KZ-Häftling in Dachau, im KZ-Außenlager Dachau-Allach
Riemer, Herrmann, * 6. Mai 1903 in Nordhausen, PSV, # 101381, 3607, Bildhauer, geschieden, ev., Deutscher.
„Konzentrationslager Dachau/Allach
Der erste Eindruck, den ich vom Konzentrationslager Dachau gewann, war nicht besonders günstig, ich hatte mir eine andere Vorstellung davon gemacht. Die bauliche Anlage erweckte nicht den Eindruck besonderer Großzügigkeit, vielmehr den einer nur halb gelungenen Improvisation. Die Gebäude waren herabgewirtschaftet, die Baracken entbehrten fast des Anstrichs und vor allem fiel der Mangel an Sauberkeit auf. Mag sein, daß das einmal anders war und daß man jetzt, wo es auf das Ende des Krieges zuzugehen schien, die Flügel hängen ließ - einen Vergleich mit Sachsenhausen, einem gleichgroßen Lager, hielt Dachau nicht aus.
Wir marschierten nun zunächst einmal auf den Appellplatz. Man hatte dort eine Reihe von Tischen aufgestellt, die wir passieren mußten. Als wir den letzten erreicht hatten, besaßen wir außer einem kleinen weißen Zettel mit der neuen Lagernummer nichts mehr, wir standen pudelnackt im kuhlen Septemberwind und froren erbärmlich. Zähneklappernd ließen wir die Prozedur der Entlausung über uns ergehen und hockten dann stundenlang im Windschatten einer Baracke. Endlich wurden wir in den Baderaum geführt, wuschen den letzten Staub von Natzweiler ab, empfingen Wäsche, Kleidung und Schuhwerk und wurden schließlich in unsere Baracke geführt. Nein, erst einmal vor die Baracke auf den schmalen Raum, der von zwei Gebäuden eingeengt wurde und so eine Art Windkanal darstellte. Langsam, ganz langsam sickerte dann der Haufen, listenmäßig aufgerufen, durch die schmalen Türen in den warmen Tagesraum. Gewiß, man hatte uns nicht zuviel erzählt, wenn man sagte, daß in Dachau seitens des Blockpersonals nicht geschlagen wurde. Ich habe nicht einmal ein böses Wort gehört. Lag es daran, daß die österreichischen Block- und Stubenältesten die Sache mit jener Wiener Nonchalance behandelten, die von jeher den Verkehrston jenseits der rot-weiß-roten Grenzpfähle bestimmte? Das Tempo war allerdings auch recht österreichisch: erst gegen Mitternacht waren wir endlich aus dem Windkanal verschwunden. Natzweiler war bis an den Rand gefüllt gewesen. Dachau lief über. Unzählige erhielten keine Lagerstatt und auch keine Decken. Man verteilte Schlafsäcke aus Papier, in denen man zwar hart, aber doch verhältnismäßig warm ruhte. Natürlich reichten die normalen Entlüftungsanlagen in den Baracken nicht aus, denn wo statt zweihundertfünfzig Männern annähernd tausend atmen und schwitzen, herrscht bald eine Luft von geradezu greifbarer Dicke, so daß eine Abhilfe geschaffen werden muß. Wir hängten einfach sämtliche Fenster aus.
Es war wirklich kein Vergnügen, in diesem wibbelnden und kribbelnden Ameisenhaufen leben zu müssen, tagsüber im Windkanal, nachts in den engen Räumen der Baracke. Aber ich gehörte zu jenen, die jeder Situation die beste Seite abzugewinnen suchten. Was konnte man hier Besseres anfangen, als die Leute studieren, die einen in so reichem Maße umgaben!
Da war ein Fotograf aus Bochum, den ein seltsames Schicksal quer durch die halbe Welt gejagt hatte; dort ein ösferreichischer Schauspieler, auf dessen, Mitwirkung bei den Salzburger Festspielen ich mich entsinnen konnte. Wir fanden viele gemeinsame Bekannte. Bald hockte ich mit einem rheinischen Jungen zusammen, der durch seinen unversiegbaren Humor die graue Welt dieser Tage vergoldete, bald rauchte ich gemeinsam mit einem ehemaligen SA-Führer eine Zigarette, der kurz nach der Machtübernahme das Spiel seiner Parteifreunde durchschaut und ihnen den Rücken gewendet hatte. Nun büßte er für die Ehrlichkeit seiner Einsicht im Konzentrationslager.
So kam ich, nachdem ich mich während des Aufenthaltes in Pelters von der Masse etwas emanzipiert hatte, was damals ja in der Natur der Dinge lag, nun wieder auf engsten Raum mit Leidensgefährten aus allen Schichten zusammen, mit Arbeitern, Bauern, Beamten und Künstlern. Das vielfarbige Kaleidoskop des Konzentrationslagers begann sich wieder zu drehen und es war bunter geworden. Natürlich verlief das äußere Leben in den wenigen Tagen, die wir dort zwischen Baracke und Windkanal verbrachten, genau so gleichmäßig und stupide wie in jedem anderen Lager. Frühmorgens Schlangestehen nach Kaffee, mittags Schlangestehen nach Essen, abends Schlangestehen nach Brot... Man nahm soviel Rücksicht aufeinander als möglich war, dennoch blieben bei der Beschränktheit des Raumes und der ewig drohenden Zuchtrute des Hungers Reibereien nicht aus, vor allem ging den polnischen Kameraden oft das Temperament durch. Aber ganz frei von Mißstimmung war wohl keiner von uns.
Gott sei Dank blieben diese Tage für einen großen Teil nur ein Übergang. An einem Montag wurde ein Transport von zweitausend Mann zusammengestellt, der fast ausschließlich aus ehemaligen Natzweilern bestand. Nach endlosen Zählereien und Umgruppierungen auf dem Appellplatz marschierten wir endlich nach dem einige Kilometer weiter südlich gelegenen Zweiglager Allach ab. Ich wanderte dabei durch Dörfer, deren Gesicht mir noch vertraut war, seit ich vor langen Jahren als zukunftssicherer Malersmann im Dachauer Moos, in Karlsfeld und an anderen Stätten meine Staffelei aufgebaut hatte. Welch wehmütiges Rückerinnern als ich jetzt in Zebrauniform, mit schweren Holzschuhen an den Füßen, eskortiert von ewig schimpfenden SS-Männern die wohlbekannte Landstraße dahintappte! Ich mußte mich zusammenreißen. Laß die Vergangenheit ruhen!, befahl ich mir, blick in die Zukunft! Ja, im bürgerlichen Leben ist das alles viel leichter, wenn auch wilde Stürme das grüne Bäumchen Hoffnung schütteln mögen, man ist immerhin Herr seiner Entschlüsse. Wo aber lag für uns die Zukunft?
Die Stoiker waren wieder einmal am besten daran. „Na ja, meinte Titeux, der auch mit von der Partie war, irgendetwas wird schon kommen. Schlimmer als im Fort Göben kann es auch nicht sein. Auch die Gaskammer ist nicht ärger - ein kurzer Atemzug und alles ist vorbei.” Ich antwortete nicht. Ich dachte an meine Kinder und an meine alte Mutter, die ich so viele Jahre nicht gesehen hatte. Aber ich erinnerte mich auch der schweren Tage, die ich in Sachsenhausen und Natzweiler verbringen mußte und biß die Zähne zusammen. Weit konnte das Ende nicht mehr sein. Die Amerikaner standen an der Westgrenze des Reiches, und wer über den Atlantikwall gekommen war, würde wohl auch eines Tages über den Rhein seine Brücken schlagen. Es kam nur darauf an, die letzte Stunde zu überstehen, in der Tod und Freiheit nahe beieinander sein würden. Aber wieviel Millionen standen täglich an den Grenzpfählen des Lebens, ohne sich der grauen Hoffnungslosigkeit überlassen zu dürfen!
