US-Militärrabbiner
„Am 20. April eroberte das XV. Armeecorps Nürnberg und am 30. April das etwa 180 km weiter südöstlich gelegene München. Damit hatte unser Corps die Ehre, die beiden Schwerpunkte des Nazismus einzunehmen. Zwischen Nürnberg und München, in der Stadt Treuchtlingen, wurde mir eine große Sefer Thora ausgehändigt. Einer der dortigen Beamten hatte sie im Rathaus versteckt in jener Novembernacht 1938, als die Treuchtlinger Synagoge niedergebrannt und alle jüdischen Bürger Treuchtlingens umgebracht oder in die Wälder getrieben wurden.
Das Konzentrationslager Dachau, 18 km nordwestlich von München gelegen, war am 29. April erobert worden. Ich traf am Nachmittag des 30. April dort ein. Die Gräuel dieses Lagers sind von so vielen in allen Einzelheiten geschildert worden, dass ich mich auf meine Reaktionen und die meiner Kameraden beschränken möchte. Auf dem Bahnhof Dachau sahen wir die 39 Güterwagen stehen, beladen mit Leichen von Juden. 39 Güterwagen voll kleiner, verschrumpelter Mumien, die buchstäblich verhungert waren. Wir sahen die Gaskammern und die Krematorien, noch gefüllt mit verkohlten Knochen und Asche. Und wir weinten nicht nur Tränen der Betroffenheit, wir weinten Tränen des Hasses. Soldaten, Juden und Nichtjuden, Schwarze und Weiße weinten diese Tränen des Hasses. Dann traten wir beiseite und sahen zu, wie die Lagerinsassen ihre früheren Bewacher aufstöberten und zusammentrieben, von denen sich viele an den verschiedensten Stellen des Lagers zu verstecken suchten. Wir standen daneben, als diese Wachen totgeschlagen wurden, so fürchterlich zerschlagen, dass ihre Körper aufplatzten und die Eingeweide herausquollen. Wir sahen mit weniger Teilnahme zu, als wenn ein Hund verprügelt worden wäre. Wir waren wahrhaftig vollkommen ungerührt. Wut und Hass hatten unsere Gemüter abgestumpft. Diese Bestien bekamen, so meinten wir, genau das, was sie verdient hatten. So tief sinkt die menschliche Natur angesichts menschlicher Entartung.
Bald nach meiner Ankunft in Dachau begegnete ich Meyer Levin, 1) dem Schriftsteller und Journalisten. Am nächsten Morgen fuhren wir gemeinsam nach Allach, 2) einem Nebenlager von Dachau, das etwa 7 km entfernt lag. Das Lager Allach war nach Juden und Nichtjuden unterteilt, auf etwa 6.000 Nichtjuden kamen 3.300 Juden. Die Bedingungen innerhalb der einzelnen Abteilungen werden durch einen simplen statistischen Vergleich deutlich. Am ersten Tag, an dem ich dort war, starben 40 Juden und 5 Nichtjuden. Mit anderen Worten, die Todesrate bei Juden lag etwa fünfzehn Mal so hoch wie für Nichtjuden. Als Todesursache registrierte man Unterernährung und allgemeine Entkräftung. Sowohl in Allach wie in Dachau war der Tod etwas Alltägliches. Die nackten Leichen, die zum Abtransport vor den Baracken lagen, waren ein vertrauter Anblick. Sie rochen nicht. Es war kein Fleisch mehr an ihnen, das hätte faulen können, nur mehr Haut und Knochen. Während ich im ,Lazarett‘ von Allach auf einer Bettdecke saß und mich mit Professor Schwartz 3) unterhielt, der sechs Jahre lang der einzige unkonvertierte jüdische Professor der Universität Warschau gewesen war, starb der Mann, auf dessen Bett ich saß. Ein Arzt kam vorbei, sah, dass er tot war, und zog ihm die Decke über den Kopf Professor Schwartz und ich unterhielten uns ruhig weiter. Einfach nur so. Ich stand nicht einmal von dem Bett auf. ,Armer Kerl‘, sagte Professor Schwartz: ‚jetzt tut ihm nichts mehr weh!‘ Es war ein durchaus passender Nachruf.
