KZ-Häftling im O.T.-Lager Allach-Karlsfeld
„Während dem nächtlichen Entladen von Zement aus Zugwaggons erlitt Fritsch 1) einen Kreislaufkollaps und blieb regungslos auf dem Boden liegen. Die etwa 50 Kg schweren Zementsäcke mussten in der Nacht in doppelter Geschwindigkeit entladen werden. Häftlinge, die Fritsch helfen und ihn in eine Hütte bringen wollten, wurde dies verboten. So lag Fritsch bewusstlos die ganze Nacht auf dem kalten Boden. Nach Abschluss der Entladearbeiten wurde der Befehl gegeben, den bewusstlosen Amerikaner auf den Handkarren zu laden und ihn ins Lager zurückzubringen (der Handkarren wurde in der Regel verwendet, um Kisten zu transportieren). Ich muss hier erwähnen, dass die Entfernung vom Entladeplatz zum Lager etwa 3 bis 4 Kilometer war. Die meisten Häftlinge hatten abgenutzte Holzschuhe an. Auf dem gesamten Weg waren an den Geleisen, Treppen und Brücken SS-Männer mit Hunden postiert. Während des Transportes fiel Fritsch vom Handkarren. Da das Tempo des Marsches durch die SS-Männer nicht verlangsamt wurde, gab es keine Möglichkeit den bewusstlosen Fritsch wieder richtig auf die Karre zu legen, so dass sein Gesicht ständig über den Boden schleifte. Dies war einer der Ursachen, warum der Ingenieur in der Krankenstation mit den schrecklichen äußeren Verletzungen eingeliefert wurde. Aus diesem Grund war auch alle medizinische Hilfe vergeblich.
Als Zeugen für die Richtigkeit der Aussagen gebe ich die folgenden ehemaligen Häftlingsärzte an: Dr. Hermann Kessler, 2) Dr. Imre Wirtmann, 3) Dr. Johann Sandor, 4) Dr. Vilmos Barsony 5) alle derzeit im DP Camp Allach, den ehemaligen Häftlings-Kapo Joseph Goldberg, 6) derzeit im DP Camp Feldafing. Andere Zeugen sind der ehemalige Kapo Weigl 7) jetzt in der Tschechoslowakei, ein Müller 8) (Aufenthalt unbekannt) und Dr. Robert Savosnick 9) (derzeit American Field Hospital, Drontheim, Norwegen).
Ich glaube, dass Mayer für den Tod des Ingenieurs Fritsch aus den folgenden Gründen voll verantwortlich ist:
a) Mayer gab an seine SS-Männer den Auftrag, dem jüdischen Häftling, falls er krank würde, nicht zu helfen. Als er diesen Auftrag gab, erklärte er: (auch in Gegenwart der Häftlinge), „Es ist ja nur ein dreckiger Saujud“.
b) Mayer verhinderte die Behandlung und Aufnahme von Kranken in das Krankenrevier. Sie waren unterernährt und schwach. Insassen mit weniger als 38,5 º (C.) Körpertemperatur mussten arbeiten. Er forderte täglich von der Station eine Liste aller nichtbehandelten „Drückeberger“.
Zeugen: Die obige Übersicht der ehemaligen Häftlings-Ärzte sowie den ehemaligen Stations-Kapo Ludwig Mayrhofer 10) (derzeit mit Wohnsitz in Gmunden). c) Mayer selbst pflegte, die Gefangenen mit dem Stock zu schlagen, die sich für den Krankenappell aufgestellt hatten. Aus diesem Grund vermieden viele Gefangene die Behandlung im Krankenrevier, wenn sie hörten, dass Mayer im Revier war. Bis jetzt ist das nur der Fall des amerikanischen Bürgers Fritsch. Das ist jedoch kein Einzelfall. Das ist außerdem der Teil des effizient organisierten Verfolgungssystems, damit Mayer seinen Sadismus und Brutalität so entsetzlich begehen konnte.
Als ein anderes Beispiel zitiere ich den folgenden Fall: 2. Der Tod des jüdischen Häftlings Brunner. 11) Während einer Inspektion der Häftlinge in den Blöcken fand Meyer, dass Brunner nicht ausreichend sauber sei. Er hatte sein Bett verschmutzt. Brunner war extrem schwach und litt unter Gastroentercolitis 12) und Durchfall. Zudem war er leicht geistesgestört und litt an Typhus. Ohne jede Überlegung ging Mayer auf den kranken Brunner zu und fing an ihn mit den Fäusten zu schlagen und mit den Füßen zu treten. Er trat ihn derart brutal, dass er ohnmächtig wurde und auf die Station mit einer Coronari Thrombose 13) eingeliefert werden musste. Auch in diesem Fall war jede medizinische Hilfe zu spät. Trotz Injektionen starb Brunner nach kurzer Zeit. Doch Mayer war nie zufrieden. Sein Durst nach Blut war noch nicht mit dem Tod dieses Häftlings gestilIt. Am darauffolgenden Sonntagnachmittag strafexerzierte Mayer mit den einzelnen Blocks („er nannte es Sport“).