Um die Mittagszeit marschierten wir in das Lager Allach ein und zwar zunächst in die Quarantäne, einen Komplex von fünf aus Beton erbauten Baracken, die vom übrigen Lager durch den üblichen elektrisch geladenen Stacheldrahtzun getrennt waren. Nebenan befand sich das Judenlager, über dessen Abgrenzung hinweg sich bald ein lebhafter Tauschhandel mit Tabak und Bekleidungsstücke entwickelte. Mich erinnerte die ganze Geschichte ein bißchen an das Geschäftsgebaren in den Judengassen von Lodz und anderen polnischen Städten. Verständlich war aber die Sache durchaus, denn unsere Kameraden hatten seit langer Zeit nichts mehr zu rauchen bekommen und drüben die ungarischen Juden waren in der Tat recht mangelhaft bekleidet und der Winter stand vor der Tür. Im übrigen hielten sich die gegenseitig geforderten Preise auf einem recht vernünftigen Niveau.
Jedenfalls bot sich keineswegs das Bild jener wilden Börse des Alexanderplatzes in Berlin. Aber ich bin etwas zu weit vorausgeeilt in meiner Erzählung. Bei unserem Einzug ins Lager Allach wurden wir erneut einer gründlichen Revision unterworfen und dabei fast alle um den Rest unserer Habe gebracht. Sämtliche Rasierapparate, Taschenmesser, Seife und sonstigen Toilettengegenstände wurden uns abgenommen. Von Glück konnte reden, wer ein sauberes Taschentuch am Ende der Untersuchung für sich behielt. Nun, die Alten von uns kannten den Schmerz und wussten sich auf ihre Art zu helfen. Auch mir gelang es, meine Zeichenhefte und Manuskripte dem Zugriff der Fledderer zu entziehen und oftmals habe ich in den späteren Monaten, als der Hunger einen nach dem andern von uns hinwegraffte, meinem Schicksal dafür gedankt.
Die Betonbaracken, die von außen einen so günstigen Eindruck machten, besaßen eine recht kümmerliche Einrichtung, einige Bund Stroh stellten das gesamte Inventar vor, mit dem wir uns begnügen mußten. Das hört sich leicht an, aber es ist hart, wenn niemand ein Fleckchen besitzt, an dem er seine Habseligkeiten niederlegen kann, wenn er sie vielmehr auf Schritt und Tritt bei sich herumschleppen muß. Die Verpflegung war in den ersten Tagen noch leidlich gut. Zumeist gab es Pellkartoffeln mit Kohl. Wenn nicht unsere neuen Blockältesten mit ihrem Personal so unendlich viel davon unterschlagen und verschoben hätten, wäre jeder von uns notdürftig satt geworden. Aber so wie es mit dem Mittagessen war, geschah es auch mit dem Brot, der Margarine und den an sich schon geringfügigen Wurstportionen. Als die Sache schließlich zum Himmel stank und eine plötzliche Untersuchung vorgenommen wurde, stellte man fest, daß ein einziger Blockältester seinen fünfhundert Leuten nicht weniger als siebenunddreißig Brote und zweiundzwanzig Würfel Margarine unterschlagen hatte. Selbstverständlich wurde er sofort abgelöst und erhielt eine Tracht Prügel, die ihm das Gemeine seiner Handlungsweise deutlich zum Bewußtsein brachte, aber an der Sache selbst änderte sich deshalb noch nichts, denn sein Nachfolger wandelte in seinen Fußstapfen. Die Portionen wurden kleiner und kleiner und das Mittagessen von Tag zu Tag schlechter und weniger.
Gleichwohl bedeuteten die wenigen Wochen, welche wir in der Quarantäne verbrachten, für die meisten meiner Kameraden eine Art Erholungsurlaub, denn wir brauchten nicht zu arbeiten, lagen stundenlang in der schönen Herbstsonne, gingen spazieren, plauderten und rauchten. Damit etwas Abwechslung in unser Leben kam, veranstaltete der Arbeitseinsatz des Hauptlagers so ziemlich täglich einen Appell, bei dem dann drei oder vier Stunden verflossen. Einmal wurden die Berufsgruppen sortiert, dann die Nationalitäten, einmal die Haftarten, dann die Haftdauer - also für Unterbrechung des langweiligen Dahindösens war reichlich gesorgt.
So vergingen die Tage. Aber die Nächte! Da lagen fünfhundert Menschen auf engstem Raume im Stroh zusammengepackt, daß sich der Einzelne nicht einmal im Schlaf umwenden konnte. Wen nachts ein menschliches Bedürfnis von seinem Platze trieb, der durfte sicher sein, diesen bei der Rückkehr besetzt zu finden, und es blieb dann meist nichts anderes übrig, als den Rest der Ruhezeit im Gang hockend zuzubringen, wollte man nicht mit dem ausdehnungsbedürftigen Nachbarn ein nächtliches Palaver beginnen, das einem vielleicht noch obendrein eine Tracht Prügel eingetragen hätte. Hin und wieder gab es dann Nächte, in denen die Baracke einem Tollhause glich, dann nämlich, wenn die englischen Bombengeschwader ihre Angriffe auf München und die Bayerischen Motorenwerke unternahmen. Brachten schon Tagangriffe eine heillose Verwirrung in die zusammengeballte Menge, die wegen der Splittergefahr die Baracken nicht verlassen durfte, so machten die Nachtangriffe aus einer Schar von fünfhundert Männern fünfhundert jammernde, schreiende und tobende Bestien.
Kaum zweihundert Meter von der Baracke entfernt stand eine schwere Flakbatterie, die unaufhörlich ihre eisernen Größe in den Nachthimmel schickte. Die Luft erzitterte, die Erde bebte und die Baracke schwankte. Pausenlos prasselten die Splitter der Granaten auf die Betondächer - ein ängstliches Gemüt konnte schon glauben, die Welt gehe unter. Aber das mochte noch angehen. Schlimmer wurde die Geschichte, wenn die Engländer die nächtlichen Größe der Flak erwiderten. Dann heulten in unmittelbarer Nähe unserer Unterkunft die Bomben herunter und rissen in den Kiesboden gewaltige Sprengtrichter. Jedesmal schien die Baracke einen Satz zu machen und das Echo von fünfhundert um ihr Leben bangender Häftlinge mischte sich mit dem Gesang der Splitter und der dem Leib der Erde entrissenen Kieselsteine. Die Besonnenen unter uns hatten aber bald heraus, dass trotz der scheinbaren Gefahr die Geschichte ziemlich harmlos war. Die fremden Geschwader wurden stets in der Längsrichtung des Lagers angesetzt, so dass es nach menschlichem Ermessen unmöglich war, die Baracken zu treffen.
Tatsächlich ist auch bis zum Schluß keine einzige Bombe im Lager Allach niedergegangen. So schlichen vierzehn Tage ins Land und allmählich begann sich die Langeweile im Lager auszubreiten wie eine Seuche. Und mit der Langeweile kam die Nervosität. Wir erhielten ja in der Quarantäne weder Einkauf noch Rauchwaren. Wer nun einmal, sei es beim Militär oder sonstwo, erlebt hat, was der gemacht hat, wird sich vorstellen können, wie übel die Stimmung war, die uns damals beherrschte. Gute Freunde trennten sich unter den albernsten Beschimpfungen, und sogar mein alter treuer Kamerad Propach kündigte mir für einige Zeit die Freundschaft, weil ich ein Stück Kautabak besaß und ihn dabei übergangen hatte.Lange hing die Gewitterwolke natürlich nicht an unserem Malerhimmel. Dazu hatten wir zuviel gemeinsame Erfahrung in Pelters gehabt.
