Sowjetische Kriegsgefangene
Die Auswertung basiert auf allen zwischen 1943 und bis Januar 1945 in das KZ-Dachau überstellten Fremdarbeiter und sowjetischen Kriegsgefangenen. Grafik: Klaus Mai, München 2026

Eine Auswertung der Häftlingsdatenbank in Dachau ergab, dass zwischen 1. Januar 1943 und 31. Januar 1945 12.617 sowjetische Zivilarbeiter und 958 sowjetische Kriegsgefangene in das KZ-Dachau überstellt wurden. 1) Die Zahl, der in das KZ-Dachau überstellten, sowjetischen Zivilarbeiter („Ostarbeiter“) war im Durchschnitt im gleichen Zeitraum mehr als zehnmal größer als die der sowjetischen Kriegsgefangenen.

In der Grafik oben sind zwei große Zivilarbeitertransporte nach Dachau erkennbar. Im September 1943 wurden 1.941 Ostarbeiter direkt von den heimatlichen Verladebahnhöfen mit der Deutschen Reichsbahn in das KZ-Dachau überstellt, im September 1944 weitere 1.849 sowjetische Zivilarbeiter eingewiesen. Die Zahl, der zur Zwangsarbeit in das KZ-Dachau überstellten, sowjetischen Kriegsgefangenen blieb in diesem Zeitraum mit zwischen 50 und 90 Kriegsgefangenen in etwa gleich. Sie kamen überwiegend über das Stalag VII A (Kriegsgefangenen-Stammlager) in Moosburg und wurden wie die Ostarbeiter der Rüstungsindustrie als Facharbeiter zugeteilt. 

Innerhalb des KZ-Dachau wurden die sowjetische Kriegsgefangene durch „Haftartänderungen“ zu sowjetischen Zivilarbeitern“ umdeklariert“. 3) Im „Normalfall“ mussten Kriegsgefangene erst aus der Kriegsgefangenschaft, d. h. aus der Obhut der Wehrmacht mit Zustimmung des Stalag-Kommandanten entlassen werden, bevor sie von der Gestapo in ein KZ überstellt werden konnten. Dies galt für sowjetische Kriegsgefangene ab 1942 nicht mehr. Zudem wurden flüchtige und wieder ergriffene oder wegen anderer Delikte verhaftete sowjetischen Kriegsgefangene 3) von der Gestapo direkt in das KZ-Dachau eingewiesen. Der zuständige Kommandant des Stalag VII/A musste  einer solchen Einweisung durch die Gestapo nicht zustimmen. 

Nach einem Bericht des Rüstungskommandos München vom 21.09.1944 waren im Stadtbereich München in über 230 Außenkommandos insgesamt 9.421 Kriegsgefangene in Landwirtschaft, Industrie und öffentlichem Sektor zur Arbeit und zum Kriegsdienst eingesetzt. 56% von ihnen waren sowjetische Kriegsgefangene. 4) Der hohe Anteil russischer Kriegsgefangener in der Rüstungsproduktion bei BMW-Allach wird durch Generalfeldmarschall Milch bestätigt. In einer Besprechung, betreffend die zentrale Planung des Arbeitseinsatzes, am 16. Februar 1944 führte er aus: „Die Rüstungsindustrie arbeitet auch sehr weitgehend mit Ausländern, und zwar nach den letzten effektiven Zahlen mit 40% (...). Unser hochwertigster neuer Motor [BMW 801] wird zu 88% von russischen Kriegsgefangenen gemacht und die übrigen 12% sind deutsche Männer und Frauen. An der Ju 52 (...) arbeiten bei einer monatlichen Produktion von 50 bis 60 Maschinen nur 6 bis 8 deutsche Männer, im übrigen nur ukrainische Frauen, die alle Arbeitsrekorde der Facharbeiter gedrückt haben.“ 5) Nach Angaben von BMW waren im Juni 1942 in den Werken München-Milbertshofen und Allach 184 russische Kriegsgefangene in der Produktion und beim Werksausbau eingesetzt. Um den weiter zunehmenden Mangel an Facharbeitern auszugleichen wurden sowjetische Kriegsgefangene eingesetzt. Dazu war neben dem Werk II in Allach südlich des BMW-Wohnlagers Ludwigsfeld an der Dachauer Straße bis Ende 1942 ein Lager für etwa 600 Kriegsgefangene errichtet worden. Gleichzeitig entstand in unmittelbarer Nähe das KZ-Außenlager Dachau-Allach als werkseigenes Konzentrationslager von BMW. Bis dahin waren bei BMW überwiegend französische Kriegsgefangene eingesetzt worden. Ende 1942 arbeiteten bei BMW München und Allach 9.925 Ausländer aus über 30 Nationen, etwa 10% davon sowjetische Kriegsgefangene. Ihr Anteil hatte sich von Juni bis Dezember 1942 von 184 auf 1.039 verfünffacht. Die Rekrutierung der Kriegsgefangenen erfolgte über die Gauarbeitsämter, die über ihre „Zweigstellen“ in den Stalags die Kriegsgefangenen auf Antrag der Firmen zuwies. „Kriegswichtige Rüstungsbetriebe“ wie BMW wurden dabei besonders berücksichtigt. Nahezu alle Kriegsgefangenen für BMW kamen über das Stalag VII/A aus Moosburg, das diese den Firmen, Gemeinden und Militärbehörden zuteilte. Die Entlohnung der Kriegsgefangenen erfolgte in „Lagergeld“. 
_______________________________
1) Die sowjetischen Zivilarbeiter wurden direkt mit der Bahn nach Dachau überstellt.
2)
3) Dabei veloren sie ihren ohnehin bereits eingeschrankten Schutzstatus (Genfer Konvention) als Kriegsgefangene und wurden damit der SS Schutzlos ausgeliefert.
4) Vgl. BA RW 17/55, Zahlen: Sowjetrussen: 5.321 (56%), Serben: 139 (1%), Polen: 13 (0%), Franzosen: 1. 952 (21%), Briten: 1.664 (18%), Italiener: 332 (4%).
5) IMT, Band XXVIII, S. 346, Stenografische Niederschrift der 53. Besprechung der Zentralen Planung betreffend Arbeitseinsatzes am 16. Februar 1944.

nach oben