Kommandant der SS-Wachtruppe des KZ-Außenlager Dachau-Allach
„Leseabschrift der Vernehmung des Fritz Degelow Bl. 9 -13 d. A. 1)
Der am 26. April abends begonnene Abmarsch eines Teiles der Dachauer Häftlinge (Russen, Polen, Juden, Deutsche) konnte nur in den ersten 2 Tagen so eingehalten werden, wie es der Lagerkommandant SS Ostubaf. [Obersturmbannführer] Weiter befohlen hatte. Er, Weiter, hatte in Dachau einen Befehl des Reichsführers SS vorliegen, dass nur die angegebenen Nationalitäten, Russen, Polen, Deutsche, Juden, nach einem abgelegenen Gebirgstal in Tirol abtransportiert werden sollten.
Hierbei waren außer mir die Abteilungsleiter der Kommandantur
I. Abt. Adjutant SS Ostuf. [Obersturmführer] Otto 2)
II. Politische Abteilung
III. Schutzhaftlager SS Ostuf. Ruppert 3)
IV. Verwaltung SS Hstuf. [Hauptsturmführer] Wetzel 4)
V. Sanitätswesen SS Stubaf. [Sturmbannführer] Dr. Hintermayr 5)
VI. Fürsorge SS Ostuf. Rieth 6)
anwesend. Der Transport bestand aus ca. 10.000 Häftlingen, die im Fußmarsch in Kolonnen von 1.500 Mann mit halbstündigem Abstand abmarschierten. Es war den Häftlingen beim Abmarsch Verpflegung für 2 Tage ausgegeben. In Königsdorf, das nach 2 Tagen erreicht werden sollte, war Verpflegung für 20.000 Mann für 2 Tage deponiert. Jede Marschkolonne von 1.500 Häftlingen hatte ca. 100 Bewachungsmannschaften, die mitmarschierten.
Von der Polizei in München waren 5 Lastkraftwagen gestellt, um nicht marschfähige Häftlinge nachzubringen. Die Wagen sind am 27.4. zweimal die Strecke Pasing - Starnberg gefahren. Am 28.4. erschien jedoch nur noch ein Wagen - ohne Betriebsstoff, der dann wieder verschwand. Am 1. Marschtage wurde bis in ein Waldlager, ca. 5 km vor Starnberg marschiert, Marschstrecke ca. 23 km. Am 2. Marschtag bis 4 km südlich Wolfratshausen, gleichfalls ca. 23 km. In dem Lager bei Wolfratshausen habe ich auf eigene Verantwortung den Weitermarsch einstellen lassen, weil das Wetter sich stark verschlechtert hatte - Regen, Schneetreiben & [und] Kälte - und der körperliche Zustand der Häftlinge so war, daß bei einem sofortigen Weitermarsch 1000e liegen geblieben wären. Die Häftlinge wurden aus dem Proviantlager in Königsdorf verpflegt, indem ich mit meinem LKW die Verpflegung in das Lager fahren ließ. Da die Verpflegungsvorräte erschöpft waren, wollte ich sämtliche Häftlinge den amerik. Truppen übergeben.
In Königsdorf erhielt ich von einem SS-Brigadeführer – Polizeipräsident von München - Name unbekannt, den Befehl, die Russen & Polen sofort den amerikanischen Truppen zu übergeben, aber mit den deutschen & jüdischen Häftlingen in Richtung Bayrisch-Zell weiterzumarschieren, da dort wieder Verpflegung bereitstehen sollte. Am 30.4. marschierten die deutschen und jüdischen Häftlinge (ca. 3.000) in ein Lager zwischen Königsdorf & Bad Tölz, Marschstrecke ca. 15 km und am folgenden Tage 1.5. durch Bad Tölz nochmals 10 km.
Hauptmann Schwarz 7) aus KL-Flossenbürg meldete mir, dass ca. 50 Häftlinge infolge Erschöpfung und durch das kalte Wetter verstorben sind. Ich habe vorstehende Aussage ohne Zwang gemacht, ich habe sie durchgelesen und verstehe sie im Ganzen.