Wie gesagt, es war höchste Zeit, daß wir irgendeine Arbeit bekamen, die unsere Gedanken von der Beschäftigung mit dem lieben Ich ablenkte. Einige Vernünftige hatten schon Hacken und Schippen besorgt und begannen, die moorige Wildnis, in der unsere Baracken standen, einzuebnen und Wege anzulegen. Da kam für den größten Teil die Verlegung in das Hauptlager Allach dazwischen. Die Übrigbleibenden wurden auf Außenkommando in Friedrichshafen, Rosenheim und anderen Orten verteilt.
Arbeit ist eine Gnade, für die Gefangenen noch mehr als für die Freien. Wenngleich wir nun nicht die nationalsozialistische Anschauung vom „Ethos der Arbeit” zur unsrigen machten - allein schon die Aussicht auf etwas reichlichere Verpflegung erweckte in uns den Wunsch nach Beschäftigung. Aber für die erste Zeit mussten wir unseren Arbeitseifer noch die Zügel anlegen. Wir kamen in Block 3 zu einem Blockältesten, dessen Ruhe und Gerechtigkeitsgefühl wohltuend auf unsere gereizte Stimmung einwirkte. Jakob war dick und rund und durch nichts zu erschüttern; konnte er außerdem einen anständigen Priem auf die Backe schieben, dann strahlte sein Antlitz vor Glückseligkeit. Und wenn nun wirklich der Betrieb in der Baracke einmal gar zu toll war, dann ordnete Jakob Großreinemachen an. Er wußte genau, wie Beruhigend die Beschäftigung mit Besen und Wassereimer auf die Gemüter wirkt.
Wieder verstrich so eine Reihe von Tagen, die wir mit leichten Stubendienst und mit Besuchen auf anderen Blocks ausfüllten. Da fanden wir denn manch alten Bekannten von Natzweiler und Sachsenhausen, es gab ein freudiges Begrüßen und das Wiedersehen wurde zumeist bei einer Zigarette gefeiert. Aber es gab auch ein wehmütiges Erinnern an alle die Kameraden, die im Laufe der Jahre von uns gegangen waren. Ihre Zahl war endlos. Wie viele Mütter, wie manche Braut, wie manche Frau würde mit ihren Kindern vergeblich warten! Nicht alle waren ermordet, erschlagen und vergiftet worden - viele hätten am Leben bleiben können, wenn ihr innerer Mensch stärker gewesen wäre und den Nöten und Anfechtungen des Lagerlebens einen härteren Widerstand entgegengesetzt hätte.
Eines Abends wurde ich zum Arbeitseinsatz befohlen. Natürlich war ich in den vergangenen Tagen nicht untätig gewesen, hatte vom Jakob und anderen alten Freunden Porträts gezeichnet und so etwas spricht sich in einem Lager, wo es an sich an Gesprächsstoffen mangelt, sehr schnell herum. Ich nahm deshalb an, ich würde nun einen ähnlichen Posten bekommen wie in Natzweiler. Doch diesmal hatte ich mich geirrt. Ich wurde zusammen mit einem an Jahren älteren Häftling einem Arbeitskommando in den Bayerischen Motorenwerken zugewiesen. Nun, ich war dennoch zufrieden, denn es ist immer ein großes Glück, wenn man für den größten Teil des Tages aus dem Lager verschwinden kann, wo man doch nur den ewigen Schikanen der SS-Blockführer ausgesetzt ist und sich, ehe man sich dessen versieht, eine Lagerstrafe zuzieht.
Anderntags trat ich dann bei einem wohl zweitausend Köpfe zählenden Kommando an. Vom Lager bis zur BMW. war ein Stacheldrahtschlauch gebaut, durch den wir zu unserer Arbeitsstätte getrieben wurden wie Schafe in den Pferch. Schon damals, als ich meine Arbeit in diesem Rüstungswerk begann, lagen zahlreiche Werkhallen in Schutt und Asche, dennoch lief der Betrieb weiter. Die Glasfenster der Shetdächer waren längst herausgerissen, man hatte sie durch Schalbretter ersetzt, die natürlich kein Licht durchließen und eine künstliche Beleuchtung der Werkshallen auch tagsüber notwendig machten. Da wir nun schon sehr früh zum Appell antraten und vor dem Morgengrauen zur Arbeitsstätte geführt wurden, unser Tagewerk aber erst endete, wenn die liebe Sonne schon seit Stunden versunken war, geschah es, daß wir bei Tagschicht das Gestirn wochenlang nicht erblickten. Unseren Arbeitsplatz durften wir ja - keinesfalls verlassen. Oft aber war meine Sehnsucht nach einem Sonnenstrahl so groß, daß ich dem Kommandoführer vortäuschte, ich litte unter Magenkrämpfen, die es mir unmöglich machten, zu arbeiten. Dann wurde ich von einem Posten zum Werksanitäter geführt, der sein Domizil in einer anderen Halle hatte. Auf diese Weise kam ich also einmal ans Tageslicht. Nicht viel, anders war es natürlich bei Nachtschicht. Dann mußten wir am Tage schlafen und erst gegen Abend erhaschten wir noch einen Strahl der untergehenden Sonne. Immerhin war mir die' Nachtschicht lieber, weil ich mir dann doch ein paar Stunden Schlaf abstehlen und ab und zu ein Porträt zeichnen konnte, für das ich ein Stück Brot, ein bißchen Wurst oder eine Handvoll Kartoffeln kassierte. Dabei blieb ich keineswegs eine Einzelerscheinung, denn jeder, der am Leben bleiben wollte, mußte sich eine Zulage verdienen, sonst hätte ihn der Hunger bald in die Knie gezwungen. Es wurde daher mit allen möglichen Dingen gehandelt. Der Eine stellte Zigarettenspitzen her, die oft so kunstvoll gearbeitet waren, daß man sie draußen nur zurecht hohen Preisen hätte erstehen können. Ein Anderer wieder fertigte Zigarettenetuis oder Tabakschachteln, ein Dritter Ringe. Zeigten nun unsere russischen Kameraden für diese Metallarbeiten besonderes Geschick, so waren es auf einem anderen Gebiet die polnischen Häftlinge die wahre Wunderwerke zustande brachten. Die BMW hatten vor dem Kriege Automobile gebaut und es befand sich, dort noch immer ein reiches Lager an Gummiplatten, Haarfilzen und Autofeder. Auf irgendeine Art und Weise brachten sich nun unsere Polen in den Besitz dieser Dinge und fertigten daraus prächtige Hausschuhe, die das helle Entzücken der im Werk beschäftigten Zivilisten hervorriefen, denn dergleichen gab es in dem nach sechs Kriegsjahren arm gewordenen Deutschland nicht mehr zu kaufen. Und so verwandelten sich denn die Hausschuhe alsbald in Brot, Selchfleisch, Kartoffeln und Tabak. Natürlich darf man daraus nicht etwa schließen, daß es uns allen gut ging. Der Kreis der handwerklich Begabten war immer- klein und die Selbstlosigkeit, welche die Voraussetzung für ein kameradschaftliches Teilen bildet, ist nun einmal dünn gesät. Die große Mehrzahl hungerte nach wie vor.
In den BMW wurden während des Krieges fast ausschließlich Flugzeugmotoren hergestellt und zwar vom Rohstück an. Alle Arbeitsvorgänge waren so weit als irgendmöglich mechanisiert, so daß die Beschäftigung eigentlich nicht besonders schwer war. Die Gefahr lag für uns Häftlinge auf einem anderen Gebiet, und ich werde darauf noch zu sprechen kommen.