Den Juden von Allach schenkte ich die Thora aus Treuchtlingen. Die Schenkungsfeier und den damit verbundenen Gottesdienst werde ich nie vergessen. Es waren eine ganze Menge Rabbiner und Kantoren in Allach, darunter ein tschechoslowakischer Rabbiner, Dr. Klein, 4) der ungefähr zwölf Sprachen beherrschte. Während des Gottesdienstes dankte mir Dr. Klein fließend in englisch, deutsch und ungarisch für die Thora. Ein weiterer bewegender Augenblick kam als ein Kantor aus Warschau mit sehr schöner Stimme das ,El Male Rachamim‘ 5) sang. Nach der Feier drängten buchstäblich hunderte von Menschen an mich heran küssten mir die Hand und baten um ein ,Autogramm‘. Es war recht peinlich. Ich fand, dass ich derjenige war, der sich vor ihnen demütigen müsste wegen allem, was sie erlitten und überlebt hatten. Immer wieder musste ich mir vor Augen halten, dass sie nicht mich ehrten, sondern die wundervolle amerikanische Armee, die sie vor dem sicheren Tod und vor körperlichen und seelischen Foltern bewahrt hatte, die vielleicht noch schlimmer gewesen wären. Durch eine Kugel sterben, sagten viele, ist so leicht und schnell. Aber langsam zugrunde gehen, seelisch und körperlich, durch Folterungen, Demütigungen und Hunger, ist schlimmer.
Die Verwaltung des Allacher Lagers oblag einem nichtjüdischen amerikanischen Offizier, Leutnant Schneider [Snyder] und einer kleinen Gruppe amerikanischer Soldaten, die Himmel und Erde in Bewegung setzten, um so rasch als möglich Nahrungs- und Arzneimittel für die Verhungernden und Kranken herbeizuschaffen. Eine wertvolle Hilfe war ihnen eine besondere, gut durchorganisierte, disziplinierte Gruppe von Lagerinsassen, die ein Komitee bildeten. Leutnant Schneider, Anfang zwanzig, ein abgehärteter Frontoffizier, stellte sich der Situation mit dem Hirn eines hervorragenden Organisators und dem Herzen eines Heiligen. Er machte die Tragödie dieser unglücklichen Menschen zu seiner eigenen Sache. Mit einem solchen Mann zusammenzuarbeiten, hat auch inmitten von Elend und Sterben etwas Erhebendes. In den ersten Zeilen habe ich unsere Wut, unseren Hass geschildert. Wer solche Gedanken hegt, muss völlig sicher sein, dass sie sich auf die wirklichen Schuldigen richten und nicht auf jemanden, den er für schuldig hält. So oft ich jemanden Gedankenloses sagen höre, der einzig gute Deutsche sei ein toter Deutscher denke ich an die hunderte von Deutschen und Österreichern, mit denen ich in den Konzentrationslagern zusammentraf: Geistliche und Minister, Anwälte und Ärzte, Sozialisten und Pazifisten, Arbeiter und Bauern, lebende Skelette, in deren Augen das unzerstörbare prophetische Feuer und eine grenzenlose Liebe zum Mitmenschen loderte.
Ich denke an die vielen Deutschen, die ich kenne, die unter eigener Lebensgefahr Juden das Leben gerettet haben. Ich denke besonders an den SS-Mann Schmidt. 6) Schmidt war der Typ, dessen die Nazis sich am liebsten rühmten, der perfekte, typische Arier, groß, blond und gut aussehend. Er war Pilot bei der Luftwaffe. Er wurde abgeschossen und verwundet und dann in die SS gepresst. Er war ein deutscher Patriot, der sein Vaterland liebte, aber Hitler und die Nazis und alles, wofür sie eintraten, aus tiefster Seele hasste. Im Frühjahr 1944 wurde er als Blockführer nach Allach geschickt, in die jüdische Sektion. Er beschützte seine jüdische Herde auf jede Weise, die in seiner Macht stand. Jeden Abend hörte er heimlich die Sendungen des BBC 7) und gab den Hoffnungen der Allacher Juden neue Nahrung, indem er vom Vormarsch der Alliierten berichtete.
