Joseph Dorcier

Häftling im KZ-Außenlager Dachau-Allach

Joseph Dorcier, * 23.1.1921 in Douvaine, (Haute-Savoi), Landwirt, Sch, ledig, Franzose.

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„Heute, am 16. Juni 1945, um 10.30 Uhr berichte ich, der unterzeichnete BECHARD, Fernand, Gendarm mit Dienstsitz in Douvaine, Département Haute-Savoie, in Uniform und gemäß den Weisungen meiner Vorgesetzten wie folgt:
In unserer Kaserne handelnd aufgrund einer Anweisung des Herrn Regierungskommissars der Region Rhone-Alpes in Lyon vom 27. April 1945 (Nr. 5361/3.Sektion vom 12. Mai 1945), die den Auftrag enthält, Befragungen der Gefangenen und der Deportierten über die zu ihrem Nachteil von den deutschen Nazis begangenen Gräueltaten durchzuführen, habe ich die folgenden Auskünfte erhalten von:

DORCIER, Joseph, 26 Jahre, Landwirt, wohnhaft in Douvaine (Haute-Savoie), Weiler von Bachelard.

„Am 21. Mai 1944 wurde ich von den Deutschen um 7.00 Uhr festgenommen und mit Kameraden zum Bürgermeisteramt von Douvaine (Houte-Savoie) gebracht, angeblich zwecks Durchführung einer Kontrolle der Identitätspapiere. An demselben Tag, gegen 16.00 Uhr, wurde ich mit anderen Kameraden nach Annemasse transportiert, wo ich ungefähr 10 Tage blieb. Während dieses kurzen Aufenthaltes wurde ich nicht misshandelt, dank Herrn Deffault, des Bürgermeisters von Annemasse (Haute-Savoie). Am 30. oder 31. Mai 1944 wurde ich zum Lager von Compiègne verfrachtet, wo ich am 1. Juni, um 21.30 Uhr zusammen mit zahlreichen Kameraden ankam. Unser Aufenthalt in Compiègne dauerte 18 Tage. In diesem „Frontstalag 122“ ging es uns nicht schlecht, mit Ausnahme der täglichen kleinen Plagen.

Am 18. oder 19. Juni verlud man uns für die Reise nach Deutschland. Von diesem Moment an begann unser langer dornenvoller Weg. Die Deutschen pferchten uns zu 100 oder 120 in die Waggons (Männer, 40 Pferde der Länge nach 8 ; Anmerkung d. Übers.: infolge fehlender Interpunktion schwer verständlich, wahrscheinlich ist gemeint, daß in den Waggons an sich Platz für 40 Männer oder 8 Pferde war). Es war schwierig sich zu setzen und vollkommen unmöglich, sich hinzulegen. Für die Reise hatten wir ein Kommissbrot und eine Wurst bekommen. Wir alle hatten ein bißchen Wasser mitgenommen. In dem Waggon selbst gab es nichts zu trinken; es gab keinen Behälter, um seine Verrichtungen zu machen. Wir blieben in dieser Lage mindestens 4 Stunden

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auf dem Bahnhof. Die Atmosphäre wurde unerträglich, und es war eine Erleichterung für uns, als wir bemerkten, daß sich unser Konvoi in Bewegung setzte. Das Wetter war günstig für uns, denn es regnete, und es regnete, während der 2 Tage, die unsere Reise dauerte. Wir hatten mehr Glück als der Konvoi, der uns folgte und zu dem Herr LEGER aus Evion 1), Herr Dr. BERNEX 2) und Georgos BRIQUET 3), der Sprecher des Pariser Rundfunks gehörten (mehr als 900 Tote von 2.100 Deportierten). An der Grenze machten wir Bekanntschaft mit der Feldgendarmerie, die in die Waggons stiegen und uns mit Peitschenschlägen zählte. Bei der Ankunft in DACHAU wurden wir von den SS-Leuten empfangen, die uns mittels Faust- und Gewehrkolbenschlägen Kolonnen zu je 5 bilden ließen. Zuvor ließen sie uns die Toten und die Sterbenden aus den Waggons herausschaffen. Dann führten sie uns zum Konzentrationslager, das ungefähr 3 Stunden von Bahnhof entfernt liegt. Auf dem Wege bewarfen uns Kinder mit Steinen. Nach unserer Ankunft im Lager wurden wir entkleidet, geschoren, rasiert und in Zuchthauskleidung gesteckt. Von jetzt ab waren wir nur noch Nummern (für mich 72505), nur noch Einheiten in dieser Herde menschlichen Viehs. (Dok. Nr. 8, 3269 R oben 1. Satz ist unleserlich)