Ich selbst arbeitete in der Abteilung Zylinderbüchsen. Da standen einige vollautomatische Drehbänke, die aus den stählernen Rohlingen in unglaublich kurzer Zeit die vorgeformten Rohbuchsen machten. Von dort kamen sie über ein Förderband zu mir und ich - beschickte mit ihnen den gähnenden Rachen eines elektrisch geheizten Drehrohrofens, wo sie auf 900 º - erhitzt wurden, um anschließend in einem Ölbad zu versinken. Der weitere Herstellungsgang ist uninteressant und den Ofen erwähne ich auch nur deshalb, weil seine Existenz mehrere meiner Kameraden das Leben kostete. Die Zylinder ruhten im Ofen auf kippbaren Böcken und wurden durch eine ebenfalls elektrische Steuermaschine im Laufe von achtundvierzig Minuten durch die Glut transportiert. Nun geschah es hin und wieder, daß ein Zylinder während des Umlaufs vom Bock fiel, sich dann irgendwo fest vielleicht sogar noch die Heizspiralen herausriß sind dann machte sich eine teure Reparatur notwendig. Noch schlimmer war aber, daß der Ofen dann für einige Tage ausfiel und, wenn kein Vorrat an Zylinderbuchsen vorhanden war, die nachgeordnete Produktion ins Stocken geriet.
So wenig nun auch ein Häftling an solchem Unfall zu ändern vermochte, so teuer mußte er dafür bezahlen. Zweien meiner Vorgänger am Ofen war das Unglück mit den Zylindern passiert. Zunächst hatten sie wohl infolge ihrer technischen Unkenntnis den Fehler nicht bemerkt und dann, als sie ihn erkannten, vielleicht nicht den Mut besessen, sofort eine Meldung zu machen. Der Meister, dem die Abteilung unterstand, erstattete daraufhin eine Anzeige wegen Sabotage und beide wurden in unserem Lager öffentlich gehängt, nachdem schon früher, wie ich bei dieser Gelegenheit erfuhr, einen französischen Kameraden das gleiche Schicksal ereilt hatte.
Natürlich war mir mein eigener Kopf mehr wert als die Produktionsziffer des Meisters, und ich beschloß, auf der Hut zu sein. Es lag durchaus nicht in meiner Macht, Fehlschläge dieser Art am Ofen zu verhindern. Ich konnte also leicht dasselbe Los ziehen. Nun liefen alle Meldungen aber den Kommandoführer, einen Sudetenländer, dessen Einstellung uns zur Genüge bekannt war. Er schlug, wo er schlagen konnte. Dennoch brachte ich ihn recht schnell auf meine Seite, indem ich ihn gegen Dell ausspielte und ihn einmal fragte, ob er sich etwa von einem Zivilisten das Szepter aus der Hand nehmen lassen wolle. Damit hatte ich seinen Stolz geweckt und fortan stand er zu mir. In den ersten Wochen ging alles glatt, aber dann passierte mir dasselbe, was meinem toten russischen Kameraden geschehen war. Ich ging sofort zum Kommandoführer und sagte ihm, daß an der Maschine wieder ein Schaden eingetreten sei und ich nicht weiterarbeiten könne und wolle, bevor hier nicht gründlicher Wandel geschaffen wäre. Erst dann erstattete ich beim Abteilungsmeister Anzeige. Dell kam und befahl, die Arbeit fortzusetzen. Ich weigerte mich und erklärte ihm, daß ich meinen Kopf nicht aufs Spiel setzen würde. Dell tobte, redete von Arbeitsverweigerung und anderen schönen Dingen, aber ich ließ mich nicht beirren. Da der Kommandoführer keine Meldung gegen mich annahm, war Dell machtlos. Der Ofen wurde stillgelegt und ich hatte ein paar ruhige Tage. Selbstverständlich war von Stund an mein Verhältnis zu Dell recht gespannt, wußte er doch, daß ich auch als Häftling keinesfalls gesonnen war, von ihm oder anderen ein Spiel treiben zu lassen, dessen Einsatz mein Leben war.
Nach außen hin schien es, als wenn sich unsere Beziehungen im Laufe der Monate besserten, aber unter der Decke ging der Kampf weiter, und als ich einmal während der Nachtschicht einen Kabelbrand hatte, drohte er mir wieder mit einer Sabotagemeldung, die mir, weil ein Häftling niemals zu seiner Verteidigung gehört wurde, ohne weiteres den Galgen beschert hätte, obgleich ich absolut unschuldig an dem Zwischenfall war. Da riß mir endgültig der Geduldsfaden. Ich sagte ihm klipp und klar in Gegenwart des Kommandoführers, daß er an der Ermordung von drei Kameraden schuld sei und daß er dafür, wenn die Geschichte einmal schief gehe, entsprechend zur Rechenschaft gezogen werden würde. Damit wagte ich viel, aber so oder so: ein Leben konnte ich nur verlieren. Doch ich hatte richtig kalkuliert. Mein Freund murmelte noch etwas von Frechheiten, die er sich von einem Häftling bieten lassen müsse, aber er zog ab. Eine Meldung wagte er nicht zu machen und ich hatte fort an Ruhe.
Es liegt auf der Hand, daß sich beinahe alle deutschen Häftlinge auf ähnliche Art der Übergriffe ihrer Abteilungsmeister erwehrten, waren wir doch durch die zahllosen im Werk tätigen ausländischen Zivilarbeiter über den wahren Stand der Dinge genügend unterrichtet und ließen uns durch die Lügenmeldungen des Rundfunks und der Nazipresse nicht mehr beirren. Nicht ganz so gut waren unsere polnischen, russischen, griechischen, französischen, belgischen und holländischen Kameraden daran. Sie konnten sich kaum mit ihren Meistern verständigen und schon ganz und gar nicht verteidigen. Der Tag war lang und die Verpflegung schlecht genug für die verlangte Arbeitsleistung. Da mehrten sich denn die Fälle, wo die Leute an den Maschinen vor Hunger zusammenklappten. Sprang nun nicht gleich ein Kamerad hilfreich ein, und brachte die Maschine zum Stillstand, so konnte es geschehen, daß das Werkstück verdorben wurde und der Häftling dann prompt von einem mißgünstig gesinnten Meister eine Sabotagemeldung erhielt - der letzte Akt der Tragödie spielte sich dann am Galgen ab. Und mit den nichtdeutschen Kameraden machte man schon gar kein
Federlesen.Freilich waren nicht alle Meister der BMW. Menschenschinder. Manch einer war darunter, der mit dem Herzen auf unserer Seite stand, wenn er sich auch nach außen hin nichts merken lassen durfte. Wie oft. mußte ein Augenzwinkern genügen, unser gegenseitiges Einverständnis zu bestätigen. Und rnanche Zigarette, manches Stück Brot reichte uns im Geheimen eine wohlmeinende Hand.