Dieser Sport wurde wie folgt ausgeübt: Die Insassen mussten sich auf den nassen Boden werfen, sich hinlegen und kriechen. Anschließend mussten sie die etwa 300 m lange Lagerstraße im Entengang entlanggehen und springen. Danach mussten sie alle um die Blöcke laufen, bis der größte Teil von ihnen auf der Straße gestürzt war. Mayer hatte die sadistische Lust Häftlinge mit einem Stock zu schlagen. Häftlinge, die das Tempo nicht mehr mithalten konnte, wurden von Mayer geschlagen. Aus diesem Grund versuchte auch der schwächste Häftling Mayers Befehlen zu folgen, um dem Stock und dem Hund bei einem Sturz zu entkommen. Die Verteilung der Arbeit funktionierte bei Mayer nachfolgendem System: Stärkere Häftlinge wurden auf einfache Kommandos verteilt. Die Schwächeren wurden dem Todeskommando (Kommando Bunkerhalle) der Firma der Sager & Woerner zugeteilt. Das Kommando begann vor dem Morgenappell um 5 Uhr. Sie mussten schwerste körperliche Arbeit verrichten und kehrten als letztes ,Kommando‘ erst nach dem Abendappell - der um 19 Uhr stattfand - zurück.
Mayer nahm keinerlei Rücksicht auf Häftlinge, die ,untauglich' oder ,schonungsbedürftig' waren und die dazu eine Bestätigung von einem Arzt der Wehrmacht hatten. Er schickte diese Männer ohne zu zögern in das ,Todeskommando‘, manchmal sogar mit dem gleichen Kommando auf die 12 Stunden dauernde Nachtschicht. Jede Intervention der Häftlings-Ärzte oder der Stations ,Kapos' blieb erfolglos und wurde von Mayer in zynischer Weise abgelehnt. Das allgemeine Bild von Mayer ist das eines brutalen und feigen Mannes, der seine unbefriedigte persönliche Willkür an den Häftlingen ausließ.“ 14)
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1) Albert Fritsch., * 20.5.1900 in Klausenburg, # 89328, Ingenieur, Sch.-J., verh., 2 Kinder, Jude, Ungar. Vgl. ITS 1.1.6.7\FRIEDMANN-GAIK\0410. 2) Dr. Hermann Kessler, * 11.3.1890 in Nagy Karoly, # 70816, Arzt, Sch.- J., verh., 1 Kind, Jude, Ungar, Amerikaner. Vgl. ITS 1.1.6.7\KES-KLEIN-E\0090.
3) Dr. Imre Wirtmann, * 19.12.1902 in Nagygallo, # 88995, Arzt, Sch.- J., verh, Jude, Ungar. Vgl. ITS 1.1.6.7\WIEDER-WITEQ\1229.
4) Dr. Johann Sandor, * 13.9.1888 in Grosswardein, # 71255, Arzt, Sch.- J., verh., 1 Kind, Jude, Ungar. Vgl. ITS 1.1.6.7\SAG-SARK\1150.
5) Dr. Vilmos Barsony, * 28.3.1895 in Grosswardein, # 70913, Arzt, Sch.-J, verh., 1 Kind, Jude, Ungar. Vgl. ITS 1.1.6.7\BARRE-BEC\0054.
6) Joseph Goldberg, * 26.12.1924 in Libau, # 92226, Zahntechniker, Sch.- J., led., Jude, Ungar. Vgl. ITS 1.1.6.7\GL-GOLDR\1358.
7) Otto Weigl, * 29.1.1899 in Tschalkowitz, # 68647, Forstbeamter, Sch.- J., led., Jude, Tscheche. Seit 12.8.1944 von Auschwitz kommend Häftling im O.T.-Lager Karlsfeld, Hilfskapo. Vgl. ITS 1.1.6.7\WAU-WEISZ-R\0543.
8) Müller, nicht ermittelt.
9) Dr. Robert Savosnik, * 8.10.1915 in Drontheim, # 90464, Arzt, Sch.-J., led., jüd., Norweger. Vgl. ITS\1.1.6.7\SARL-SCHEE\0388.
10) Ludwig Mayerhofer, * 1.5.1907, # 25268, Bäcker, Sch., led., kath., Deutscher. Vgl. ITS 1.1.6.7\MAYB-MERN\0303.
11) Eugen Brunner, * 19.4.1899 in Klausenburg, # 89467, Spediteur, Sch.-J., verh., 1 Kind, Jude, Ungar, verstorben am 16.11.1944. Vgl. ITS 1.1.6.7\BRUD-BURGZS\0215. Eugen Brunner war am 6.8.1944 mit dem Transport aus Warschau in das O. T.-Lager Rothschwaige überstellt worden.
12) Magen-Darm-Entzündung (Magenschleimhautentzündung).