Am 8. Juli 1944 kam ich nach Allach, ein Arbeitslager, das 7 km von Dachau entfernt gelegen ist. Man führte uns zu Fuß dorthin, In diesem Lager waren wir 6.000 Gefangene. Man teilte uns für die Arbeit auf, die am übernächsten Tag beginnen sollte. Die am stärksten Begünstigten kamen zur Fabrik B.M.W., den Bayrischen Motorenwerken. Was mich betrifft, ich kam zu DYCKERHOFF, das war das Disziplinarkommando des Lagers. Trotz aller meiner Versuche, dort herauszukommen, blieb ich dort bis Ende Februar 1945. So sah der Tagesablauf aus: 4.30 Uhr Wecken, allgemeine Toilette; wir hatten fast nie Seife und wenn, dann Sandseife; 4.50 Uhr Kaffee und Antreten auf dem Appell-Platz. In Blocks in Reih und Glied stehend wurden wir von einen SS-Mann gezählt. Gegen 5.30 Uhr teilte man uns in verschiedene Kommandos auf, um zur Arbeit aufzubrechen. Dann ging es über einen Weg, der mit Stacheldraht eingefasst war, ein Weg, auf dem wir, sobald es regnete, in 30 cm tiefem Schlamm marschierten. War es trockener, war dort ein entsetzlicher Staub. Der Marsch dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Man ließ uns aber 3 km laufen, obwohl die Fabrik (nur) 800 m entfernt war. Ich war der Schrottabteilung zugeteilt (Eisenträger). Den ganzen Tag musste ich Eisen auf meinen Schultern tragen, die sehr bald schmerzten unter der für unsere geschwächten