Dann und wann erhielten wir ja aus der Kantine Zigaretten geliefert, mit denen im Werk ein schwunghafter Handel getrieben wurde, wobei der Auftraggeber der knurrende Magen war. Vor allem die französischen Zivilarbeiter rechneten zu unserer Stammkundschaft. Sie rauchten fast alle gern und stark und bekamen nur wenig zugeteilt. Aber sie konnten noch immer in ihrer Kantine Brot kaufen und vor allen Dingen hatten sie Kartoffeln. Natürlich war der Handelsverkehr mit ihnen streng verboten, wer sich vom Kommandoführer oder dessen Stellvertreter, einem recht grünen Jungen aus dem Banat, erwischen ließ, war nicht nur die eingehandelte Ware los, sondern bezog außerdem eine gewaltige Tracht Prügel und bekam auch noch eine Strafmeldung. Fünfundzwanzig Stockhiebe auf dem Bock oder drei Tage Stehbunker waren ihm dann sicher. Neid und Mißgunst machen nun in aller Welt den Charakterlosen zum Verräter. So geschah es oft, daß Kommandoführer durch Verrat solch einem gehei-men Handel auf die Spur kamen und die versteckte Ware aufstöberten. Aber zur Ehre der Entdeckten muß ich feststellen, daß mir kein Fall bekannt geworden ist, bei dem der Betroffene jemals seinen Lieferanten preisgegeben hätte. Lieber nahm er die Strafe in Kauf. Vom eben erwähnten Stehbunker möchte ich noch etwas erzählen, denn diese Methode der Häftlingsquälerei gehört mit zu den grausamsten Gliedern in der Kette der Verbrechen, deren sich die SS schuldig gemacht hat. Noch bis in die letzten Tage hat der Lagerführer Jarolin Stehbunker bauen lassen. Man stelle sich einen Betonkasten von fünfundfünfzig mal fünfundfünfzig Zentimeter im Geviert vor und nicht ganz so hoch, daß ein Erwachsener aufgerichtet darin stehen kann, an der Tür einen Briefkastenschlitz, der als Luftzu- und ableitung ausreichen soll. Der Unglückselige, der mit dieser Marterkammer Bekanntschaft machte, hatte nun das Vergnügen, gesenkten Hauptes tagelang in dem Kasten stehen zu dürfen, konnte sich niemals setzen und nicht drehen und wenden. Da sich außerdem kein Mensch um ihn kümmerte, bevor nicht die Straffrist abgelaufen war und er folglich keine Bedürftiisse verrichten konnte und seine Kleidung beschmutzen mußte, kann man sich wohl ein Bild von der Qual machen, welche der Bestrafte auszustehen hatte. Kam er dann endlich- noch lebend aus dem Miniaturgefängnis, dann war oft das Fleisch am Gesäß und den Schenkeln von Kot und Urin angefressen - im Revier konnte man ihm aber auch nicht helfen, denn in den letzten Monaten gb es kaum noch Salben, Verbandsstoffe oder Medikamente. Als ich meinem Arbeitskommando zugeteilt wurde, zog ich gleichzeitig von Block 3 nach Block 8 um. Der Blockälteste, ein gebürtiger Straßburger und früherer Rotspanienkämpfer war ein alter Bekannter von Natzweiler her. Die Mehrzahl kannte ihn nur als schweigsam und kurz angebunden, aber er hatte Qualitäten, die nicht hoch genug einzuschätzen waren.
Vor allen Dingen blieb er stets streng korrekt und es gab auf Block 8 niemanden, der sich über eine Ungerechtigkeit bei der Verpflegsausgabe hätte beschweren können. Daß er darüber hinaus ein Menschenverächter war, der sich am glücklichsten fühlte, wenn alles im Bett lag und er allein in seiner Stube saß, dürfte eine Folge des Lagerlebens gewesen sein. Es ist nun einmal nicht jedermanns Sache, jahrelang unter tausenden von Menschen zu leben, deren ungleiche Bildungs- und Herkunftsstufe zu Reibereien Anlaß gibt, die in ihrem Ablauf die verschiedenen Charaktere deutlich zutage treten lassen. Mancher Menschenfreund ist da langsam und gegen seinen Willen zum Menschenfeind und inmitten einer großen Schar von Kameraden ständig einsamer geworden. Als ich Rolf Scherer nun hier als Blockaltesten erneut begegnete, erkannte ich wohl, daß auch mit ihm seit den Tagen von Natzweiler eine Wandlung vorgegangen war, aber ich kam gut mit ihm aus. Er vertraute mir die Stube der Reichsdeutschen als Stubenältester an. So war es möglich, daß ich meinen Kameraden manche Erleichterung verschaffen konnte, die ihre Lage doch erheblich zum Guten veränderte. Vor allem gelang es uns, Holz und Kohlen zu organisieren, und das wäre ohne Zu-Stimmung des Blockältesten niemals möglich gewesen. Von ein paar Stückchen Holz oder einer Schaufel Kohle konnte aber das Leben manches Kameraden abhängen. Das klingt seltsam, doch war es in der Tat so: wir bekamen nur in sehr großen Abständen unsere Wäsche getauscht und stets war sie voller Läuse. Da blieb uns denn nichts anderes übrig, als das strenge Heizverbot. zu durchbrechen und die frisch erhaltene Wäsche erst einmal auszukochen. So ergab sich jedesmal eine recht grotesk anmutende Situation.
Der Blockälteste war einerseits dafür verantwortlich, daß nicht geheizt wurde und andererseits ebenso haftbar dafür, daß durch Läuse keine Krankheiten übertragen wurden. Überall hingen ja die Schilder „Eine Laus kann Dein Tod sein!” Wir befanden uns fast immer in einer Zwickmühle. Aber auch zu anderen Zwecken mußten wir heizen. Ich erwähnte weiter oben schon, daß wir unsere Tabak oder Zigarettenzuteilung im Werk bei den Zivilarbeitern und kriegsgefangenen Franzosen gegen Brot und Kartoffeln eintauschten. Diese Kartoffeln wurden nun auf die raffinierteste Art und Weise ins Lager gebracht, heimlich auf den Stuben gekocht und schmunzelnd verzehrt. Solch ein Kartoffelessen bedeutete dann immer einen Festtag, denn unsere Verpflegung war inzwischen immer schlechter geworden und bestand beinahe nur noch aus warmem Wasser, in dem ein paar Rübenschnitzel oder ein Kohlstrunk schwamm und einer armseligen Scheibe Brot. Gelang es nun einem von uns, noch ein Stückchen Margarine aufzutreiben oder etwa eine Scheibe Speck, dann wurden Bratkartoffeln gemacht und ein Festtag allerersten Ranges war angebrochen.
Das zu diesem Zweck notwendige Heizmaterial gehörte zu unseren Sorgen. An sich war es erlaubt, aus dem Werk Abfallholz mitzunehmen, aber unser Kommandoführer duldete es trotzdem nicht und ließ uns das Holz am Lagertor wieder abnehmen. Es landete dann in den SS-Baracken. Das war natürlich nicht der Zweck der Übung. Es blieb also nichts anderes übrig, als daß sich jeder ein Stück Holz in den Hosenbund steckte und es durch die täglichen Kontrollen schmuggelte. Trotzdem reichte das Brennmaterial nicht hin und her, und wir waren gezwungen, noch an anderen Stellen zu organisieren. Da wurden alle nicht unbedingt notwendigen Holzteile der Barackenkonstruktion nach und nach abmontiert und aus den Luftschutzbunkern die Holzpfähle bei Nacht und Nebel gestohlen, schnellstens zersägt und verstaut. Wehe uns, wenn die SS einmal dahinter gekommen wäre. Ich muß aber auch hier wieder betonen, daß diese gelegentlichen Zubußen an Eßbarem immer nur einen kleinen Kreis erfaßten und daß das Gros wütenden Hunger litt. Selbstverständlich versuchten wir, vielen Kameraden das bittere Los zu erleichtern, aber das war nicht immer leicht Überdies gab es stets Egoisten, die gar nicht daran dachten, mit einemanderen zu teilen. Im großen und ganzen konnte ich mich, jedoch über meine Stube nicht beschweren. Das gemeinsame Schicksal schmiedete uns zusammen und wenn es auch hin und wieder zu einer lautstarken und wortreichen Auseinandersetzung kam, dann erblickte ich darin nur ein reinigenden Gewitter, das die Atmosphäre von aufgespeicherten Spannungen wohltuend reinigte. Und Spannungen wird es immer da geben, wo Menschen unter äußerem Druck, obendrein mit eigenen Sorgen schwer beladen, auf engsten Raum zusammenleben müssen. Ich nahm dergleichen Zwischenfälle nie tragisch und erledigte sie zumeist durch einen Witz.
