchteten Häftlinge von Eberl erschossen worden sei. Der Name des polnischen Opfers ist mir nicht bekannt. Nach Erinnerung handelte es sich um einen sehr jungen Polen, der nach Hörensagen versucht haben soll aus dem BMW-Werk zu fliehen. Von einem momentan nicht mehr erinnerlichen Polen, den ich vor drei Wochen getroffen und gesprochen habe, erfuhr ich, daß in seinen Wohnort Andrychow gleichfalls ein ehemaliger polnischer Häftling wohnen würde, der ihm von der Tötung des Polen durch Eberl erzählte.
Angeblich stammte das Opfer auch von Andrychow/Polen. Jetzt fällt mir soeben ein, daß der Pole, den ich vor einigen Wochen getroffen habe Wlodzimierz Twardowski hieß. Die Anschrift werde ich noch mitteilen. Der mir namentlich noch unbekannte Pole soll gleichfalls Augenzeuge der von mir geschilderten Tötung gewesen sein. Als ich nach der Tötung des Polen in die BMW-Werke kam, erzählte ich das soeben Erlebte meinem Kameraden Wirkner. Der ehemalige SS-Angehörige Kern, der zum Zeitpunkt des Vorfalles Wachabender war, müßte gleichfalls Augenzeuge gewesen sein. Auch der ehemalige Kapo des Reviers mit Namen Karpik müsste Angaben über die Leiche machen können. Welche Häftlinge vom Revier die Leiche abtransportierten ist mir nicht bekannt. Der Name des SS-Angehörigen welcher den polnischen Häftling vom BMW-Werk zum Haupttor führte, ist mir unbekannt. (...)
Möglicherweise können die ehemaligen Kurt Rassa und Wokurka Angaben über diesen Fall machen. Weitere Tötungshandlungen des Eberl im KL Allach sind mir nicht bekannt. Mir wurde auszugsweise die Vernehmung des Zeugen Ludwig Finsterwalder (Bl. 67.d.A.) bezüglich meiner Person vorgelesen. Dazu möchte ich sagen, daß ich nur einmal Augenzeuge einer Erschießung eines Häftlings durch Eberl war. Bei dem zweiten Polen dürfte es sich um den von mir kurz erwähnten Fall der Flucht von 2 - 3 Häftlingen aus dem BMW-Werk handeln. Ich wiederhole noch einmal, daß damals davon gesprochen wurde, daß Eberl einen Häftling erschoß.
Erinnerlich ist mir auch noch, dass zu einem mir nicht mehr erinnerlichen Zeitpunkt drei Polen oder Russen auf dem Appellplatz im Lager Allach im Beisein von Jarolin und Eberl gehängt wurden. Bei dieser Exekution mussten alle verfügbaren Häftlinge und SS-Angehörigen antreten. Angeblich wurden die Häftlinge wegen Sabotage aufgehängt.” 1)
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1) Karl Krämer, StaA München, Staatsanwaltschaften, 34814/2, Blatt 99 ff.