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Körper übergroßen Last (50 bis 70 Kg). Wir nahmen die Arbeit gegen 6.45 Uhr auf; um 9.00 Uhr eine viertel Stunde Pause für einen Imbiss; von 9.15 Uhr bis 12.00 Uhr Arbeit; von 12.00 Uhr bis 12.45 Uhr Suppe; von 12.45 Uhr bis 18.30 Uhr Arbeit. Dann Antreten und Abmarsch zum Lager auf demselben Wege wie am Morgen. Die Nachtarbeit war besondere hart. In den Monaten Dezember und Januar [1944] arbeiteten wir in freier Luft bei 28 Grad (Anm.: gemeint ist wohl minus) und in 30 cm hohem Schnee mit sehr schlechtem Schuhwerk und kaum bekleidet. Die SS-Leute erlaubten, daß wir Feuer machten. Aber die Vorgesetzten (immer die Polen, die bei der gesamten Organisation des Lagers ihre Hand im Spiel hatten) löschten sie und schlugen uns roh. Wenn man während des Weges den Arm des Nachbarn losließ (Anm. evtl. sich davon entfernte), gab es 3 oder 4 Ohrfeigen, begleitet von Faustschlägen. Bei der Arbeit, wenn man dabei ertappt wurde, nichts zu tun, gab es wiederum Schläge. Im Allgemeinen kam ein SS-Mann mit seinem Hund heran. Dieser fletschte seine Zähne, während sein Herr wild auf uns einschlug. Dabei kam es zu 25 Schlägen mit dem „Gummiknüppel“ auf das Gesäß. Man machte uns den Rücken frei und schlug uns mit einem Elektrokabel aus Gummi, das so dick wie der Daumen und 1 m lang war. Nach 25 erhaltenen Schlägen, die ziemlich oft auf 30 und sogar 40 erweitert wurden, war die gesamte Haut des Rückens mit Streifen übersäht. Wenigstens drei Tage lang konnte man nicht gehen, und dennoch musste man arbeiten. Ich habe auf diese Weise dreimal 25 Schläge und zweimal 10 Schläge erhalten. Die SS-Leute (selbst) schlugen selten mit dem „Gummi“; sie ließen vielmehr die Befehle durch Tschechen und Polen ausführen, die noch weniger als die Deutschen taugten. Ich habe gesehen, wie man neben mir einen 57-jährigen Franzosen durch Schläge mit dem Stil einer Hacke erschlug. Dieser Unglückliche war unter der Eisenlast zusammengebrochen. Bald darauf verabreichte ihm „guter Papa“ (das war unser Kommandoführer), der Arbeitsleiter (Anm. wörtlich: Chef der Arbeit), ungefähr 30 Schläge mit einem Hackenstiel. 4) Weil ich diesen Armen befreien wollte, wurde ich selbst auf rohe Weise geschlagen. Nachdem man ihn 2 Stunden lang röcheln ließ, erledigte man ihn durch eine Revolverkugel. Zwei Tage später waren 2 Juden und ein Russe an der Reihe. Jeder Motordefekt oder Bruch eines Werkstücks (Anm.: oder Ersatzteils) wurde für Sabotage gehalten und mit dem Tode bestraft. Aus diesem Grunde wurden am 25. Juli [1944] zwei Gefangene erhängt, zwei Tage danach wiederum einer und drei Tage später zwei andere. In der Folgezeit war dies derart

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alltäglich geworden, daß wir darauf gar nicht mehr achtgaben. 5) Unter diesen Bedingungen, bei denen wir wie gehetzte Tiere lebten, sei es bei Tag, sei es bei Nacht arbeiten mussten, magerten wir sichtbar ab. Ich nahm nach meiner Schätzung von 75 auf 47 Kg ab. Die Verpflegung war wertlos. Am Anfang gab es 150 gr. Brot um 9.00 Uhr, ein Liter Suppe um 12.00 Uhr, 300 gr. Brot am Abend; in der letzten Zeit 65 gr. um 9.00 Uhr, ein Liter gesalzenes Wasser um 12.00 Uhr und 150 gr. Brot am Abend. Ich lege Wert darauf, Ihnen mitzuteilen, daß fast alle „Kapos“ Polen oder Tschechen waren und dass sie sich für ein Kochgeschirr mit Suppe schlechter aufführten als die SS-Leute. Sogar ein Franzose gehörte zu dieser traurigen Kohorte; er hieß d’ Armanville 6) „H. Kapo“, er gab sich als Apotheker aus und sagte, er wohne in Tours. Er behandelte die Franzosen noch schlechter als die anderen, es sei denn, man hat ihn Zigaretten gegeben. Ich weiß nicht, ob er nach Frankreich zurückgekehrt ist, denn alle Kameraden haben ihm angekündigt, ihm am Tage der Befreiung den Strick um den Hals zu legen. (Anm.: die 2. Klammer - siehe o. nach dem Namen - fehlt). Im Februar 1945 war ich derart geschwächt, daß ich nicht mehr arbeiten konnte. Ich wurde deshalb nach Dachau gebracht, wo eine Typhusepidemie wütete. Bedeckt mit Läusen, wie wir (alle) waren, wurde auch ich angesteckt. Nachdem ich 14 Tage zwischen Leben und Tod verbracht hatte, aufopferungsvoll gepflegt von einem französischen Arzt, Dr. Marceau 7), wurde ich von der Ruhr befallen. Meine Kameraden starben um mich herum wie die Fliegen. Kaum tot kamen alle ins Krematorium. Alle Goldzähne wurden durch einen Polen herausgebrochen, der mit dieser Aufgabe betraut war. Ich sah einmal, wie er einem todkranken aber noch lebenden Franzosen 4 Zähne herausbrach und das trotz dessen Schreie. Diejenigen, die die Ruhr hatten, und so schwach waren, um ihre Verrichtungen auf dem WC zu machen, taten dies in ihrem Bett, zu Ihrem Unglück; denn die Krankenpfleger - zum großen Teil Polen - packten sie, entkleideten sie vollständig, transportierten sie zu den Wachräumen und schütteten ihnen 2 oder 3 Eimer Wasser über die Lenden. Sie wuschen sie mit einem Besen. Keiner hat diese unmenschliche Behandlung ausgehalten Während dieser Zeit hatte der Typhus unter den gleichgültigen Blick der Deutschen verheerende Folgen. In Block 30 [im Lager Dachau] starben in einem Monat 1.087 Männer von insgesamt 1.200. Dieser Block war der Block der Arbeitsunfähigen oder das Vorzimmer zum Tode. Man häufte 5 oder gar 7 auf 2 Strohsäcke, alle die Kranken, deren man sich