Am besten bewährte sich die Kameradschaft, wenn die SS-Blockführer pLötzlich im Lager erschienen und auf der Suche nach verbotenen Dingen die Baracken auf den Kopf stellten. Dann wurden sie schon in der Stube des Blockältesten solange aufgehalten, bis in den anderen Räumen die corpora delicti so verstaut waren, daß nichts mehr gefunden werden konnte. Bratpfannen, Messer, elektrische Kocher, Lampen, illegale Briefe verschwanden mit einer Schnelligkeit, die an Zauberei grenzte. Das schützte uns zwar nicht davor, daß alle Betten auseinandergerissen, der Inhalt der Spinde in die Stube gestreut und auch sonst jede nur mögliche Unordnung angerichtet wurde, aber in die Hände fiel den mit Intelligenz sowieso nicht allzureich begabten Blockführern nur sehr selten etwas.
Einmal allerdings fiel ich selber auf. Ich war im Besitz einer Reihe von Fotografien, deren Eigentümer Zivilarbeiter im Werk waren und nach denen ich Porträts zeichnen sollte. Bisher hatte man mein Zeichenmaterial eigentlich unberührt gelassen und ich war infolgedessen ein wenig leichtsinnig geworden und hatte die Fotos nicht besonders verborgen. So gerieten sie, als der Blockführer einmal das Zeichenmaterial revidierte, in die Hände der SS. Die Sache wurde dem anwesenden Rapporiführer gemeldet und er verlangte nun von mir die Preisgabe der Namen der Auftraggeber, die dann wegen verbotenen Verkehrs mit Häftlingen schwer bestraft worden wären und unter Umständen die Zebrauniform hätten anziehen müssen.
Natürlich weigerte ich mich, ihre Namen zu nennen, ich selbst kam so oder so um eine Bestrafung nicht herum. "Herr Rapportführer", sagte ich gelassen, ich will gar nicht bestreiten, daß ich die Bilder von einigen Zivilisten bekommen habe. Aber Sie sollten mir nun nicht zumuten, daß ich die Leute verrate, ein Deutscher ist kein Verräter. Bestrafen Sie mich, wenn Sie es für notwendig halten, erfahren werden Sie auf keinen Fall etwas." Weshalb machen Sie die Bilder?" forschte der Rapportführer. Sie wissen doch, daß es verboten ist!" Weil ich Hunger habe. Sie wissen selbst, wieviel Häftlinge hier täglich an Hunger zugrunde gehen. Ich will aber noch leben, denn ich habe vier Kinder zu Hause." Er blickte mir eine Weile stumm in die Augen, dann reichte er mir die Fotos zurück. Lassen Sie die Dinger verschwinden!"
Meine Frechheit hatte gesiegt. Vielleicht hatte ihm auch die unbedingte Offenheit der Antwort imponiert. Er war überhaupt nicht der Schlechteste, man mußte ihn nur richtig zu nehmen wissen. Als ich später, gegen Ostern, der Überzeugung war, daß das Ende unmittelbar bevorstehe, ließ ich mir den Kopf nicht mehr scheren. Er stellte mich zur Rede. Ich sagte ihm klipp und klar, daß ich an die baldige Befreiung glaube und nicht mit einem kahlgeschorenen Schädel in die Freiheit hinausgehen wolle. Sie sind verrückt!" meinte er zwar und schickte mich in die Friseurstube. Ich ging auch hin, palaverte mit dem Friseurkapo eine Viertelstunde und die keimenden Haarsprossen blieben auf dem Kopf.
Das letzte Weihnachtsfest kam heran. Mochten auch alle anderen Tage des Jahres im Kampf um die Erhaltung des eigenen Lebens dahingehen und das ewige Auf derhutseinmüssen oft die Gedanken an Verwandte und Freunde draußen in der Freiheit überdecken. Am Weihnachtstage wanderten doch aller Unglücklichen Herzen in die Heimat und horchten auf ein Echo. Kein Weihnachtsfest stand je so unter den Sternen der Hoffnung, wie das des Jahres 1944. Das Ende des Krieges lag fast greifbar nahe und damit auch - wurden wir nicht noch vorher Opfer eines Massenmordes - unsere Befreiung. Ich wußte aus Erfahrung, nun aus daß Weihnachtstage gleichzeitig Krisentage waren, an dienen die Kurve der Selbstmorde unheimlich in die Höhe schnellte, und beschloß daher, das Fest für meine Kameraden so zu gestalten, daß alle den Geist einer brüderlichen Liebe und den Hauch der Heimat verspürten. Die schmerzlichen Erinnerungen konnte ich freilich nicht bannen. Wenige Tage vor dem Fest wurde ein englisches Kampfflugzeug zum unfreiwilligen Weihnachtsmann, indem es einen ganzen Ballen feingeschnittenerstaniolstreifen direkt auf die Lagerstraße fallen ließ.
Ich hatte Lametta. Nun hieß es noch den Christbaum zu beschaffen. Selbstverständlich war es nicht möglich, auf gewöhnliche Art eine Tanne vom Gelände der BMW. ins Lager zu transportieren. Wir durchschnitten also das Bäumchen an den Astquiren und banden uns die einzelnen Teile unter dem Mantel um den Leib. Im Lager setzten wir es dann mit HLfe von Metallmanschetten wieder zusammen. Einer unserer Kameraden, der als Elektriker im Werk beschäftigt war, besorgte kleine Glühlämpchen und ich selber tat im bescheidensten Maße das Meinige dazu, indem ich aus Draht und weißem Zeichenpapier Kerzen und Sterne herstellte: unser Tannenbaum war fertig.
Wir hatten uns einen Vorrat an Brennmaterial geschaffen, so daß wir wenigstens die Feiertage über in einer warmen Stube sitzen konnten. Auch der Wettergott hatte sich besonnen und ließ nach stürmischen und regnerischen Tagen die Erde frieren und den Schnee herabrieseln. Leider fehlten uns die anderen üblichen Attribute eines Weihnachtsfestes, gutes Essen und schöne Musik, dennoch war die Stimmung nicht übel und als ich merkte, daß eine Trübung eintreten wollte, als die Unterhaltung einzuschlafen drohte und einer nach dem andern mit seinen Gedanken in die Heimat wanderte, als ich hier und da eine verstohlene Träne im Auge blitzen sah, hielt ich meinen Kameraden eine kurze Weihnachtsansprache, in der ich ihnen klarmachte, daß wir allen Grund hätten, froh und hoffnungsvoll zu sein, denn die Zeit unserer Qual und Schmach neige sich dem Ende zu. Die Mehrzahl ging mit. Einer aber, von dem ich es am wenigsten erwartet habe, schlich sich hinaus und kam nicht wieder.
Er hatte seinem Leben ein Ziel gesetzt. Es war der Letzte, der der Hoffnungslosigkeit unserer Lage durch den Freitod entfloh. Immer öfter folgten die Arbeitspausen aufeinander, welche die BMW. wegen Bombenschadens und Materialmangels einlegen mußte. Wir saßen manchmal eine ganze Woche lang ohne Beschäftigung in den Baracken und spürten den Hunger mehr denn je, weil uns einmal der Mangel an Ablenkung genügend Zeit ließ, an die Magenfrage zu denken, daüber hinaus aber auch die Möglichkeiten immer geringer wurden, im Werk etwas Eßbares zu organisieren. Die Unzufriedenheit wuchs, die gereizte Stimmung stieg oft ins Untragbare. Da mußte unter allen Umständen Abhilfe geschaffen werden und wir erblickten den besten Weg darin, daß wir die Kameraden durch irgendeine Beschäftigung von ihren trüben Gedanken ablenkten. Natürlich könnte ihnen allen keine schwerere körperliche Arbeit mehr zugemutet werden, denn sie waren schon allzusehr Schemen des Hungers, denen jede Bewegung schwer fiel. Aber wir hielten täglich Lausappelle ab, kochten Wäsche, desinfizierten die Baracke, gingen auf Wanzenjagd und was weiter so harmlose Vergnügen sind, die keine Körperanstrengung erfordern.