13) Herzattacke.
14) Ernst Landau, KZGSD Archiv 42578. Aussage vom 29. Juni 1945 in Feldafing.
Ernst Landau
Ein ehemaliger Allacher Häftling erzählt (...)
„Im Hauptlager Dachau verblieb ich nur einen Monat. Dann wurden wir aufgeteilt und ich kam nach Allach. Zu dieser Zeit war das Lager schon aufgebaut, aber sehr primitiv. Wir haben da weitergebaut (...). Der Lageralltag bestand darin, dass wir um fünf oder sechs aufstehen mussten, dann Antreten zum Waschen. Das war sehr wichtig, man durfte sich nicht gehen lassen, im eigensten Interesse. Es gab viele, die haben sich gehen lassen und dann sehr dafür gebüßt (...). In der Frühe kam dann der Kessel mit Kaffee, eine Brühe, dann wurde der Kaffee ruckzuck eingenommen. Anschließend gab es den Appell, da musste man antreten und wurde abgezählt. Dann wurde man in Arbeitskommandos eingeteilt. Die meisten wussten schon, in welches sie gehörten. Es kam auch vor, dass einer krankgeschrieben wurde; das musste ein SS-Mann melden, damit dann das entsprechende Kommando wieder aufgefüllt werden konnte. Kranke wurden entweder zurückgeschickt oder in den Revierblock gebracht, da gab es Abstufungen. Welche, die stärker krank waren, die sich kaum bewegen konnten, kamen in ein Revierbett. Vor ,Schwerkranksein‘ hat man sich ja gehütet, weil man ja wusste, dass dann der SS-Mann zur Selektion kam und man dann abtransportiert wurde. Leider konnte ich da einem guten Freund, der mit mir jahrelang durch die Lager ging, nicht mehr retten. Das Lager war ja durch eine Straße vom BMW-Werk getrennt. Da musste man über eine extra gebaute Holzbrücke, die war gesichert durch SS-Posten, damit niemand von dieser Brücke runterspringt und zu entfliehen trachtet. Ich war als Schreiber dem Revier [Krankenrevier] zugeteilt, da sind wir immer mit einem Arzt oder Sanitäter zusammen mit einem SS-Mann ausgerückt, um Unfälle und Krankheitsfälle aufzunehmen. Es waren schreckliche Verhältnisse im BMW-Lager, muss ich leider sagen. Da war nicht nur die SS brutal zu den Häftlingen, sondern das waren auch deutsche Arbeiter. Nicht nur, dass sie sich lustig gemacht haben, sie haben auch mit Gummiknüppeln zugeschlagen. Das war eine üble Bande, aber sie waren ziemlich aufgehetzt; das muss man so sehen, wie es war. Deutschland war damals regiert von Verbrechern, es gab keine menschlichen Vorbilder. Das was an Vorbildern da war,war brutal und gemein (...) Die BMW hat sich nach dem Krieg derart schändlich benommen, sie wollte nichts wissen von dem Geschehen damals, im Gegensatz, etwa zu den IG Farben, die für das Buna-Arbeitslager in Polen eingestanden sind. Die bayerischen Motorenwerke nicht. Die hat das überhaupt nicht berührt, dass dort Menschen umgebracht worden sind. Ich habe einmal Herrn von Kuehnheim, 15) der vor einigen Jahren Boss war von BMW, ganz öffentlich angesprochen und ihm dann auch geschrieben - Keine Reaktion (...) Zur Bevölkerung außerhalb des Lagers gab es eigentlich keine Kontakte. Wenn uns Leute gesehen haben, haben sie lieber weggeschaut. Wegschauen, nichts mit uns zu tun haben, sich um nichts kümmern, eine Haltung einnehmen nach dem Motto: Ich sehe nichts - ich höre nichts - ich weiß nichts. Als das Lager aber noch aufgebaut wurde, marschierten öfters Häftlinge nach Dachau zurück. Ich erinnere mich da zum Beispiel an eine Frau, eine ältere Frau, sehr gut. Die hat sich dort hingestellt, wo wir marschiert sind. Die hatte eine schwarze Einkaufstasche und darin hatte sie Brot, bereits in Stücke geschnitten und hat jedem von uns eins zugesteckt. Und einmal wurde die Frau angefahren von einem SS-Mann und beschimpft. Sie hat den ganz ruhig angeschaut und dann gesagt: ,Schamst di goa net? Zwei wie dich hab ich an der Front.‘ Dann ist er ruhig geworden und hat nichts mehr gesagt. Das war eine kleine, sehr seltene Hilfe, aber moralisch hat auch sowas dazu beigetragen, einen aufzurichten.“ 16)
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15) Eberhard von Kuehnheim, * 2.10.1928 auf Schloss Juditten (Ostpreussen), BMW-Vorstandsvorsitzender von 1970 - 1993.
16) Ernst Landau, KZGSD Archiv 42578. Gespräch vom 6.11.1995.