Ich schwöre vor Gott, dass ich die reine Wahrheit gesagt habe. Ich füge noch folgendes hinzu:
Die Offiziere der Kommandantur, die für die Häftlinge zu sorgen hatten z.B. der Lagerkdt. Weiter, 8) der Verwaltg. Führer SS-Hstuf. [Hauptsturmführer] Wetzel, die Lagerärzte, der Adjutant SS-Ostuf. [Obersturmführer] Otto, haben nach dem Abmarsch, trotzdem es ihre Pflicht war, [sich] um nichts mehr bekümmert und sind mit den Fahrzeugen voller Lebensmittel, Wein, Schnaps & dergl. nach Tirol gefahren. Wenn sich die Offiziere der Kommandantur um den Marsch bekümmert und die Dutzende von L.K.W. und P.K.W. hierfür zur Verfügung gestanden hätten, hätten keine Menschen um das Leben kommen müssen. Fritz Degelow“ 9)
Fritz Degelow bestätigte in dieser Vernehmung einen Räumungsbefehl für das KZ Dachau. Dieser „Räumungsbefehl“ galt auch für die Außenlager der KL, also auch für Dachau-Allach und das O.T.-Lager Allach-Karlsfeld und war ausschließlich auf deutsche, russische und jüdische Häftlinge beschränkt.
1) Fritz Degelow, * 25.2.1898 in Gotha, † 4.2.1958, SS-Nr.: 178978, SS-Sturmbannführer, Wirtschaftsprüfer, Deutscher, Kommandeur des SS-Wachbataillons Dachau, des SS-Straflagers Allach, der O.T.-Lager Rothschwaige und Allach-Karlsfeld. Lagerkommandant des russischen BMW-Kriegsgefangenenlagers an der Dachauer Straße, zum Tod verurteilt im 1. Dachauer Prozess, später begnadigt zu 10 Jahren Haftstrafe. IMT Case No. 000-50-2 (US vs. Martin Gottfried Weiss et al) Tried 13 Dec. 45.
2) Johannes Otto, SS-Obersturmführer. Nicht ermittelt.
3) Friedrich Wilhelm Ruppert, * 2.2.1905 in Frankenthal (Pfalz); † 28.5.1946 in Landsberg am Lech, Deutscher, SS-Obersturmführer und Erster Schutzhaftlagerführer im KZ Dachau und KZ Majdanek. IMT Gase No. 000-50-2 (US vs. Martin Gottfried Weiss et al) Tried 13 Dec. 45.
4) Friedrich Julius Wetzel, * 14.6.1909 in Wittenburg; † nach 1951), Deutscher, SS-Hauptsturmführer und Leiter der Standortverwaltung des KZ-Dachau. IMT Case No. 000-50-2 (US vs. Martin Gottfried Weiss et al) Tried 13 Dec. 45.
5) Dr. Fritz Hintermayer, * 28.10.1911 in Grafing bei München; † 29.5.1946 in Landsberg am Lech, SS-Obersturmbannführer, SS- und Lagerarzt im KZ Dachau. IMT Case No. 000-50-2 (US vs. Martin Gottfried Weiss et al) Tried 13 Dec. 45.
6) Rieth, SS-Obersturmbannführer. Nicht ermittelt.
7) Ludwig Schwarz, * 1898, † 3.10.1947, SS-Hauptsturmführer und Kommandant des KZ-Außenlagers Hersbruck (Flossenbürg). Vgl. IMT Case No. 000-Flossenburg-1 (US vs. Georg Degner) Tried 12 June 47.
8) Eduard Weiter, * 18.7.1889 in Eschwege; † 2.5.1945 durch Selbstmord auf Schloss Itter bei Kitzbühel in Tirol, SS-Obersturmbannführer, war der letzte reguläre Lagerkommandant des Konzentrationslagers Dachau.
9) Fritz Degelow, StaA München, Staatsanwaltschaften 46415/1, Blatt 13a f.