Und mancher, dem die Zeit gar zu lang wurde und dessen Magen infolge irgendwelcher guten Beziehungen noch nicht in den allgemeinen Schrumpfungsprozeß hineingeraten war, kam auf dumme Gedanken und fuhr ins Hauptlager nach Dachau - ins Bordell. Ja, es war merkwürdig, aber es war wirklich so: die SS fungierte als Zuhälter. Man hatte in Dachau - wie auch in anderen großen Lagern - ein Häftlingsbordell eingerichtet, in dem weibliche Gefangene aus dem Konzentrationslager Ravensbrück unter mehr oder minder großem Zwang zu Dienerinnen der gesetzlich sanktionierten Unzucht erniedrigt wurden. Nach außen hin bekam natürlich auch diese unmoralische Angelegenheit ihren moralischen Anstrich, indem man vorgab, durch die Einrichtung des Bordells der sich ständig weiter ausbreitenden Seuche der Homosexualität zu begegnen. Aber man steuerte damit doch nur am Kern des Problems vorbei, denn nie habe ich einen Homosexuellen nach Dachau fahren sehen
Die Geschichte dieser unglücklichen Frauen und Madchen, die so für ihr Leben verdorben wurden, gehört nicht hierher. Sie bildet ein interessantes Kapitel der Sittenforschung. Durch das Versprechen gelockt, nach drei Monaten entlassen zu werden und damit dem Hunger und dem Tode zu entrinnen, hat sich die Mehrzahl dazu hergegeben. Aber nicht eine einzige wurde entlassen. Hatte sie ausgedient, war der Körper ausgemergelt und zerstört, dann überlieferte man die Unglückliche der Giftspritze und dem Krematorium.
Nach dem Weihnachtsfest brach für einen Teil der Lagerinsassen eine bessere Zeit an. Die französischen, belgischen, holländischen und polnischen Kameraden erhielten aus ihrem Vaterlande durch Vermittlung des Internationalen Roten Kreuzes Pakete mit Lebensmitteln und Kleidungsstücken. Selbstverständlich konnten diese Leute, die viel seltener als deutsche Häftlinge die Möglichkeit hatten, sich etwas Genießbares zu verschaffen, nun nicht den gesamten Inhalt verteilen, die Zahl der hungrigen Anwärter wäre sowieso zu groß gewesen. Aber zu ihrer Ehre muß gesagt, werden, daß sie viel an uns taten. Mancher Kamerad, der schon auf dem Aussterbeetat stand, hat es ihrer Unterstützung zu verdanken, wenn er wieder etwas auf die Beine kam und so das Ende des Konzentrationslagers erlebte.
Der Vorteil bei diesen Paketsendungen lag vor allem darin, daß sie auf der Poststelle nicht geöffnet werden durften und so der gesamte Inhalt in die Hände der Empfänger kam, während alle anderen Pakete von der SS aufgerissen und zum Teil ausgeplündert wurden. ich weiß zahllose Fälle von Natzweiler und Dachau-Allach, wo die Häftlinge von ihren 5 Kilo schweren Paketen kaum ein Kilo erhielten. Und davon war oft vieles ungenießbar geworden, weil die SS-Männer nicht davor urückschreckten, das mitgesandte Salz in die Marmelade zu streuen und den Tabak mit den zerschnittenen Küchenresten zu vermengen. Vieler meiner Kameraden haben ihre Angehörigen gebeten, keine weiteren Pakete zu senden, denn der Zorn über die Gemeinheit der SS war größer als die Freude an den Dingen, die sich sorgende Herzen doch am Munde abgespart hatten. Dazu kam noch, daß manches Paket infolge der Luftangriffe und der damit zusammenhängenden Bahnsperren seinen Empfänger nie erreichte.
Die große Masse blieb also von diesen kleinen Freuden, die ein Stückchen Kuchen, eine Ölsardine oder ein Würfelchen gepreßter Fruchtextrakt erzeugt, wie immer ausgeschlossen. Vor allem unsere russischen Kameraden, um die sich kein Internationales Rotes Kreuz kümmerte, fielen von Tag zu Tag mehr zusammen. Der allgemeine Gesundheitszustand war schon so schlecht, daß man sich von obenherab gezwungen sah, ärztliche Untersuchungen vorzunehmen und die absolut nicht mehr Arbeitsfähigen auszusortieren. Sie sollten ins Hauptlager nach Dachau auf sogenannte Invalidenblocks gebracht werden - ich bin aber fest davon überzeugt, daß ein großer Teil von ihnen über die Gaskammer ins Krematorium gewandert ist. Jedenfalls habe ich bei unserem Auszug am 2. April keinen von ihnen wiedergesehen, obwohl man doch rücksichtslos alles auf die Straße getrieben hatte, und niemand konnte mir über ihren Verbleib eine Auskunft geben. Die Sterblichkeitskurve im Lager stieg steil an.
Jeden Tag lag eine lange Reihe entkleideter Toter am Revier und wartete auf die Lastwagen, die sie zur Einäscherung nach Dachau bringen sollten. Und ungestört von der nahe dabei stehenden Flak umflogen in kaum fünfzig Meter Höhe am hellen lichten Tage die amerikanischen Tiefflieger das Lager, nahmen die ständig wachsenden Totenreihen in Augenschein und haben sie wohl auch fotografiert. Der Hungertod ging durch das Lager und holte sich Opfer um Opfer und wir waren zu machtlos, ihm seine Beute abjagen zu können.
Es ging zu Ende ...
Welch ein Hohn geradezu, als im März der Block 18 plötzlich geräumt wurde und eines Tages Kinovorstellungen stattfanden. Wir blickten uns zunächst ungläubig an, obwohl wir wußten, daß in größeren Lagern seit langem regeimäßig Kinovorstellungen gegeben wurden. Aber jetzt? Nun, wir nahmen die Sache so wie sie war: vor dem Draht bekam man es auf einmal mit der Angst zu tun und suchte nun die immer grimmiger werdende Stimmung der Häftlinge aufzupulvern. Wir gingen also ins Kino. Die Filme, die man uns zeigte, waren nicht schlecht, boten eine Unterhaltung und vor allem einen Gesprächsstoff. Und nichts war im Augenblick not Ablenkung von den Gedanken an das uns drohende Schicksal des Hungertodes. Aus dem gleichen Grunde organisierten wir auch Konzerte einer bald zusammengestellten Lagerkapelle, die zwar keinen Anspruch auf künstlerisches Niveau erheben konnten, aber doch mithalfen, den Lebenswillen aufrecht zu halten.
