„Bombenräumkommando
Die Luftangriffe auf München galten nicht allein den Wohnvierteln, sondern auch den Produktionsstätten von Kriegsmaterial. So wurde vor allem das Hauptwerk der Bayerischen Motorenwerke, BMW 1, Ziel der Bomben. Neben der Zerstörung von Werkhallen waren es die Blindgänger, die für beträchtliche Arbeitsausfälle sorgten, denn einige von ihnen besaßen Zeitzünder, die erst nach Tagen die Explosion auslösten. Dadurch entstand eine große Unsicherheit auf dem gesamten Werksgelände. Also mußten die hochbrisanten Gefahrenherde beseitigt werden.
Was lag da näher, als sich der Häftlinge in Allach zu entsinnen, für die man ja ohnehin beträchtliche Summen an die SS zahlte. Rasch wurde man sich einig und so beschloß die Lagerleitung, ein Kommando zur Räumung von Blindgängern im Münchner Werk bereitzustellen. Es sollte aus zehn Freiwilligen bestehen, denen die Entlassung nach Beendigung ihrer Tätigkeit zugesagt wurde. Abgesehen davon, daß wir von dieser Art Versprechen nichts hielten, gab es aber auch Diskussionen darüber, ob ein KZ-Häftling sich dazu bereit erklären durfte, freiwillig sein Leben für diese gefährliche Arbeit zu riskieren. Aber war das Leben im Lager nicht ebenfalls voller Risiken? Draußen jedoch kam man mit anderen Menschen zusammen. Es war die halbe Freiheit. Zudem war das Ende des Krieges in greifbare Nähe gerückt. Konnten wir wissen, was man am Ende mit uns vorhatte? Außerhalb des Lagers aber, mit Kontakt mit der Zivilbevölkerung, gäbe es sicherlich eine Möglichkeit, den Vollstreckern zu entkommen. Die Meinungen der Kameraden blieben geteilt, doch eine Anzahl Freiwilliger, darunter auch ich, erklärten sich bereit zur Bombensuche.
Zehn von ihnen wählte man aus, und ein Lastwagen brachte uns nach München. In einem unterirdischen Luftschutzbunker des [BMW] Werks wurden wir einquartiert und mit dem nötigen Werkzeug versorgt. Unsere Bewachung bestand aus sogenannten „Hilfsgermanen“, rumänische und ungarische SS-Männer, die sich mit der deutschen Sprache sehr schwer taten.
Die technische Leitung versah ein Feuerwerker der Luftwaffe, ein sympathischer und uns Häftlingen gegenüber sehr zuvorkommender Mensch. Nachdem jeder von uns seine Kammer im Bunker zugewiesen bekommen hatte, ging es an die Arbeit. Der Feuerwerker besaß einen Lageplan, in dem die Aufschlagstellen der Blindgänger verzeichnet waren. Als wir den ersten Grabungsort erreicht hatten, forderte er die Posten auf, sich in einem Abstand von mindestens fünfzig Metern von der Fundstelle aufzuhalten. Diese Maßnahme diene ihrer Sicherheit, erklärte er ihnen, als er ihre verdutzten Gesichter bemerkte. Zu uns gewandt aber: „Die wollen wir hier nicht in der Nähe haben zum schnüffeln.“ Unsere Arbeit lief folgendermaßen ab: Einer von uns begann, an der Fundstelle zu graben. Die anderen gingen in einiger Entfernung in Deckung. Nach zehn Minuten löste ihn der nächste ab, der daraufhin abermals nach zehn Minuten abgelöst wurde. Stieß man endlich auf den Blindgänger, bei der Druckwelle alle zerbrochen am Boden. Doch die konnte man ersetzen, unseren fröhlichen Schorsch jedoch nicht.“ 1) Anm: Das Bombenräumkommando war in der Baracke 1 des KZ-Außenlagers Dachau-Allach untergebracht. Das Versprechen der SS, die Häftlinge des Bombenräumkommandos nach Ende ihrer Tätigkeit freizulassen wurde nicht eingehalten.
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1) Oertel, Otto, Als Gefangener der SS, S. 253 - 264.