Als er erfuhr, dass gewisse Juden zur Vernichtung bestimmt waren, versteckte er sie, bis die Gefahr vorüber war. Es heißt sogar, dass er, wenn einer der jüdischen Häftlinge an Typhus erkrankte - was einer Fahrkarte in die Gaskammern gleichkam - ihn in einer Fuhre Stroh hinausschmuggelte, bei sich zuhause von seiner Frau gesundpflegen ließ und wieder ins Lager zurückschmuggelte. Drei Tage vor dem Eintreffen der amerikanischen Befreier soll er zwei MGs und zwei Gurt Munition in seinem Streuwagen ins Lager gebracht und im Jüdischen Sektor vergraben haben. Er ließ seine jüdischen Mitbrüder (dank ihm kann ich dieses Wort in seiner vollen Bedeutung gebrauchen) wissen, er werde mit ihnen bis zum bitteren Ende gegen die übrige SS kämpfen, falls diese den Versuch machen, die Juden vor ihrem Rückzug niederzumetzeln. Zum Glück machte sich die SS so rasch davon, dass es gar nicht dazu kam. SS-Mann Schmidt lief nicht weg. Er zog seine Uniform aus, zog Zivilkleidung an und ging nach Hause.
Drei Tage später beschloss er, zu den Juden des Allacher Lagers zurückzukehren. Er ging mit seiner Frau bis zum Tor, wo sie von einem amerikanischen Wachsoldaten angehalten und verhört wurden. Als Schmidt bereitwillig zugab, deutscher Soldat gewesen zu sein, nahm man ihn naheliegenderweise fest und wollte ihn umgehend ins nächste Kriegsgefangenenlager bringen. Seine Frau ging ins Büro der Lagerverwaltung und bat Leutnant Snyder. 8) Einige der jüdischen Blockältesten wurden gerufen und bestätigten die Wahrheit dessen, was ich hier niedergeschrieben habe. Sie sagten weiter aus, dass die Juden von Allach dankbar und glücklich wären, ihren deutschen Kameraden in ,Schutzhaft‘ zu nehmen, damit er weiter mit ihnen arbeiten könne. Leutnant Schnyder holte sich die Erlaubnis des Armeehauptquartiers und Schmidt durfte als Arbeiter im Lager verbleiben. Er wurde von der Militärbehörde entlassen und der Obhut des Jüdischen Lagerkomitees unterstellt. Ich begleitete Herrn und Frau Schmidt aus dem Büro bis ins Jüdische Lager. Es wurde die Heimkehr eines Helden. Die Juden umringten ihren geliebten ,Führer‘, umarmten ihn, küssten ihm Gesicht, Hände und Füße. Der große Mann brach in Tränen aus. Danach seine Frau. Und schließlich. Als ich Allach verließ, wohnten Herr und Frau Schmidt im Hauptbüro des Jüdischen Komitees und Herr Schmidt war eine Schlüsselfigur in den vielen verschiedenen Hilfsprogrammen, die von dort ausgingen.
Einige Wochen später erfuhr ich, dass die Schmidts das Lager in aller Stille verlassen hatten, niemand wusste, wo sie hingekommen waren. Anscheinend hatten sie davon gehört, dass einige ,schlechte‘ Deutsche in der nahegelegenen Gemeinde Dachau sich geschworen hatten, die ,Verräter‘ bei der ersten sich bietenden Gelegenheit umzubringen. Es gab und gibt immer noch viele üble Deutsche, genauso viele wie gute. Aber das kann man von jeder Menschenart auf dieser Erde sagen. Nach zwei Tagen Allach kehrte ich am 3. Mai nach Dachau zurück und tat dort vorübergehend Dienst beim Lagerstab.“ 8)
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1) Levin Meyer, *.5.10.1905 in Chicago, Kriegsberichterstatter für die Jewish Telegraphic Agency während des Vormarsches der US-Armee.
2) Diese Anmerkung gehört zum Originaltext: „Tatsächlich handelte es sich beim Komplex Allach um mehrere Außenkommandos des KL Dachau, die zum Teil Zaun an Zaun nebeneinander lagen: Die Juden waren im O.T.-Lager Karlsfeld. Daneben lag das Lager München-Allach.“
3) Professor Schwartz, Nicht ermittelt.
4) Dr. Klein, Tscheche. Nicht ermittelt.
5) „Gott voll Gnade“; Gebet zum Totengedächtnis.
6) Schmidt, Pilot, SS-Mann, Blockführer.
7) BBC British Broadcasting Corporation
8) Erster US-Lagerkommandant war Sgt. Snyder.
9) David Max Eichhorn, Sabbath-Gottesdienst im Lager Dachau, Bericht des US-Militärrabbiners über die erste Maiwoche 1945, Dachauer Hefte, Band 1, S. 207 ff.