Höher und höher stieg die Sonne über den Horizont. Schon war es möglich, ihre steigende Wärme zu einem Sonnenbade auszureizen und dabei das Hemd einer genauen Durchsicht auf Kleinsttiere zu unterziehen. Der Schnee schmolz weg und das junge Gras sproß grün und saftig auf den Rabatten. Und dann bot sich eines Tages ein Anblick, so lächerlich und doch so grauenvoll, daß manchem von uns das Herz stehen blieb: auf dem jungen Rasen lagen unsere halbverhungerten russischen Kameraden und aßen den frischen Löwenzahn, die Schafgarbe und wenn sie sich ganz unbeobachtet fühlten das Gras! Soweit waren wir also. Es war schwer, mit Vernunftgründen dagegen anzugehen, wir begegneten nur vorwurfsvollen Blicken, als wollten sie sagen: gönnt auch ihr uns nun das bißchen Gras nicht mehr? Und wieder zeigten wir ihnen einen Weg aus dem Dilemma, indem wir selbst Löwenzahn und Schafgarbe pflückten und daraus Spinat kochten. So konnten doch wenigstens keine Krankheiten entstehen und nicht viel Schäden angerichtet werden. Bei manchen fiel diese Anregung auf fruchtbaren Boden, speziell der Russe ist ja sehr Nachahmungsbedürftig. Aber eine große Zahl blieb auch übrig, die der ewig knurrende Magen dazu verleitete, bei der Rohkost zu bleiben. Doch der ewig quälende Hunger zeitigte leider noch andere Erscheinungen, die gefährlich und ganz entschieden auch verdammenswert waren, wenngleich ihr Urgrund schon verständlich blieb. Dazu gehörten vor allem die abendlichen Überfälle auf die Kameraden, welche eben glückliche Besitzer eines Postpaketes geworden waren und zum Schluß höchstens noch einen leeren Karton in der Hand hielten. Die Sache war regelrecht organisiert, es hatten sich Banden gebildet, die einen Überfall so geschickt in die Wege leiteten, daß es nur sehr selten gelang, die Übeltäter zu stellen und zur Rechenschaft zu ziehen. Ebenso verwerflich waren die gleichfalls organisierten Überfäüe auf die Lastwagen, welche das Brot aus Dachau brachten. Wir bekamen ja an sich nur ganz wenig zugeteilt - 8 bis 10 Mann ein Brot von 1.200 Gramm - und das geraubte Gut mußte die Brotstelle der Allgemeinheit wieder abziehen, weil für sie gar keine andere Möglichkeit bestand. Was nutzte es nun, wenn man Paketmarder und Brotdiebe am schwarzen Brett an den Pranger stellte, man hätte das Übel bei der. Wurzel packen und den Leuten genügend zu essen geben sollen. Aber das war wohl auch nicht mehr möglich.
In den letzten Wochen des März und April hatten wir viele Arbeitspausen, es kam kein Material mehr heran. Waren wir dennoch einmal ein paar Tage im Werk, dann saßen wir die meiste Zeit im Luftschutzbunker. Auf dem Werkgelände war eine sogenannte Bunkerhalle erbaut, die mit ihrer 6,80 Meter dicken Stahlbetondecke ziemlichen Schutz bot. Dort waren die meisten kostbaren und nicht mehr zu ersetzenden Maschinen untergebracht, so diente sie einerseits der Erhaltung der Betriebswerte, zum anderen der gesamten Gefolgschaft, auch Häftlingen und Kriegsgefangenen, zum Schutz bei Luftangriffen. Glücklicherweise hat die Bunkerhalle niemals einen Treffer bekommen und wir hatten keine Verluste mehr.
Wir schrieben den fünfzehnten April. Seit längerer Zeit wurde ein Transport aus dem KZ Buchenwald erwartet, statt dessen waren aber Transporte von weiblichen Konzentrationslagerhäftlingen eingetroffen. Wo die Buchenwälder blieben, war unklar. Die Frauen und Mädchen kamen in einem bedauernswerten Zustande an. Die Mehrzahl besaß kein Schuhwerk und hatte sich alte Fetzen um die Füße gewickelt. Müde, erschöpft, ausgehungert und ungepfegt schlichen sie an uns vorüber in unser früheres Quarantänelager, das nun ihre Heimstatt sein sollte. Erinnern wir uns, welch üblen Eindruck einst ein zerlumpter Bettler auf uns machte, um wie vieles peinlicher ist der Anblick eines zerschlissenen Bettelweibes. Wir schämten uns direkt unserer weiblichen Leidensgefährten.
Da wir ja nur durch einen Stacheldrahtzaun von ihnen getrennt lebten, war es bald trotz strengen Verbotes möglich, mit ihnen in Verbindung zu kommen, und wir konnten nur wieder feststellen, daß der Sadismus der größenwahnsinnigen SS-Kamarilla auch vor der Frau nicht Halt machte. Obwohl wir nun selbst in recht bedrängten Verhältnissen lebten, versuchten wir dennoch, ihnen ihr Schicksal zu erleichtern. Brot, Tabak und Schuhwerk wanderten durch die Luft ins Frauenlager und manch dankbares Aufleuchten in stumpfgewordenen Augen war der schönste Lohn. Mit Erschütterung erinnere ich mich noch jenes Augenblickes, als eine hübsche, wenn auch abgezehrte Jüdin sich an den Stacheldraht klammerte und bittend rief, wir möchten ihr doch ein kleines Stück Brot für ihre alte Mutter geben, die schon fast am Sterben sei. Aber an diesem Tage war es unmöglich, ihr zu helfen, und am nächsten Tage war die Mutter tot...
Und plötzlich eilte es wie ein Lauffeuer durch das Lager: die Buchenwälder kommen! Ich ging mit Propach ans Tor, um zu sehen, ob nicht vielleicht alte Bekannte darunter seien. Aber selbst wenn das der Fall gewesen wäre, wir hätten niemanden wiedererkennen können.
Ich hatte in fünf Jahren viel Not und Elend gesehen, war abgehärtet und abgestumpft gegen alles Grauenhafte, aber was hier meine Augen erblickten, überstieg so das Maß alles menschlichen Vorstellungsvermögens, war dermaßen grauenvoll, daß ich die Stunden dieses Elendsmarsches nie in meinem Leben vergessen werde. Nein, es war gar kein Marsch. Ein Ende ihrer Kräfte angelangt, wankten und schwankten sie daher, einzeln, zu zweien oder dreien aneinandergelehnt, Gerippe, deren Knochen mit Pergament überspannt schienen, Schemen des Hungers, gegen welche die Darstellungen einer Käte Kollwitz harmlose Karikaturen waren, Todgeweihte, die kaum noch die Kraft besaßen, Fuß vor Fuß zu setzen. Die Bilder, die uns mit Pinsel und Feder die großen Meister vom Rückzug der napoleonischen Armeen aus dem kälteklirrenden russischen Winter 1812 entworfen haben, verblassen vor der Wucht dieses Erlebens. Und diese armen, an der Grenze des Lebens taumelnden Geschöpfe wurden noch mit Kolbenhieben von ihren Begleitmannschaften angetrieben! Wir waren so empört, daß wir darüber unsere eigene Situation vergaßen und ihnen über den Zaun zuriefen, daß wir sie alle aufhängen würden, sollten wir noch einmal frei werden. Ein Hohngelächter antwortete uns ... aber es ist vierzehn Tage später in den Wäldern am Tegernsee im Blut erstickt.
Eintausendfünfhundert Mann war der Transport stark, dreihundert Tote blieben gleich am Bahnhof zurück und vom Rest starben täglich so viele, dass es den Lagerschreibern unmöglich war, sie namentlich zu erfassen. Die genaue Transportziffer ist niemals bekannt geworden, weil täglich hunderte unerkannt starben und weder Name noch Nationalität festgestellt werden konnten. Nicht einmal das Krematorium in Dachau vermochte die Arbeit zu bewältigen und es blieb nichts anderes übrig, als die Leichen in großen Gruben der Erde zu übergeben; ein Fall, der seit der Einrichtung der Verbrennungen in den Lägern einmalig dastand. Die Tragödie näherte sich ihrem Ende.” 1)
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1) Herrmann. Riemer, Sturz ins Dunkel, S. 149 ff.