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nicht entledigen wollte und sogar diejenigen, in gutem Gesundheitszustand. Die Verpflegung war noch schlechter als in den anderen Blocks. Die Leichen wurden nur alle 2 oder 3 Tage fortgebracht. Die Deutschen brachten es nicht mehr fertig, die Leichen in angemessener Weise zu beerdigen. Bevor die Amerikaner da sein werden, werden wir einen Haufen Toter in den Ausmaßen von 2,30m x 8m x 35m sehen. Anfang April 1945 kamen zahlreiche Kameraden aus anderen Lagern. Am 15. April kam ein Konvoi aus Buchenwald an. 4.400 waren losmarschiert. Die Reise hatte 21 Tage gedauert ( 350 km zu Fuß, der Rest mit der Eisenbahn). Beim Aufbruch gab es 1 kg Brot, am 19. Tag 5 rohe Kartoffeln als Verpflegung. Nur 360 Männer kamen im Lager an. Davon starben noch viele. Zu diesem Zeitpunkt sah ich vor den Deutschen eine todkranke lebende Leiche, die eine andere Leiche stützte. Ich näherte mich; sie sagte mir (das war mein 4. Bruder), mein Vater ist schon tot. Unmittelbar noch vor Befreiung kam der Rest eines Konvois aus Tirol an. Von 1.500 Mann erreichten 26 das Lager. Die anderen sind von der SS umgebracht worden.

Am Sonntag, den 22. April 1945 wurden 5.200 Juden abtransportiert. Sie kamen nicht weit, bis zum Bahnhof von Dachau, wo man sie in Viehwagen zusammenpferchte. 3 oder 4 Tage später warfen SS-Leute Gasgranaten in diese Waggons und durchsiebten sie mit Geschossen; niemand kam lebend davon. Am 26. April 1945 brachen 8.000 Russen auf. 3.000 entlassen; die übrigen 5.000 wurden erschossen. Am Sonntag, den 29. April war der Tag der Befreiung durch die amerikanischen Truppen da. Ich kann Ihnen genaue Auskünfte weder über die Einheiten der Waffen-SS, die diese Gräueltaten begangen haben, noch über Ihre Führer geben. Ich war festgenommen worden wegen meiner Zugehörigkeit zum Maquis (Anm. = Widerstandsbewegung) 8) , weil ich die Namen seines Führers nicht preisgab und weil ich junge Leute in die Schweiz geführt hatte. Ich kann Ihnen nicht sagen, wer mich bei den Deutschen denunziert hat.

Nach Vorlesen vorbleibt er bei seiner Aussage und unterschreibt (Es folgen Ausführungen darüber, für wen die Ausfertigungen des Protokolls bestimmt sind).
Gefertigt und geschlossen in Douvaine, Tag, Monat und Jahr wie oben angegeben.
gez. BECHARD.“ 1)
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1) Staatsarchiv München, Staatsanwaltschaften 34814/2

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